Touristen in Persepolis © John Moore/Getty Images

Karge Wüsten und Skiresorts, gletscherbedeckte Vulkane und fruchtbare Täler. Millionenmetropolen wie Teheran und unbewohnte Inseln wie Hengam, die lustvolle Poesie des persischen Dichters Hafis und ein konservativ-islamisches Regime, das den kleinsten Internetflirt kritisch beäugt. Offizielles Verbot sozialer Netzwerke und ein Präsident mit mehr als 230.000 Fans auf Twitter, in westlichen Köpfen verankerte Bilder vorbeihuschender Frauen im dunklen Tschador und ein gigantischer Markt für Mode, Schönheits-Operationen und Kosmetik: Der Iran ist ein Land, das kontrastreich wirkt und stets ein "Ja, aber" provoziert. Seit jeher fasziniert das Land daher auch europäische Reisende. Das 1904 erschienene Buch Nach Isfahan des französischen Schriftstellers Pierre Loti etwa ist ein Klassiker der Orient-Reiseliteratur.

In diesem Jahr zieht es Touristen wieder verstärkt in den Iran. Das behauptet nicht nur die iranische Nachrichtenagentur Fars, das sagen auch Anbieter von Studienreisen. Von einem regelrechten Boom spricht Manfred Schreiber, Gebietsleiter für den Nahen Osten bei Studiosus: Seit dem Amtsantritt des als vergleichsweise liberal geltenden Präsidenten Hassan Ruhani 2013 sei "die Nachfrage enorm gestiegen". 2013 nahmen 500 Reisende an Studienreisen des Anbieters in den Iran teil, die Zahl der Buchungen habe sich im Vergleich dazu mehr als verdoppelt. Schon früher sei der Iran ein gut gebuchtes Reiseziel gewesen, sagt er. Während der Amtszeit des Präsidenten Ahmadinedschads sei die Nachfrage allerdings stark gesunken – schon direkt nach seiner Wahl 2005. "Als dann 2009 die Proteste gegen die Wahlmanipulation gewaltsam niedergeschlagen wurden, gingen die Buchungen noch stärker zurück."

Auch beim Anbieter Gebeco, der das Land seit mehr als zehn Jahren im Programm hat, steigt die Nachfrage nach Studienreisen in den Iran: "Sie ist sogar so stark, dass wir in diesem Jahr Zusatztermine aufgelegt haben", sagt Geschäftsführer Ury Steinweg.
Die Gründe dafür sieht er in der Vielzahl der kultur- und kunsthistorisch sehenswerten Orte. Tatsächlich ist die Liste der studientouristischen Ziele lang, 17 der Unesco-Weltkulturerbestätten befinden sich im Iran, etwa die Paradiesgärten von Schiras und die Ruinen von Persepolis.

Manfred Schreiber von Studiosus sagt, das große Interesse an Iran-Reisen hänge auch mit der medialen Präsenz zusammen: "Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht etwas über den Iran in den Medien erscheint. Unsere Gäste sind deshalb auch sehr an der Gegenwart und dem Alltag der Menschen vor Ort interessiert." Bei Studiosus gehören persönliche Begegnungen vor Ort zu jeder Reise – Begegnungen mit den Mitgliedern der deutschen evangelischen Gemeinde in Teheran, mit iranischen Künstlern und mit Ayatollahs.

Couchsurfing ist beliebt

Vor allem die iranische Jugend ist ihrerseits an einer Öffnung interessiert. Rund 70 Prozent der Bevölkerung sind unter 25. Die Versuche des Regimes, die Nutzung sozialer Netzwerken zu verhindern – Facebook, Twitter und neuerdings auch Instagram sind offiziell verboten – beeindrucken junge Iraner kaum: Mit entsprechender Software lassen sich auch gesperrte Seiten aufrufen. Auf Couchsurfing-Plattformen oder auf Facebook bieten Iraner private Übernachtungsmöglichkeiten an. So wie der 27-jährige Parsa aus Isfahan, der seit drei Jahren Couchsurfing-Gäste bei sich aufnimmt. Die kommen vor allem aus Europa und stellen Parsa viele neugierige Fragen nach seinem Leben in der Islamischen Republik. Er beantworte sie gerne, sagt er, schließlich habe er mindestens genauso viele Fragen über den Alltag in Europa. "Jedes Mal entsteht ein richtiger Dialog zwischen den Kulturen", sagt Parsa.

