Miquel und Santiago Costa © Brigitte Kramer

Santiago Costa ist etwas knorrig, nicht besonders freundlich, eher geduldig. Geduldig mit Besuchern, die das andere Formentera entdecken wollen. Ein guter Ausgangsort dafür ist seine weinumrankte Veranda. Hier sitzt Costa im Schatten vor seinem Haus auf dem Hochplateau La Mola. Unten muss das Meer an die Felsen schlagen, aber hier oben hört man nichts, nur das Summen der Insekten. Es riecht nach trockener Erde und wildem Thymian. Salz und Feuchtigkeit legen sich auf Haut und Haare. Sie erinnern uns daran, dass wir auf einer Mittelmeerinsel sind.

Hinter Costa, dem frisch pensionierten Biologielehrer des einzigen Gymnasiums der Insel, steht ein kleiner Feigenbaum. Er trägt keine Früchte, obwohl jetzt, im Sommer, Feigensaison ist. "Ich hab ihn erst vor ein paar Jahren gepflanzt", sagt er, "dieses Jahr hat es kaum geregnet, da braucht er wohl noch eine Weile." Costa hat viele Feigenbäume gepflanzt. Schließlich sind sie Sinnbild seiner Insel. Sobald sie größer sind, wird er ihre untersten Zweige abschneiden und die etwas höheren auf Holzstützen binden. So können die Schafe die tief hängenden Früchte nicht fressen. Und sie können sich im Schatten der ausladenden Baumkrone ausruhen. Außerdem verhindert diese alte Technik, dass tief hängende Zweige, die den Boden berühren, neue Wurzeln schlagen. Feigenbäume sind eigenwillig. "Wenn man sie nicht pflegt, verwuchern sie und man hat irgendwann einen riesigen Verhau," sagt Costa.

Dann steht er auf und zeigt seinen Garten. Eine pinkfarbene Madonnen-Lilie steht in voller Pracht, neben einem Spalier, an dem unreife Weintrauben hängen. Ein Aprikosenbaum ist überladen mit gelbroten Früchten. Demnächst will Costa Marmelade machen. Das Paradies Formentera, von dem er erzählt, ist unspektakulär.

Für Santiago und seinen älteren Bruder Miquel, der bald aus dem Nachbarhaus herüberkommt, ist Formentera einfach "unsere Insel". Seit mehr als 60 Jahren wohnen sie hier. "Sie ist klein, aber hat alles", sagt Santiago. Er meint die unterschiedlichen Lebensräume, in denen er gerne Stelzenläufer, Schwarzhalstaucher, Brandgänse oder Seeregenpfeifer beobachtet, manchmal auch Flamingos. Es gibt Salzbecken und Lagunen im Norden, eine Steilküste hier im Osten, Dünenlandschaft im Süden oder Agrarland und Wald im Inselinneren. "Wer die Insel kennen lernen will, sollte zu Fuß gehen oder ein Fahrrad mieten", sagt er, "dann wird er sie lieben." Vor allem im Sommer knattern Vespas und Mietwagen über die Insel. Das Paradies der Costas aber ist eine nicht urbane Insel.

"Ein urbaner Lebensstil, obwohl es keine Stadt gibt?"

Wenn Santiago Costa aber über seine Arbeit als Lehrer spricht, merkt man, dass seine Vorstellung nicht die aller ist. Er habe die Kinder der Hippies unterrichtet, erinnert er sich, und die der Kellner und der Saisonarbeiter und der letzten Bauern. "Anfangs waren die Schüler noch mehr naturverbunden, sie kannten ihre Insel", sagt er. "Heute imitieren sie einen urbanen Lebensstil, hier auf Formentera, wo es doch keine einzige Stadt gibt."

Es gibt auch keinen Flughafen. Jedes Jahr kommen rund 800.000 Menschen auf die Insel. Die meisten nehmen die Fähre von Ibiza, die Fahrt dauert nur eine halbe Stunde. Das Schiff ist Formenteras einzige Verbindung zur Außenwelt, im Sommer legt es täglich 44 Mal an und ab. Andere kommen mit dem eigenen Boot, ankern in einer der Buchten, mieten sich ein Apartment oder steigen in einem der 47 Hotels ab. Formentera hat mehr als 30 Strände, die meisten unverbaut. Holzstege führen über geschützte Dünenlandschaften, wo Strandhafer, Strandschneckenklee, Orchideen oder Wacholder wachsen. Die 80 Quadratkilometer kleine Insel wird als Europas Karibik oder als das letzte Paradies im Mittelmeer beworben.

Am folgenden Morgen nimmt mich Miquel Costa mit aufs Meer. Sein kleines Motorboot liegt in Es Caló, einem Naturhafen an der Ostküste. Nach einem kurzen Manöver mit Getucker und Geplätscher im minzfarbenen Küstenwasser zischen wir zur Steilküste, die hier mehr als 100 Meter aus dem Meer ragt. Miquel wollte mir die Felsen von La Mola zeigen, sie sind gefährlich und für ihn schicksalsträchtig. Während der kurzen Fahrt wird das Meer smaragdgrün, dann ultramarin, später nachtblau. Da fahren wir schon langsamer, über uns rufen und kreischen Möwen und Sturmtaucher. Wir hören, wie die Wellen an die Felsen schlagen.