Er kniet auf einem staubigen Zuckerrohrfeld und sucht nach einem Haus. "Hier muss es gestanden haben. Nach dem Dreh haben sie es einfach weggetragen. Es war aus Styropor", sagt Gary Dauphin und fährt mit seinen Fingern über die Erde von Oak Alley. Auf seinem Kopf ein Hut aus Leder, über ihm hängt der bleigraue Himmel Louisianas, neben ihm steht eine verwitterte Eiche – aber nicht irgendeine: Hier wurde der Auftakt von True Detective gedreht. Der düstersten und faszinierendsten Krimiserie der vergangenen Jahre.

Diese eine Szene, eine Nacht in Südlouisiana im Jahr 1995, das Zuckerrohrfeld brennt. Unter dem Baum die Leiche einer jungen Prostituierten, nackt und gefesselt, sie trägt ein Geweih auf dem Kopf. Die FBI-Ermittler Rust Cohle (Matthew McConaughey) und Marty Hart (Woody Harrelson) sollen den Ritualmord an der Frau untersuchen. Bald wird deutlich, dass der alkoholsüchtige Menschenfeind Cohle und der scheinbar geerdete Familienvater Hart kaum weniger kaputt sind als der Mörder, den sie suchen.

Gary Dauphin, Besucherführer auf der ehemaligen "Oak Alley"-Plantage © Sebastian Schneider

"In den meisten Serien bekommen sie unseren Akzent hier nicht hin. Aber diese Typen haben selbst das geschafft. Obwohl sie gar nicht von hier stammen", sagt Gary Dauphin. Er hat jede der acht Folgen von True Detective gesehen. Eigentlich führt Dauphin Besucher über Oak Alley, eine ehemalige Zuckerrohrplantage am Mississippi, eine Stunde westlich von New Orleans. In letzter Zeit aber kommt er kaum noch dazu, weil er sich ständig um Dreharbeiten kümmern muss.

Louisianas Filmindustrie boomt, im vergangenen Jahr entstanden hier mehr Spielfilme als in Kalifornien – "Hollywood South" wird der Staat an der Golfküste inzwischen genannt. Er lockt Produzenten mit den größten Steuerrabatten der USA, nirgendwo lassen sich Filme billiger herstellen. Und er lockt sie mit einzigartigen Schauplätzen wie dem Plantation Country, neun früheren Zuckerrohrplantagen aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg: protzige Paläste hinter weißen Säulen, moosbehangene Eichen, daneben die Bretterverschläge, in denen die Sklaven leben mussten. Heute stehen die meisten Anwesen Besuchern offen.

"Wir müssen mehr Anfragen ablehnen, als wir annehmen können. Wir möchten unsere Plantage nicht abschotten", sagt Gary Dauphin. 12 Years a Slave wurde nebenan auf der Felicity-Plantage gedreht, das Drama gewann im vergangenen Jahr drei Oscars. Quentin Tarantino filmte Django Unchained auf der Evergreen-Pflanzung zehn Meilen weiter östlich. Als Tarantino in der Schlussszene ein Haus in die Luft sprengen ließ, wackelten im Ort nebenan die Wände.

Eiche auf einem Zuckerrohrfeld der ehemaligen "Oak Alley"-Plantage in Vacherie, Louisiana. Hier wurde die Eingangszene der Serie "True Detective" gedreht. © Sebastian Schneider

Die neuen Bilder Louisianas haben nichts mehr mit dem klebrigen Südstaatenkitsch früherer Tage gemein. Sie zeigen eine finstere, zerfallende Welt. True Detective ist ein hypnotischer Trip in modernde Sümpfe und qualmende Ölraffinerien, in abgefackelte Kirchen und Wohnwagensiedlungen tief im Wald. Willkommen im Hinterland, dem "verrottenden Garten Eden", wie der Schöpfer der Serie, Nic Pizzolato, Louisiana genannt hat. Der Name von Matthew McConaugheys Figur wurde für diese Landschaft geschaffen: Rustin Cohle, eine abgeschliffene Form von Rust and coal – Rost und Kohle. Der Wirbel um True Detective  ist so groß geworden, dass das Tourismusbüro eine Liste der Drehorte zusammengestellt hat; sie lassen sich innerhalb eines Tages abfahren. Gary Dauphin hat sich von allen Szenen, deren Orte er wiedererkannt hat, Fotos ausgedruckt. "Ich habe meine Heimat noch nie so gesehen", sagt er.

