Einerseits

Neun Millionen Menschen können nicht irren. So viele haben bis Oktober 2013 den Onlineübernachtungsservice Airbnb genutzt, der erst fünf Jahre vorher gegründet worden war. Laut Airbnb sind es mittlerweile mehr als 20 Millionen. Sie haben ihre Wohnungen geteilt, sind auf Zeit aus- oder eingezogen und haben dem Tourismus einen neuen Weg geebnet. Den zum authentischen Urlaubserlebnis.

Das Portal aus San Francisco, das in vielen Groß- und Kleinstädten Zimmer und Wohnungen von Privatpersonen auflistet, ist flexibler als die Tourismusindustrie, das gehört zum Prinzip. Die Schwarmintelligenz des Netzes leitet Besucher schneller in Viertel, als Hotelketten Dependancen auch nur planen können. Ein Vier-Sterne-Haus in Berlin-Kreuzkölln? Gibt es nicht. Eine schicke Altbauwohnung mit Dielen und hohen Decken? Kein Problem.

Flexibilität führt in diesem Fall zu Authentizität. Repräsentative Hotels befinden sich oft in einer zentralen Lage – die für Einheimische höchstens den Vorteil hat, ein Verkehrsknotenpunkt zu sein. Die Ramblas in Barcelona? Der Times Square in New York? Der Alexanderplatz in Berlin? Diese Orte scheuen die Bewohner der jeweiligen Städte. Und deshalb ist die Idee von Airbnb so attraktiv. Bei jemandem zu Hause zu übernachten, das beschert einem doch genau jenes Vor-Ort-Gefühl, das man sich im Urlaub wünscht.

Wohnungen, in denen echte Menschen leben, machen sich durch Macken bemerkbar. Zum Beispiel das Drei-Zimmer-Apartment in Redfern, einem hübschen Viertel in Sydney. Wenn der Kühlschrank anspringt, fliegt regelmäßig die Sicherung heraus, was die Reisenden daran merken, dass dann das Internet nicht funktioniert. Oder die Kinderbücher in der Wohnung im Strandviertel St. Kilda in Melbourne. Sie sind teilweise auf Slowenisch und erzählen vom Aufwachsen in einem neuen Land, ohne die alte Heimat zu vergessen. Oder das abgetrennte Zimmer in der Etagenwohnung in Madrid – wo die Besucher ein eigenes Badezimmer haben, aber mit der Gastgeberin in der Küche den Frühstücks-Cortado trinken können.

Diese Wohnungen vermitteln uns – auch wegen einiger Mängel – das Gefühl, Teil des Ortes zu werden, in den wir nur für ein paar Tage reisen. Wir sind welterfahren, wir wissen, welche Bar in welchem Viertel den besten Gin & Tonic mixt, welcher lokale Designer aufregende Button-Down-Hemden näht und welches Frühstückslokal Avocado-Fritters anbietet. Na ja, und wenn nicht, fragen wir eben das Internet.

Andererseits

Millionen Menschen können natürlich irren. Airbnb verkauft einen völlig irrationalen Anspruch an das Reisen: nämlich so wahrhaftig wie möglich in eine Stadt einzutauchen. Gern blenden die Weltgewandten dabei die Sorgen aus – es ist ja schließlich Ferienzeit. Gott bewahre, dass wir uns mit den Alltagsärgernissen von Istanbul, Rom oder New York auseinandersetzen müssen, den rasant steigenden Mieten, den teuren Kindergartenplätzen oder manch prekären Arbeitsverhältnissen. Airbnb gibt uns das Gefühl, in einer watteweichen Simulation anzukommen, in der im Idealfall Holzdielen unsere Sorgen abfedern.

Ja, Airbnb personalisiert das Reisen. Aber nein, wir finden deshalb nicht den wahren Kern einer Stadt. Auch wenn drahtloses Internet keinen Aufpreis kostet und es keine getakteten Frühstückszeiten gibt.

Wohnt hier wirklich eine Familie? © photocase

Airbnb bedeutet – anders als in vielen Hotels – nicht zu wissen, was auf den Gast (oder den Gastgeber) zukommt. Die Bilder und Bewertungen, die vorher zu sehen sind, vermitteln nur eine Ahnung. Weil die Apartments normalerweise nicht zu einschlägigen Ketten gehören, ist der Standard nicht messbar. Manchmal sind die angebotenen Bleiben eben doch nicht hübsche Privatwohnungen, sondern Ferienapartments. Wie das Apartment in Tel Aviv, in dem sich die Mieter die Klinke in die Hand geben. Eine Wohnküche, zwei Zimmer mit Betten, keine Familienbilder an der Wand, kein Schnickschnack von Reisen auf der Kommode. So lebt niemand, der morgens in die Kommunalverwaltung muss und abends das Essen für eine vierköpfige Familie auftafelt.

Oder die zweigeschossige Wohnung in Istanbul. Obergeschoss, feuchtes Treppenhaus, das Bad hat kein Fenster, ist also eigentlich nicht zu belüften, und der seltsame Schnitt über zwei Etagen (je knapp 12 Quadratmeter) kann nur voyeuristischen Paaren oder eben Kurzzeit-Mietern zugemutet werden. Dafür gibt es zwei Balkone. Zimmer mit Aussicht, darauf stehen Touristen.

Auch für Gastgeber birgt Airbnb Überraschungen. Wer seine Wohnung einstellt, darf keine Angst vor kleptomanischen Untermietern haben und muss prüfen, ob sich da nicht gerade eine Pornofilm-Produktion einnistet. Der New Yorker Comedian Ari Teman entdeckte im März 2014, dass seine Wohnung für eine organisierte Orgie gebucht wurde – und nicht für die Familie, die für eine Hochzeit in der Stadt weilte.

Andere Gäste benehmen sich schon bei der Anfrage so, als ob sie ins Ritz Carlton einchecken und nicht eine Einzimmerwohnung für 50 Euro gebucht haben. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander, wenn Urlauber sich nach einem Shuttle-Service vom Flughafen zur Wohnung erkundigen oder nach einem Gepäckträger für die Koffer – wie bei einem Freund in Barcelona geschehen. Airbnb ist kein Hotelservice. Wer diese Annehmlichkeiten braucht, soll bitte schön auch ins Waldorf Astoria oder das Le Meridien gehen.

Es ist wie bei vielen schönen Ideen. Nach einer Weile nistet sich der Missbrauch ein. Ganze Wohnungen werden dem Markt entzogen, Urlauber lärmen herum wie Pavianhorden. Vor Kurzem zogen Partytouristen, die vermutlich auch über Airbnb buchen, den Zorn vieler Bürger aus Barcelona auf sich. Junge Urlauber rannten nackt durch das Viertel Barceloneta. Ein berechtigter Unmut machte sich breit, in einer Gegend, in der viele Arbeiter und Geringverdiener wohnen.

Einige Städte haben bereits reagiert und die Gesetzeslage verschärft. In Berlin, Barcelona oder New York ist es schwieriger geworden, auf Airbnb für ein Apartment zu werben. Die Kommunen wollen Zertifikate verteilen, um Missbrauch zu verhindern und natürlich die steuerkräftige Hotel-Lobby zu befrieden. Es könnte sein, dass dem Onlineservice sein eigener Erfolg schadet. Und die Perfektion, die mittlerweile Anbieter wie Gäste anstreben: das am besten eingerichtete Zimmer, das auf jedes individuelle Bedürfnis zugeschnitten sein muss. Sorry, das hat mit dem kantigen Charme von Authentizität nun rein gar nichts zu tun. Da kann man gleich in den eigenen vier Wänden Urlaub machen.