Risikofrei ist diese Reiseform aber nicht. Das Auswärtige Amt weist darauf hin, dass die für das Verhältnis zwischen Mann und Frau geltenden Gesetze und Regeln unbedingt zu beachten seien; deutsche Couchsurfer schon von iranischen Behörden überprüft und um sofortige Ausreise gebeten wurden. Nach iranischem Recht ist das Zusammenleben von Mann und Frau in einer eheähnlichen Gemeinschaft ohne Eheschließung strafbar. Männer und Frauen, die weder miteinander verheiratet noch verwandt sind, dürfen nicht alleine in einer Wohnung übernachten, insofern kann man sich mit der Beherbergung von Couchsurfern strafbar machen.

Dennoch bieten alleine in Teheran über 15.000 Iranerinnen und Iraner in sozialen Netzwerken ihr Sofa an, in Isfahan sind es mehr als 3.000. Auch der 23-jährige Rasool empfängt regelmäßig Couchsurfer in seiner Isfahaner Wohnung. Er nimmt seine Gäste mit in seinen iranischen Alltag: "Wir kochen zusammen, sprechen über iranische Musiker und unsere Hoffnungen, gehen gemeinsam aus und entdecken die Stadt".

Sollte man in den Iran reisen?

Nicht nur das legendäre und gleichsam riskante Partyleben im Iran, das hinter verschlossenen Türen stattfindet, lernen die Reisenden so kennen. Auch am Tag eröffnet sich vielen ein für viele wohl unerwartetes Bild: Pierre Loti bezeichnete die in dunklen Gewändern verhüllten Iranerinnen 1904 noch als "Schattendamen". Heute zeigen Frauen im Iran mehr von ihren meist sorgfältig geschminkten Gesichtern, das Land ist einer der größten Absatzmärkte weltweit für Kosmetik. Auch in Sachen Mode tut sich einiges in den großen Städten. Davon handeln innovative Blogs wie The Tehran Times. Das für Frauen obligatorische Kopftuch sitzt bei den modeverliebten Iranerinnen oft nur noch locker und kaum sichtbar auf dem Hinterkopf. Manfred Schreiber von Studiosus bereist das Land selbst seit über 30 Jahren und sagt, Touristinnen müssten sich heutzutage nicht in lange Mänteln hüllen: "Die islamische Vorschrift, Haare und Körperformen zu verhüllen, wird  zur Zeit sehr liberal und modebewusst interpretiert".

Die Faszination für das Reiseziel Iran wirft jedoch auch unbequeme Fragen auf: in einem Land urlauben, in dem Homosexuelle verfolgt und auch andere Menschenrechte verletzt werden, in dem der unbefangene Auftritt in einem Video zur Musik von Pharrell Williams' Happy im Gefängnis enden kann? Soll man den Tourismus eines Landes unterstützen, dessen Regierung Folter duldet, faire Gerichtsverhandlungen verhindert und allein 2013 mehr als 500 Menschen hingerichtet haben soll?

Gebeco-Geschäftsführer Ury Steinweg hält diese Fragen für berechtigt, sagt aber: "Wir sind der Überzeugung, dass Reiseveranstalter, die Länder mit kritisch beäugten Regimen aus ihren Programmen nehmen, diese Länder damit isolieren. Wir denken hier an die Menschen im Land. Ihnen wird so der Austausch mit Menschen anderer politischer und moralischer Einstellung verweigert." Das Argument sieht man bei Studiosus ähnlich: "Mit unseren Reisen in diese Länder tragen wir zu deren Öffnung bei", sagt Manfred Schreiber. Gerade für junge Iraner wie Rasool, den Couchsurfing-Gastgeber aus Isfahan, sind die vielen Besucher aus der Ferne tatsächlich eine willkommene Möglichkeit, sich über das Leben im jeweils anderen Land mit seinen Vor- und Nachteilen auszutauschen und über neue Perspektiven nachzudenken – bei aller Kritik an der iranischen Politik. Rasool sagt, er hoffe, dass der Strom der Touristen in seine Heimat anhält: "Es geht dabei nicht nur ums Reisen. Sondern darum, einander wirklich kennenzulernen."