So viele Touristen wie noch nie

Auch New Orleans, the Big Easy, das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Südens, profitiert vom Aufschwung der Filmindustrie. 2013 kamen so viele Touristen nach Louisiana wie noch nie: 27 Millionen; die meisten von ihnen fahren nach New Orleans. Die Wunden, die der Hurrikan Katrina dort vor neun Jahren hinterlassen hat, sind größtenteils verheilt, die Stadt wächst wieder. Als Drehort ist sie nicht nur wegen der Gassen des French Quarter beliebt, sondern auch, weil sich Regisseure hier auf engem Raum aus einer Vielzahl von Kulissen bedienen können.

"Die meisten der Filme, die hier gedreht werden, spielen gar nicht in New Orleans", sagt Jonathan Ray. Er bietet eine zweistündige New Orleans Movie Tour zu den Originaldrehorten der Stadt an. "Die Leute wissen alles über unsere Küche, den Karneval und unsere Musikszene. Aber sie wissen nichts über unsere Filme", sagt Ray.

Er ist ein schlaksiger Typ in Shorts und Flip-Flops, er singt seine Sätze mehr, als dass er sie spricht. Vor drei Jahren begann er mit seiner  Tour. Früher arbeitete er als Kameramann, 12-Stunden-Schichten, miese Bezahlung. Einmal durfte Ray selbst vor der Kamera stehen, Freunde hatten ihm eine kleine Gastrolle vermittelt. In einer Szene von True Detective spielte er einen Polizeifotografen. Er stand in der dunklen, zugewucherten Ruine einer Kirche. An der Wand hatte der Mörder ein Gemälde hinterlassen: eine riesige Frau mit einem Geweih. Ein Wesen wie aus einem Alptraum.

Parkverbotsschild an einer Laterne im Central Business District in New Orleans © Sebastian Schneider

Ray steuert seinen weißen Kleinbus durch die Straßenschluchten des Central Business Districts, westlich der Canal Street. In die Kopfstützen der Sitze sind Bildschirme eingebaut, Jason Statham liefert sich gerade in einer Szene des Krawallfilms Parker eine Verfolgungsjagd durch die Straße vor den Fenstern. "Wohooo", rufen Rays Gäste vom Rücksitz.

Dann fährt er durch das French Quarter mit seinen cremegelben und taubengrauen Fassaden, eine pastellfarbene Puppenstube. An vielen Stationen hat man beim Blick aus dem Fenster die gleiche Perspektive wie die Kamera. Steve McQueen spaziert hier durch den Regen, Bruce Willis ballert auf seine Verfolger, Elvis Presley singt von einem der schmiedeeisernen Balkone herab. An diesem schwülen Nachmittag watscheln unter dem Balkon vier rotgegrillte Touristen durch, sie trinken Bier aus Plastikbechern.

Draußen stehen verspiegelte Bürohäuser, Souvenirläden, Starbucks-Filialen, das Viertel sieht völlig austauschbar aus. In den vergangenen Jahren musste es als Chicago, San Francisco und New York herhalten. Das Drama Dallas Buyers Club entstand nicht in Texas, sondern in New Orleans. Und Arnold Schwarzenegger dreht hier im Moment auch den fünften Terminator. Die Parkbuchten sind für den Dreh abgesperrt. Am Straßenrand stehen Mülltonnen, auf ihnen steht: "Los Angeles".

Die Recherche wurde unterstützt vom Louisiana Office of Tourism und dem New Orleans Metropolitan Convention and Visitors Bureau.