ZEIT ONLINE: Herr Messner, in Nepal wird die erste Straße in die Everest-Region gebaut. Sie soll bis in die Gegend von Lukla führen, dahin konnte man bislang entweder fliegen oder laufen. Ist das gut für die Sherpas, die dort leben, oder schlecht?

Reinhold Messner: Zunächst einmal ist es eine Tatsache. Es handelt sich bei der geplanten Straße um eine touristische Infrastruktur. Eindeutig. Wir haben in den Alpen vor 150 Jahren angefangen, solche aufzubauen, in Nepal geschieht es jetzt. Ob es der Region bekommt oder schadet, das hängt davon ab, wie nachhaltig die Planung ist.

ZEIT ONLINE: In der Everest-Region gibt es bereits viele Touristen. Wie viel Tourismus ist gut?

Messner: Es gibt Touristen, ja, Zigtausend im Jahr, aber man kann wahrlich nicht davon sprechen, dass es dort Massentourismus gibt. Garmisch-Partenkirchen hat mehr Touristen als ganz Nepal, jedes Tälchen in Südtirol auch. Die Nepalesen verkaufen viele Teppiche, aber das ist keine Industrie, die das Land ernährt. Tourismus ist dort der größte Wirtschaftsfaktor.

ZEIT ONLINE: Die Touristen kamen bisher vor allem mit dem Flugzeug und der Flughafen liegt ungünstig.

Messner: Ja, ich bin selbst mehrmals nach Lukla geflogen, der Flughafen dort liegt in einem engen Tal, es ist sehr steil, und es hat dort ja auch schon Unglücksfälle gegeben. Bei Nebel da reinzufliegen, ist nicht angenehm. In dieser Hinsicht ist das Straßenbauvorhaben schon gut nachvollziehbar.

ZEIT ONLINE: Inwiefern könnte es denn nicht nachhaltig sein?

Messner: Es ist sehr schwierig, diese Straße zu bauen. Es wird starker Eingriffe in die Landschaft bedürfen. Man muss das im Einklang mit der Landwirtschaft angehen. Es muss ein Gleichgewicht zwischen vernünftiger Erschließung und nicht überbordendem Tourismus gewahrt sein, das ist nicht leicht. Aber es geht nicht anders. In Pakistan wurden die Straßen bereits gebaut, nahe Kathmandu, Nepals Hauptstadt, gibt es auch sehr viele Straßen in die Berge. Auch ein Alpental, in das keine Straße führt, wird verlassen. Was soll denn zum Beispiel eine Schwangere machen, wenn es keine Straße gibt? Ohne Mobilität ist unsere heutige Gesellschaft nicht lebensfähig.

ZEIT ONLINE: Sie kritisieren aber immer wieder den Everest-Eventtourismus. Wird der nicht befördert?

Messner: Die meisten Everest-Touristen kommen mit dem Hubschrauber ins Basiscamp. Die fliegen ja sogar zum Mittagessen aus. Wer für 60.000 oder 80.000 Dollar im Reisebüro den Mount Everest bucht, kann sich das auch leisten, polemisch gesagt. Nein, das ist hier nicht wesentlich. Die meisten Sherpas begrüßen das Projekt, und mit Sherpas meine ich nicht nur die Berghelfer, die Sherpas sind ja ein Volk. Viele von ihnen leben vom Tourismus. Und man hat im Kali-Gandaki-Tal in Nepal gesehen, dass es durch Straßenbau einen Aufschwung gab. Das ist die Gegend um den Annapurna.

ZEIT ONLINE: ... einen anderen Achttausender in Nepal. Viele erwarteten von der Straße sinkende Preise und mehr Wohlstand. Kritiker meinten aber, die Straße schrecke Touristen eher ab, die wegen des Naturerlebnisses kämen.

Messner: Und die Zahl der Besucher ist gestiegen, seit es dort die Straße gibt. Die Touristen brauchen Lastenträger, schlafen in Lodges und essen das Schaffleisch der Betreiber. Eines sollte uns einfach klar sein: Wir Alpenbewohner haben darauf gesetzt, die Alpen zugänglich zu machen. Es ist zu einfach, jetzt zu sagen, in Nepal sollte das nicht geschehen.