Kundschaften Sie das Terminal aus. Schreiten Sie es der Länge nach ab. Komplett. Sie haben drei Stunden. Suchen Sie das gesündeste Essen, das hier zu finden ist. CC BY 2.0 Robert Couse-Baker/flickr

So überstehen Sie den Flughafen:

Kommen Sie früh am Flughafen an. Früh? Ich erkläre Ihnen, was ich meine, wenn ich früh sage. Kommen Sie so früh am Flughafen an, dass ein Freund Ihnen eine SMS schickt, in der steht, "Was, bist du 60, oder was?" Sie sind aber nicht 60, Sie sind viel älter, die meisten 60-jährigen Reisenden scheinen ja gar nicht mehr zu wissen, wie weise es ist, früh anzukommen.

Die Behörden empfehlen, bei internationalen Flügen zwei Stunden vor dem Start da zu sein. Ich sage: vier. Kommen Sie vier Stunden vor dem Abflug. Sie sind 150 Jahre alt. Ihre Freunde lachen Sie aus. Haben Sie Geduld.

Kommen Sie früh, und bewegen Sie sich durch den Flughafen wie der Dalai Lama. Sie haben keine Eile. Sie nehmen alle Hürden geduldig, mit einem Lächeln. Gehen Sie zum nächsten freien Check-in-Schalter. Sagen Sie, ich bin ein bisschen früh, aber ich möchte einchecken. Staunen Sie erst über die Überraschung, dann über die Großzügigkeit, die Ihnen entgegenschlägt. Sie können nun einen geräumigen Platz am Ausgang haben oder einen hinter einer Trennwand. Natürlich können Sie auch ein Upgrade in die Business-Klasse kriegen. Dinge, die vermeintlich unveränderbar sind, weil sie auf Ihrem Ticket stehen, werden nach einigen Telefonanrufen, ein wenig Stirnrunzeln und euphorisch vorgetragenen Grußformeln speziell für Sie modifiziert. Das alles passiert, wenn niemand hinter Ihnen am Check-in-Schalter wartet.

Die Sicherheitskontrolle

Begeben Sie sich dann zur Sicherheitskontrolle. Haben Sie keine Angst vor diesem unsinnigen Theater. Vor den zusammengekniffenen Blicken derer, die angeblich Mörder und Dschihadisten suchen. Fürchten Sie nicht die Flaschenkontrollen, die gefürchteten Flüssigkeitskontrollen, die Sorry-Sir-nur-100-Milliliter-erhobener-Zeigefinger-das-können-wir-nicht-durchgehen-lassen-Kontrollen. Sie müssen auch nicht befürchten, die Leute in der Schlange aufzuhalten, während Sie ihre Schuhe ausziehen, den Gürtel abnehmen und diverse Kleiderschichten ablegen im Namen der Flugsicherheit, damit nicht ein Flugzeug nach dem anderen durch Schuhbomben- und Gürtelbomben- und Babymilchbombenangriffe vom Himmel fällt. Sie müssen nichts davon befürchten, denn es steht so gut wie niemand hinter Ihnen an. Die Schlange ist kurz. Der Ansturm kommt erst noch.

Weigern Sie sich, sich durchleuchten zu lassen. "Male opt-out!", ruft dann jemand – da sei ein Mann, der die Opt-out-Option nutze. "Sir, diese Scanner sind jetzt sicher." – "Ich weiß, aber das haben Sie vergangenes Jahr über die alten Maschinen auch gesagt." – "Sir, während des Flugs bekommen Sie mehr Strahlung ab als in diesem Gerät." – "Oh, wirklich? Dann sollte ich vielleicht die Chance nutzen, so wenig wie möglich abzukriegen."

Male opt-out! Atmen Sie tief ein und aus, wenn jemand diese Worte ruft. Sie sind der Dalai Lama. Sie hacken den Flughafen, indem Sie früh ankommen. Sie wissen, dass Sie all die Arbeit, die Sie zu Hause hätten erledigen können – die E-Mails, die Text-, die Fotoarbeit –, auch am Flughafen machen können. Nur ein bisschen später.

Male opt-out! Ihr Körper wird abgetastet. Sensible Körperstellen mit dem Handrücken, sehr sensible Körperstellen mit sehr feinfühligen Handteilen. Sie wissen auch nicht, wie Sie das finden sollen. Geht die Durchsuchung zu schnell, ist das alles nur Geschwafel. Denn jeder, der wirklich explosives Material um die Hoden oder unter die Brüste geklebt hat, käme dann auch durch. Dauert sie lange, wird dafür die rechte Pobacke unangenehm ausführlich abgetastet. Egal. Die Zeit ist auf Ihrer Seite. "Alles klar, Sir, keine explosiven Materialien gefunden, Sie können durchgehen, danke."

Das Terminal

Noch drei Stunden oder mehr bis zum Start. Perfekt. Sie finden die Toiletten. Ihr Gang ist federnd, Sie tippeln sanft, Sie gleiten über die Teppiche. Sie haben keine Eile. Sie sind der Dalai Lama. Urinieren Sie so leise wie nie zuvor. Sie haben es geschafft. Sie haben noch so viel Zeit. Sie haben den Spießrutenlauf hinter sich. Schließen Sie den Reißverschluss.

Nächste Aufgabe, erkunden Sie das Gelände. Kundschaften Sie das Terminal aus. Schreiten Sie es der Länge nach ab. Komplett. Sie haben drei Stunden. Suchen Sie das gesündeste Essen, das hier zu finden ist. Gibt es so etwas? Überraschenderweise ja. Manchmal. Nicht immer, aber oft. Es zu finden, erfordert Geduld. Die haben Sie. Merken Sie sich den Ort, an dem es verkauft wird.

Die nächste Aufgabe ist die schwierigste. Sie suchen die CNN-freie Zone. Die MSNBC-freie Zone. Die geplärr- und gedröhnfreie Zone. Die Zone ohne die Fernsehnasen. Eine Zone der Ruhe. Die Hören-Sie-auf-Ihre-Gedanken-Zone. Die Mach-Deine-Arbeit-Zone. Die Lies-ein-Buch-Zone. Die Ich-will-hier-einfach-nur-sitzen-Zone. Sie suchen die kleine Ecke der Vernunft in einer Welt der Nachrichtenticker.

Passenderweise ist dieser Ruhebereich, diese vernachlässigte Ecke des Terminals, auch der Rückzugsort für Flughafenangestellte, die Pause haben. Aus dem gleichen Grund, aus dem Sie in einem indischen Restaurant essen möchten, das auch Inder besuchen, möchten Sie in jenem Teil des Terminals herumhängen, in dem es auch die am schönsten finden, die sich hier am besten auskennen.

Nehmen Sie Platz. Stöpseln Sie Ihren Laptop ein. Lächeln Sie Ihre uniformierten Gefährten an, die Sie ignorieren oder abschätzig anschauen. Erledigen Sie die Arbeit, die Sie zu Hause getan hätten. Ihr Flug geht erst in Stunden. Machen Sie zwischendurch eine Pause. Essen Sie das gesunde Essen. Besteigen Sie das Flugzeug.