Natürlich beginnt dieser Artikel mit #EchteLiebe – dem Twitter-Hashtag der Freunde des Ballspiel-Vereins Borussia 1909. Wie wunderbar leicht gelingt so die Überleitung vom republikweit geachteten Fußballclub in Schwarz-Gelb zu der zweifelsohne völlig unterschätzten Stadt am östlichen Rand des Ruhrgebiets: Dortmund. Sanft einstreuen kann ich die Bemerkung, dass meine echte Liebe zu "Doatmund", wie es im Ruhrpott lautmalerisch korrekt heißt, deutlich gewachsen ist in den 20 Jahren, in denen ich dort nicht mehr lebe.

Doch dann das: Auf der Rückfahrt vom Herbstferien-Besuch bei den Eltern in der Westfalenmetropole wirft der Sohn ungefragt ein, ohne auf der Rückbank auch nur eine Sekunde von seinem Nintendo aufzuschauen: "Na ja, hierher muss man ja auch nicht unbedingt fahren, außer um Omma und Oppa zu besuchen." Der Grünschnabel will mir gerade erklären, dass ein Besuch in meiner Heimatstadt nicht lohnt? Pah.

Ich denke an den grandiosen Blick vom Florian, dem Fernsehturm im weitläufigen Westfalenpark mit seiner betörenden Rosenvielfalt. Okay, Dortmund liegt immer noch meist im Dunst, obwohl die Schlote schon lange nicht mehr rauchen. Trotzdem kann man von dort oben die "49 Prozent Grün" gesehen, die die Stadt statistisch nachgewiesen (!) hat und mit denen sie rührenderweise schon seit mehr als 40 Jahren unverdrossen Werbung macht – obwohl die 49 Prozent Grün außerhalb der Stadtgrenzen noch nie jemanden interessiert haben.

Dortmund hat industriegeschichtlich so viel zu bieten, möchte ich dem Neunjährigen erwidern. Dann erinnere ich mich an die Stadtrundfahrt auf der "Route der Industriekultur" im vergangenen Jahr und lasse es. Nur die Gummibärchen der Damen aus der Stadtverwaltung auf Betriebsausflug verhinderten, dass er sich mit seiner fünfjährigen Schwester vor Langeweile aus dem offenen Doppeldeckerbus stürzte.

Architektonische Höhepunkte

Mein Vater, Anfang der 1960er Jahre wegen der Arbeit nach Dortmund gezogen, und ich dagegen "krichten uns gar nich mehr ein" vor Begeisterung ob der architektonischen Höhepunkte, die der Bus ansteuerte: den Dortmunder Hafen, den Kaiser Wilhelm II. 1899 zusammen mit dem Dortmund-Ems-Kanal einweihte und – wie praktisch für den Kriegsfall – die Anbindung des Ruhrgebiets an die Nordsee ohne Umweg über Holland ermöglichte. Dann Zeche Zollern, das Schloss der Arbeit mit seiner berückenden Jugendstilfassade. Dort ist zu besichtigen, wie die Bergleute in Dortmund Kohle aus den Flözen kratzten, bis 1987 Schicht im Schacht war, als mit "Minister Stein" die letzte Zeche der Stadt schloss.

Aber vielleicht hat der neunjährige Naseweis – getz ma ährlich – nicht ganz unrecht mit seiner Äußerung. Ja, die Industriekultur gehört natürlich zu Dortmund, aber das trifft auf fast alle der 53 Städte im Ruhrgebiet zu. Wenn es die Industriekultur aber nicht ist, was macht Dortmund, die mit knapp 580.000 Einwohnern größte Stadt des Ruhrgebiets, dann einzigartig? Vielleicht das: Die Dortmunder haben den Strukturwandel unerreicht radikal angepackt. Am besten ist das im Stadtteil Hörde zu besichtigen. Am 28. April 2001 wurde im dortigen Phoenix-Werk die letzte Stahlschmelze abgegossen. Mehrere hundert Millionen Tonnen Rohstahl waren bis dahin in Dortmund erzeugt worden, Zehntausende Stahlkocher hatten an den Hochöfen malocht.

"Größer als die Binnenalster"

Davon ist kaum noch etwas zu sehen. Das Stahlwerk wurde demontiert und nach China verschifft, die meisten restlichen Gebäude wurden abgerissen. Dann rückten die Bagger an und hoben weite Teile des knapp 100 Hektar großen Areals aus. 2010 wurde es geflutet – es entstand der Phoenix-See. "Größer als die Binnenalster" sei er, erzählen manche Dortmunder stolz. Parallel zum Phoenix-See verläuft die renaturierte Emscher, einst der dreckigste Fluss Europas.

Vor der Hörder Burg an der Emscher liegen nun Segelboote im Hafen. Im früheren Hauptmagazin gibt es exklusive Wohnungen, die reiche Besitzer gelockt haben, wie die Villen mit Südhanglage. Das Parkhaus heißt hier S.e.a.h.o.u.s.e., die Cafés an der Uferpromenade sind gut besucht. Die verrußten Arbeiterhäuschen Am Remberg verschwinden hinter den strahlend weißen Fassaden schicker Neubauten. An den Emscherauen ist eine neue Topadresse der Stadt.