In Sachen Entschleunigung ist Saarbrücken schnell – hier die Freitreppe der Berliner Promenade © Oliver Dietze/dpa

Natürlich, Saarbrücken ist nicht New York. Der Hudson River des Saarlandes hat gerade einmal einen Durchmesser von gefühlt fünf Metern. Und schon in den Auen der Saar – an dieser Stelle muss ich mich verschämt räuspern – verläuft die Stadtautobahn. Freunde von Bausünden der sechziger Jahre kommen hier auf ihre Kosten.

"Saarbrooklyn" sagen die Einheimischen mit ironisch gebrochenem Selbstbewusstsein, wenn sie von der Landeshauptstadt sprechen. Denn Saarbrücken, das weniger als 180.000 Einwohner zählt und weit abgeschieden am Südwestrand von Deutschland liegt, ist Provinz – aber nur aus dem bundesdeutschen Kontext betrachtet. Man kann es auch wohlwollend sagen: Nur zehn Minuten sind es bis zur französischen Grenze, und eine Stunde Autofahrt ist es nach Luxemburg. Im Dreiländereck fließen daher auch kulturelle Strömungen zusammen.

Am besten fühlt man dieses Flair an einem trägen Sommer-Nachmittag in der Innenstadt, wenn sie von Menschen wimmelt. Sich nit zu vill vornemme, liewer gemiedlich Leude gucke! Das machen die Saarländer am liebsten. Sie und aus der Nachbarregion eingereiste Franzosen sitzen am Sankt Johanner Markt rund um den Brunnen (für Kenner der Materie: Stengel-Architektur) in Cafés, die bis auf den letzten Platz gefüllt sind. Daneben verkaufen die Markthändler aus dem grünen Umland ihre Waren. Im saarländischen Tatort der neunziger Jahre pflegte Ermittler Max Palu ("Palüüüü") durch genau diese Szenerie zu radeln – natürlich mit einem französischen Baguette unter dem Arm. Kein Wort hier allerdings über die aktuelle schauspielerische Besetzung des Tatorts, es würde die Atmosphäre dieses Textes eintrüben.

Daher zurück zu diesem wunderbar trägen Sommertag auf dem Markt: Wenn ich heute dort sitze, das saarländische Geschwätz und die französischen Wortfetzen vernehme, wenn mich zufällig Wiedergetroffene mit Küsschen auf beide Wangen begrüßen und dann weiter eilen und meine Mutter einen aus Frankreich importierten Crémant auf den Besuch ihrer Tochter trinkt, dann fühle ich mich einfach pudelwohl.

Daher sollte, wer einen Sommer-Trip nach Frankreich plant, eine Durchfahrt-Übernachtung in Saarbrücken erwägen – zum Beispiel von Samstag auf Sonntag. Mit dem Schnellzug sind es dann nur noch 90 Minuten nach Paris, auch das nähere Metz ist nicht nur wegen seiner imposanten Kathedrale eine Reise wert.

Saarbrückens Rathaus CC BY-SA 3.0 "SB-Rathaus" von Dirk Weishaar/Wikimedia Commons

Ganz Saarbrücken fährt am Samstag "in die Stadt", und weil das Zentrum recht klein ist, gibt es dort nichts zu verfehlen. Einfach losbummeln und nur eines nicht verpassen: Der inhabergeführte Schuhladen Fifty 6 hat drei Niederlassungen allein am Markt. Hier gibt es tolle französische Sandalen, extravagante italienische Lederschuhe und unglaublich nette Verkäufer, die sich grazil und geduldig zwischen Schuhkartontürmen bewegen, ohne etwas umzuschmeißen. Die schwarzen Merchandising-Taschen mit weißer Fifty-6-Schrift, die man zum Schuheinkauf erhält, sind in Saarbrücken Kult, auch Wochen später noch praktisch zum Verstauen von diesem und jenem, und sie sind weit verbreitet: Das geschulte Auge der Autorin hat bereits Passanten damit in Berlin identifiziert.

