"Wie, du gehst nach Braunschweig? Was willst du denn da?", wurde ich gefragt, als ich zum Studieren nach Braunschweig zog. Niemand wusste Genaueres. Außer, dass man so was nicht tut. Braunschweig! Klingt der Name nicht so, wie Duisburg ist?

Einen klar definierten Ruf hat Braunschweig aber nicht. Es ist zum Teil als hässlich verschrien und zum Teil als langweilig. Zu einem weiteren Teil ist es nicht weiter bekannt. Manche kennen Braunschweig nur als Autobahnausfahrt auf der A2 auf dem Weg nach Berlin oder ins Ruhrgebiet, andere, weil ganz in der Nähe ein großer Autokonzern sitzt. Dann wäre da noch ein Fußballverein. Aber sonst?

Vielleicht liegt Braunschweigs eher durchschnittliche Bekanntheit ja daran, dass an Braunschweig vieles, tja, eben tatsächlich durchschnittlich ist. Die Stadt ist mittelgroß, mittelspannend und mittelschön. Aber das heißt eben nicht: unschön. Die Innenstadt hat schöne Ecken, trotz der vielen Nachkriegsbausünden. Eine davon ist der Neubau des Rathauses, eines der hässlichsten Gebäude der Stadt. Ein grau in grau gehaltener Klotz. Es steht gleich neben dem schönen alten Rathaus. Eine weitere hübsche Ecke ist das Magniviertel mit seinen vielen kleinen Fachwerkhäusern. Es lässt erahnen, wie Braunschweig vor dem Zweiten Weltkrieg einmal ausgesehen hat – naturgemäß gab es da noch keine Nachkriegsbausünden. Das Braunschweiger Schloss gleich nebenan ist heute aber nur von außen beeindruckend, die Shoppingmall im Inneren gleicht jeder anderen. Allerdings ist die Quadriga auf dem Dach größer als die auf dem Brandenburger Tor in Berlin. Das wissen aber selbstverständlich nur die wenigsten.

Was auch ich zum Beispiel nicht wusste, als ich nach Braunschweig ging, ist, dass sich die Braunschweiger als Norddeutsche fühlen. Für mich lag und liegt Braunschweig in der Mitte Deutschlands. Doch wenn man erst einmal in der Stadt wohnt, merkt man das Norddeutsche. "Moin!" ist hier eine ganz normale Begrüßungsformel. Zwar kaufen die Braunschweiger ihre Fischbrötchen nicht auf dem Markt, sondern in einschlägigen Fast-Food-Restaurants, und die regionale Spezialität ist eher Bregenwurst als Matjes, doch auf ihren Norden sind die Braunschweiger stolz. Als ehemalige Hansestadt hat Braunschweig sogar einen Hafen, wenn auch, zugegebenermaßen, einen kleineren und weniger bedeutenden als Hamburg.

Die Kühle, die man den Hamburgern nachsagt, ist auch in Braunschweig zu spüren, wenn auch nicht so ausgeprägt. Beim nördlichsten Karneval Deutschlands – Schlachtruf: "Brunswick Helau" – zeigt sich das. So ausgelassen wie in den rheinischen Hochburgen wird hier nicht gefeiert. Karneval ist hier eher ein Fest für Kinder. Zudem werden Zugezogene erst einmal kritisch beäugt, bevor man sie ins Herz schließt.

Nur bis Mittelnacht

Mittelgut ausgeprägt ist auch das Studentenleben in der Stadt. Zwar leben in Braunschweig etwa 18.000 Studenten, und insbesondere die technischen Fächer Maschinenbau und Architektur sowie die Hochschule für Bildende Künste haben einen sehr guten Ruf, doch studentisches Flair ist in Braunschweig eher schwer zu finden. In der Nähe der Technischen Universität gibt es ein paar Kneipen, doch am ehesten trifft man sie im Plattenladen und Café Riptide. Oder im östlichen Ringgebiet mit dem großen Prinzenpark. Wo früher auf dem ehemaligen SA-Feld die Truppen aufmarschierten, wird heute gegrillt, geskatet und bis spät in die Nacht gefeiert.

Doch auch wenn das Angebot nicht so groß ist, die Kreativität der Studenten ist es. Es gibt Festivals, Konzerte, Partys, Kunst und Theater. Das Nachtleben in Braunschweig konzentriert sich freilich auf ein paar wenige Läden. Am Rande der historischen Innenstadt und innerhalb des Okerwalls haben sich Cocktailbars, eine Strandbar, Mainstream-, Alternative- und Elektroclubs angesiedelt. Auf dem Weg zurück nach Hause sollte man nur beachten, dass der öffentliche Nahverkehr nur bis Mitternacht fährt. Zum Glück ist Braunschweig nur mittelgroß, und es lässt sich alles gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigen.

Die Oker im Braunschweiger Bürgerpark

Wenn jedoch im Frühling und im Sommer die Sonne scheint, ist alles Grau, alles Eintönige Nebensache. Braunschweig zeigt sich dann von einer ganz anderen Seite, von seiner richtig schönen. Dann sollte man sich für nur ein paar Euro ein Tretboot oder ein Kanu ausleihen, einen Drink für unterwegs kaufen und von der Oker aus die Stadt entdecken. Wer sich nicht selbst sportlich betätigen will, kann an geführten Floßfahrten teilnehmen, in deren Rahmen in die Stadtgeschichte eingeführt und ein Schluck Okerwasser angeboten wird.

Auch die Braunschweiger blühen dann auf. Man trifft sich im Park, am See, in einer der beiden Strandbars oder einfach in der Stadt zum Schlendern, Sport machen, Schnacken oder Kaffee trinken. Dann ist die Mittelmäßigkeit vergessen und die norddeutsche Kühle auch. Es sind nur noch mehrere Monate bis dahin.

1 Die Oker und der Bürgerpark. Boote oder Floßfahrten kann man über Okercabana (Theodor-Heuss-Straße) oder Okertour (Kurt-Schumacher-Straße 26a) buchen.

2 Magniviertel: ältestes Wohnviertel der Stadt. So sah Braunschweig früher einmal aus.

3 Photomuseum (Helmstedter Straße 1) und Herzog-Anton-Ulrich-Museum (Museumstraße 1): das Photomuseum zeigt abwechselnd Ausstellungen zeitgenössischer Künstler, im Herzog-Anton-Ulrich-Museum werden hingegen Gemälde der großen Meister wie Rembrandt und anderen gezeigt

4 Prinzenpark: größter Park der Stadt mit einem Biergarten und Sportanlagen

5 Schloss (Schlossplatz): Nachbau des Residenzschlosses der Braunschweiger Herzöge, heute Shoppingmall und Bibliothek. Auf dem Dach befindet sich eine Quadriga, größer als die des Brandenburger Tors. Eingang für Besichtigungen rechts neben dem Haupteingang

6 Burgplatz mit Dom und Burg. Hier kann man sehen, dass Braunschweig einmal ein wichtiges Herzogtum war. An der Domfassade: die "Krallenabdrücke des Löwen", also Heinrich des Löwen.

7 St. Andreaskirche am Wollmarkt (An der Andreaskirche 1): die Kirche mit dem höchsten Turm der Stadt, von oben hat man einen wunderbaren Blick, bei gutem Wetter sogar auf den Brocken

8 Riptide (Handelsweg 11): Café und Plattenladen mit großer Auswahl an Frühstück und vegetarischen und veganen Snacks

9 Pantone (Steinstraße 2): Bar und Club im Keller eines Parkhauses, Vintage