Zittau mit den Türmen von St. Johannis © ZEIT ONLINE/Tilman Steffen

Das Gespräch über Zittau beginnt meist mit einem Hörfehler: "Aus Zwickau kommen Sie, ach, das ist doch, wo in der DDR der Trabant gebaut wurde." Nein, ist es eben nicht. Der Trabbi wurde in Westsachsen zusammengeklebt, Zittau aber quetscht sich in den östlichsten Zipfel, es liegt dort, wo Deutschland auf Polen und Tschechien trifft. So geht das immer: Von der Barockstadt Dresden, der Sorben-Metropole Bautzen oder dem jugend-stilvollen Görlitz hat der Bildungsbürger zumindest schon gehört. Das nur eine halbe Autostunde weiter gelegene Zittau kennt keiner ("Liegt das nicht in Polen?"). Und nach Zittau kommt daher auch keiner, wenn er nicht gerade die Eltern besucht oder für einen Zeitungsartikel recherchiert.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung – die schon mal verbrannte Erde hinterlässt, wie kürzlich mit einer Reportage über den Odenwald in der Sonntagsausgabe – schrieb vor Jahren über Zittau, am Bahnhof rieche es nach Kuhmist. Beleidigt rief der Bürgermeister der einst blühenden Industriestadt seine Untergebenen zum Schlechte-Presse-Krisengipfel, der Landrat des Odenwalds tat jüngst dasselbe.

So läuft es immer: Die Provinzler sind empfindlich, wenn sie mit den Vorurteilen urbaner Milieus konfrontiert werden. Kaffee ohne Crema aus Porzellantassen, gar mit Kondensmilch – brrr. Eine Stadt ohne Autobahn- oder ICE-Anschluss – einfach unzumutbar. Dabei gibt es auch in Zittau Latte Macchiato, sogar beim Friseur, außerdem ein kommerzielles Lichtspielhaus, soziokulturelle Kneipenkinos, und die Fachhochschule hat die modernste Mensa Ostsachsens. Das Ensemble des frisch umgebauten Theaters spielt Horváth und Wedekind, Prokofjew und Offenbach. Langweilen muss sich hier keiner.

Ein paar Superlative gefällig? Schon die Anreise nach Zittau ist wie ein Urlaub: Die vierspurige Schnellstraße schwingt sich durch das Oberlausitzer Hügelland, am Horizont erblickt der betongeplagte Großstädter bald das Zittauer Gebirge – das kleinste Mittelgebirge Europas, seine Südhänge liegen in Tschechien. Die letzten Reisekilometer verlaufen entschleunigt durch beschauliche Industriedörfer, entlang regionaltypischer Umgebindehäuser. Ihr bogenförmiges Balkenwerk schützte einst die oben gelegene Wohnetage vor den Schwingungen der Webstühle im Erdgeschoss.

Denn bevor hier unter kommunistischer Planwirtschaft der Wettbewerb erstarb, florierten Textilwirtschaft und Fahrzeugbau. Der Reichtum ist bis heute sichtbar: Der Vorgebirgsort Cunewalde leistete sich die mit 2.632 Sitzen größte evangelische Dorfkirche Deutschlands, Zittau gab seine Hauptkirche bei dem Berliner Baumeister Karl-Friedrich Schinkel in Auftrag. In dem renovierten, klassizistischen Hallenbau kann man im Sommer der Hitze entfliehen, in der Türmerwohnung von Sankt Johannis sogar die Nacht verbringen. Der Türmer untermalt den Aussichtsrundgang mit der Trompete – sofern man ihn rechtzeitig darum bittet.

Das Fehlen von Baukapazität in der DDR-Mangelwirtschaft war nicht nur ein Nachteil, wie sich in Zittau zeigt. Die Bürgerhäuser um den Markt entgingen so jener Nachkriegsmodernisierung, die vielen westdeutschen Altstädten ihren Charakter raubte. Denkmalschützer konnten die Originalsubstanz restaurieren, etwa das Renaissance-Kloster, in dessen Hof im Sommer das Theaterensemble Klassiker spielt. Saniert sind auch das gewaltige Speicherhaus oder die gotische Kreuzkirche, wo in einer neun Meter hohen Glasvitrine das drittgrößte Fastentuch der Welt ausgestellt ist – vollendet 1472. Nur südlich des Marktes gibt es noch Sozialismus pur. Vor den brüchigen, bis heute unsanierten Fassaden entstanden mehrere Szenen der Verfilmung von George Taboris Mein Kampf. Und einige Bilder eines Fernsehkrimis über den (realen) Eberswalder Kindermörder Erwin Hagedorn wurden hier gedreht.

Eigentlich sollte die einstige 50.000-Einwohner-Stadt dem DDR-Braunkohleabbau weichen. Doch weil in Berlin die Mauer fiel, blieb Zittau stehen. Die Grube ist heute der Olbersdorfer See. An dessen Sandstrand lässt sich faulenzen, auf einem Campingplatz auch übernachten. Wer der Natur noch näher sein möchte, bucht seine Zimmer in einem der Gebirgsorte, am Fuße der 793 Meter hohen Lausche etwa, von wo man sich an kalten Tagen auch ins Erlebnisbad Großschönau flüchten kann. Oder er nächtigt im Kurort Oybin, dessen gleichnamiges Sandsteinmassiv Caspar David Friedrich zu seinem Werk Kreuz im Gebirge inspiriert haben soll. Wer nur einen Gipfel bezwingt, schafft es nachmittags noch zur Aufführung in die Waldbühne Jonsdorf. Abends geht es in die Bergkirche Oybin zur Abendmusik bei Kerzenschein. Zwei oder mehr Gipfel ergeben eine tagfüllende Wanderung. Proviant ist nett, aber nicht zwingend – vielerorts kann man einkehren, auf tschechischem Gebiet auch zu Bier und Böhmischen Knödeln.

Überhaupt muss man sich hier als Urlauber um wenig kümmern. Wer sich in Zittau und seinem Gebirge wohlfühlen will, braucht nur ein Auto, ein wenig Ruhebedürfnis, Lust auf frische Luft und Offenheit für die Menschen und Angebote einer Gegend, die eigentlich keiner kennt.

Kennen Sie auch eine unterschätzte Stadt? Warum ist sie unterschätzt? Schreiben Sie Ihre Hinweise einfach in die Kommentare!

1 St. Johannis (Johannisplatz/Markt): von Karl Friedrich Schinkel geplante und 1837 fertiggestellte Kirche. Sie gehört neben dem Rathaus zu Zittaus bekanntesten Bauwerken.

2 Kloster und Kreuzkirche (Klosterstraße 3): Museum. Zu sehen ist etwa das Große Zittauer Fastentuch.

3 Gerhart-Hauptmann-Theater (Theaterring 12): das Theater. Bei der Suche sollte man beachten, dass auch in Görlitz gespielt wird.

4 Soziokulturelles Zentrum Hillersche Villa (Klienebergerplatz 1): Veranstaltungen, Kurse, soziale Arbeit, Kneipe

5  Olbersdorfer See (Zur Landesgartenschau 2, Olbersdorf): Naherholungsgebiet

6 Trixi-Bad (Jonsdorfer Straße 40, Großschönau): Erlebnisbad

7 Zittauer Gebirge: Deutschlands kleinstes Mittelgebirge