Nach dem Shoppen geht es auf den Markt, Kaffee trinken. Zum Beispiel in der Tante Maja, die immer am längsten Sonne hat, oder in der etwas alternativeren Tante Anna, mit Blick auf die schöne kleine Basilika St. Johann. Mit ein bisschen Glück kann man einem Brautpaar in spe und seinem Gefolge beim vorsichtigen Stolpern über das Altstadt-Kopfsteinpflaster zuschauen. Wer gut und saarländisch Mittagessen will, sollte Zum Stiefel Bräu gehen, dort gibt es selbstgebrautes Bier und Gefillde (Kartoffelklöße mit Speck) oder Bauernfrühstück mit Lyoner Wurst. Wer es exquisiter mag: In der nur einen kurzen Spaziergang entfernten Mainzer Straße befinden sich gleich zwei Michelin-Sterne-Restaurants. Natürlich ist die Küche französisch angehaucht.

Schon in den Saarauen verläuft die Stadtautobahn. © Landeshauptstadt Saarbrücken

Abends trifft sich "ganz Saarbrigge" dann am "Brunne" und in den umliegenden Kneipen. Das Nachtleben findet draußen statt, für die Elektrolyt-Grundlage passt ein Abstecher zum Pizzamann (aka "Rigatonimann") in der Kaltenbachstraße – am besten die Rigatoni mit doppelt Käse nehmen. Im von Studenten bevölkerten Nauwieser Viertel, einen Steinwurf weiter, gibt es zudem diese Kneipen mit den Oma-Möbeln und der Schrabbelmusik. Besonders schön trinkt sich sein Bier auf dem Bürgersteig vorm Fleur. Ansonsten einfach nach und nach vorarbeiten. Saarbrücken verfügt über keine sonderlich aufregende Disco-Kultur (pardon); aber das schönste ist sowieso, mit den redseligen Saarländern ins Gespräch zu kommen. Da alles so klein ist, trifft man sich automatisch im nächsten Etablissement wieder.

Freunde der Kultur sollten am nächsten Morgen die Open-Air-Veranstaltung Jazz am Schloss besuchen, eine wunderbar entspannte Art, den Sonntagvormittag kopfwippend zu Live-Musik, auf Bierbänken und bei einem guten Frischgezapften (im Saarland konkurrieren die örtlichen Biermarken Bruch und Karlsberg) zu verbringen. Im Saarland mag man es deftig, aber gediegen. Kurz, es ist wirklich alles beinahe wie in New York. Nur ganz anders.

Kennen Sie auch eine unterschätzte Stadt? Warum ist sie unterschätzt? Schreiben Sie Ihre Hinweise einfach in die Kommentare!

1 "Brunne" (St. Johanner Markt): Der Brunnen des Barock-Baumeisters Friedrich Joachim Stengel (1694-1787) steht dort, wo sich "ganz Saarbrigge" trifft.

2 Zum Stiefel (Am Stiefel 2): saarländisch Mittagessen mit Bier und Gefillde

3 Andere Schuhe: Fifty 6 (Bahnhofstraße 1-3)

4 Der Rigatonimann, auch bekannt als Pizzamann, auch bekannt als Rigatoni Toni (Kaltenbachstraße): Hier gibt es Rigatoni und Pizza, zum Beispiel. Ebenfalls gut ist die Baguetterie im Nebenhaus.

5 Le Noir (Mainzer Straße 10): Sterne-Restaurant

6 Gästehaus Klaus Erfort (Mainzer Straße 95): noch ein Sterne-Restaurant

7 Schloss (Schlossplatz): Das Saarbrücker Schloss ist wegen seiner gläsernen Mittelfassade nicht nur einen Blick von außen wert. Kinder können außerdem das Schlossgespenst treffen. Auch die Geschichte ist interessant, brannte das Barockschloss doch mehrfach nieder, unter anderem als die französischen Revolution jusqu’à la Sarre überschwappte. Bis Ende August immer sonntags gibt es Jazz am Schloss.

8 Ludwigskirche und Fürst Ludwig (Am Ludwigsplatz 13): Die Ludwigskirche ist von weißen Häusern des Barockarchitekten Stengel umgeben. Auch hier gibt es eine Kneipe, der Fürst Ludwig, mit harten Stühlen unter einem großen Baum und guten Quiches.

9 Völklinger Hütte: Sie gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Und Völklingen liegt so gut wie in Saarbrücken, zehn Kilometer westlich. Regionalzüge fahren halbstündlich. Wer die deutsche Industrialisierung, das Saarland und dessen bis heute tiefe Prägung durch Bergbau und Stahlarbeiten verstehen will, muss einmal in der imposanten Völklinger Hütte gewesen sein. Neben Führungen durch das stillgelegte Stahlwerk finden heute auch Konzerte in dem Bau statt, in diesem Sommer noch bis zum 22. August der Völklinger Hütten Jazz.