Wenn die Fans wegen Snoop Lion (besser bekannt als Snoop Dogg) aufs Exit kommen, wie 2013, ist es dann noch das alte Exit? Man kann aber auch fragen, ob es noch das alte Exit sein muss. © REUTERS/Marko Djurica

Ein paar Schritte über die Brücke, vorbei an Novi Saderinnen in kurzen Röcken, die Honigschnaps in Reagenzgläsern anbieten. Am Straßenrand balanciert eine beleibte Frau mit neongrüner Perücke eine Wasserflasche auf dem Kopf. Über verschlungene Gassen geht es hinauf auf die Petrovaradiner Festung. Alte Männer verkaufen aus ihren Wohnzimmerfenstern selbstgebrannten Rakija für wenige Dinar. Dann erreicht man den Gipfel der Festung und den Mann, der den Ausnahmezustand verantwortet.

Dušan Kovačević, 35, lange Beine, riesige Hände, Jeanskluft. In diesen Tagen Mitte Juli ist er der Herr über die Festung. Dort findet das Exit-Festival statt, zum 15. Mal. Inzwischen hat es 200.000 Besucher aus mehr als 60 Ländern, neun große Bühnen, mehr als 100 DJs und Bands. CNN und Guardian wählten es unter die besten Festivals der Welt, es gewinnt einen Preis nach dem anderen, seit diesem Jahr darf es sich als das beste europäische Festival bezeichnen.

Dušan hat wenig Zeit, er will Damon Albarn vor seinem Auftritt auf der Hauptbühne noch bitten, auch alte Songs seiner Band Blur zu spielen. Die eignen sich besser für Festivals als dessen neue winselnde Balladen. Aber dann beginnt er von alten Zeiten zu erzählen und vergisst Albarn.

Dušan Kovačević © Promo

Dušans Geschichte kennt in Novi Sad jedes Kind. Es ist Ende der Neunziger, die Nato wirft Bomben, um Slobodan Milošević die Kontrolle über den Kosovo zu entziehen. Die Freiheitsbrücke, über die man heute zum Festival wandert, wird zerstört. Dušan studiert Wirtschaft an der Novi Sader Universität. In Serbiens zweitgrößter Stadt, knapp 400.000 Einwohner, Hauptstadt der Vojvodina, wo die Menschen langsam sprechen und in Erinnerung an die Zeit, in der sie zu Österreich-Ungarn gehörten, Mohnstrudel essen.

Milošević hat Dušans Universität die Autonomie entzogen, jemand hat das Schloss der Studentenvertretung ausgetauscht. Dušans Freunde wurden von regimetreuen Schlägern verprügelt. Er und seine Kommilitonen entscheiden, gegen den Diktator mit Musik zu protestieren. 100 Tage besetzen sie den Campus. Sie laden Künstler, Schauspieler und Musiker zu ihrem Protest ein, zeigen Filme und singen Lieder. Sie rufen den "state of exit" aus, den Staat Exit oder den Zustand Ausweg, je nachdem, wie man es lesen will. Sie stehen der serbischen Widerstandsbewegung Otpor! nah, die im Herbst 2000 an Miloševićs Sturz beteiligt ist.

"Es ist mehr für Leute aus England"

"Der Ausweg aus zehn Jahren Irrsinn", lauten Graffiti an den Wänden Novi Sads zu dieser Zeit. 2001 zieht das Festival in die Festung. Exit soll jetzt jedes Jahr stattfinden, dort, im Wahrzeichen der Stadt. Erbaut im 18. Jahrhundert, um Österreich-Ungarn vor den Osmanen zu schützen. Ihr Glockenturm trägt eine Uhr, die zum Festival passt. Man nennt sie "die betrunkene Uhr". Minuten und Stundenzeiger sind vertauscht, sie geht im Sommer schneller als im Winter.

Dušan Kovačević und seine Freunde haben wenig Ahnung von Musik, aber sie haben ein Ziel. Sie wollen den isolierten Serben die Musik zurückbringen. In den Neunzigern gab kein Künstler Konzerte im politisch umstrittenen Serbien. Exit, ein Fenster zur Welt. Die Studenten graben Löcher für Toiletten, kochen eigenhändig Eintopf für die Massen. Anfangs spielen viele Weltmusikbands. Dann wird Exit berühmt.

Davon erzählt in einem der kleinen Cafés der kaiserlichen Novi Sader Altstadt Višnja Svrdlan, 29, blonde Locken, große Brille. Hinter ihr Bierflaschen aus aller Welt, wie um Dušans Botschaft von der Öffnung des Landes zu unterstreichen. Višnja war 16, als die Studenten begannen, gegen Milošević mit Musik zu protestieren. Sie ist mit dem Festival mitgewachsen, begeistert auf die Konzerte gerannt, hat sich Bands aus der Region angesehen, wie Leb i Sol (Brot, Salz).

"Ich habe das Gefühl", sagt Višnja Svrdlan nun aber, "dass das Festival inzwischen mehr für Leute aus England gemacht wird als für uns." Seit Jahren geht sie nicht mehr hin. Sie erzählt von Rentnern, die genug haben von sonnenverbrannten Briten, die sich in der Festivalzeit in Badezeug durch ihre Gassen tanzen, betrunken die Parks belegen, dem Pizzabäcker überheblich zwei Euro mehr als nötig in die Hand drücken. Von den Anwohnern auf der anderen Seite der Donau, denen die Stroboskope ins Wohnzimmer blitzen und die Beats von der Festung den Schlaf rauben.

Exit, das bedeutete auch Versöhnung mit den anderen exjugoslawischen Staaten. In manchen Jahren standen DJs aus allen verfeindeten Nationen gemeinsam auf einer Bühne. Einmal wollte Dušan Kovačević sogar eine Schweigeminute für die Opfer des Massakers in Srebrenica ausrichten. Der jährliche Trauertag der Bosnier fällt in die Exit-Zeit. Doch dann gab es Drohungen von serbischen Nationalisten, die das Massaker leugnen. Seitdem ist Dušan vorsichtiger.