Touristen sind wie Radfahrer. Es gibt Situationen, in denen sie als die Verkörperung Gomorrhas auftreten. Als unsoziale, gewissen- und rücksichtslose Urviecher, die nur existieren, um zu beweisen, dass der Mensch ein Depp ist. Die Figur des Radfahrers in der radwegarmen Großstadt ist die eines Rowdys, der über Gehwege heizt und rote Ampeln missachtet.

Ähnlich steht es mit den Touristen. Aus Barcelona kommt die Geschichte von Touristen, die, komplett entblößt, in einem Supermarkt einkaufen gingen. Der Vorfall war nicht der einzige Grund, aber der Auslöser für Demonstrationen gegen respektlose Stadtbesucher in der vergangenen Woche. "Die Touristen tun hier was sie wollen", wurde der Betreiber des Ladens zitiert. Der Vorfall sei "kein Einzelfall" gewesen. So entsteht das Bild des Touristen als ungehörigem Flegel, der sich nicht – wie er es eigentlich sollte – für die Welt interessiert. Sondern dafür, in der Anonymität des Touristendaseins über die Stränge zu schlagen.

Wie Radfahrer sind auch Touristen keine homogene Gruppe, Tourist ist kein Beruf, keine Konfession und nicht herkunftsabhängig, sondern eine Rolle, die man annimmt und ablegt, je nach Situation. Den Touristen als solchen gibt es nicht. Touristen laufen nicht grundsätzlich nackt durch Supermärkte, sie tragen noch nicht einmal alle Bauchgürteltaschen – man erkennt halt nur die, die ihre sozialen Rollen unnötigerweise zur Schau stellen. Aber natürlich gibt es die Figur des Touristen. Positiv besetzte Stadtbesucher heißen Städtereisende und machen sich unsichtbar. Der Tourist aber ist ein kulturzersetzender Chaot mit Rollkoffer, der 20 bis 35 Jahre alt ist, mit dem Billigflieger gekommen ist, sich nur um seine mitreisende Peergroup schert und in Hauseingänge pinkelt. Er steht im Ruf, ein Touristinator zu sein.

Tourist als Schimpfwort

In Berlin, der deutschen Tourismus-Hauptstadt mit einer halben Million Besuchern täglich, beschwerten sich Betreiber von Kneipen schon vor zwei Jahren über das "internationale Pack", das sie selbst erst in die Gegend gelockt hatten. Galerien erteilten Hausverbot an "Hipsters from the U.S.". Auch 2014 steht "No more Rollkoffer" an Berliner Hauswänden. Mieter beklagen den Lärm, der aus der benachbarten Ferienwohnung kommt. Bewohner frisch sanierter Eigentumswohnungen beschweren sich über den nächtlichen Krach, der aus den umliegenden Kneipen dringt, in die auch Touristen pilgern, seit der Kiez durch Sanierung aufgewertet wurde. Die Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin hat sich kürzlich, dem Beispiel Barcelonas oder Palma de Mallorca folgend, für einen Verhaltenskodex für Touristen ausgesprochen.

Die Figur des Touristen war schon immer zwiespältig. Jeder ist ja irgendwann mal einer, aber die selbstgestellte Aufgabe des "guten Reisenden" besteht darin, den eigenen Touristenstatus zu überwinden und unter Einheimischen möglichst wenig aufzufallen. Unsichtbar soll er sein, nicht peinlich auffallen, sich für seine Umgebung interessieren. Allerdings: Junge Leute, die nicht nach rechts und links schauen und vor allem ihren Spaß haben wollen, gab es schon immer, überall.

Wie kann es also sein, dass in Barcelona, in Venedig und in Berlin Tourist ein regelrechtes Schimpfwort geworden ist? Dass Einheimische gegen Touristen aufbegehren, als würde es nicht zum Wesen der Großstadt gehören, dass dort Menschen aus aller Welt herumlaufen, die man nicht kennt und die andere, vielleicht auch tatsächlich bescheuerte Vorstellungen von angemessenem Verhalten haben?

Die Großstadt ist heterogen. Sie beruht auf Zuzug und Wegzug. Städte sind Orte, an denen kulturelle Entwicklungen ihren Ausgang nehmen. Der Unterschied zwischen Stadt und Land besteht in choice, Wahlmöglichkeiten, wie Philip Mayer schon 1961 in seiner ethnologischen Studie Townsmen or Tribesmen über Urbanisierungsprozesse in Südafrika schrieb.

Die Wahlmöglichkeiten sind auch in den Konflikten um Stadttouristen entscheidend, speziell in Berlin, einer Stadt, deren Unique Selling Point, so Verena Mayer kürzlich in der Süddeutschen Zeitung, die Freiheit ist, "so wie die Antike in Rom oder die Liebe in Paris". Es ist widersinnig, Besuchern die große Freiheit zu verkaufen und sie dann dafür zu kritisieren, dass sie diese auch nutzen wollen.