Man kann sich, wenn man den Onofrio-Brunnen sieht, schon vorstellen, warum "Game of Thrones" in Dubrovnik gedreht wird: Weil der Ort die Fantasy beflügelt. © Luis Davilla/Cover/Getty Images

Achtung, diese Tour beginnt mit einem Spoiler. Wenn Ivan Vukovic seine Gäste zu seinem ersten Aussichtspunkt führt, ein spektakuläres Panorama vom Gradac-Park hinüber auf die Festung Lovrijenac und die Altstadt von Dubrovnik, wenn vielleicht 50 Meter weiter unten türkisgrün die Adria schimmert und die Besucher sich gerade auf die steinerne Balustrade stützen – dann muss der Reiseführer an dieser Stelle ein Geheimnis aus der jüngsten Staffel der US-Serie Game of Thrones lüften: "Hier fand die purpurne Hochzeit statt, auf der Joffrey gestorben ist."

Ivan Vukovic, 33 Jahre alt, ein kräftiger Kerl mit festem Händedruck und dick besohlten Turnschuhen, tut das berechnend. Die meisten seiner Klienten wissen vom mysteriösen Tod bereits, sind sie doch eingefleischte Fans der Fantasy-Serie und haben sich die vier bisher ausgestrahlten Staffeln angesehen. Wahrscheinlich werden sie sogar ein Selfie im Park machen und dann auf Facebook darunter schreiben: "Joffrey was killed here!"

Für Menschen, die keine Ahnung haben, worüber Ivan Vukovic spricht: Game of Thrones ist eine enorm erfolgreiche Produktion des Bezahlsenders HBO. Darin kämpfen Familien mit unaussprechlichen Namen um die Herrschaft in einem Land namens Westeros. Es gibt unzählige Hauptpersonen, von denen ein Großteil sehr abrupt stirbt, dem Rest muss zu einer Therapie geraten werden (Inzest! Übermächtiger Vater! Sadismus!). Die moralisch integerste Person ist ein zynischer Zwerg, der Huren und Orgien liebt; die beliebteste Figur der Serie eine junge Blondine, die Dracheneier ausbrütet. Alle wollen auf den eisernen Thron, der so komfortabel aussieht wie ein Folterwerkzeug aus den Zeiten der Inquisition.

Ivan Vukovic präsentiert: die Serienschauplätze. Hier wurde die purpurne Hochzeit gedreht. © Ulf Lippitz

Dieser Thron steht in King’s Landing, auf Deutsch: Königsmund, einer Stadt am Meer, die samt Festung auf einem Felsen gebaut ist. Und diese Stadt ist – wenigstens für die Produzenten der Serie – Dubrovnik. In dem kroatischen Küstenort drehen sie seit drei Jahren für jeweils ein paar Wochen, Anfang Oktober wurden die Arbeiten für die fünfte Staffel beendet, und bescheren Dubrovnik so eine neue Zielgruppe: Serien-Junkies.

Bisher war die Stadt vor allem auf Kreuzfahrtreisende eingerichtet, die das von der Unesco anerkannte historische Zentrum als Tagesausflugsziel schätzen. Nun hat der Tourismusverband eine Karte mit einigen Schauplätzen der Serie herausgegeben; einige Veranstalter wie Ivan Vukovic bieten Touren an; es gibt einen Souvenirladen an der Izmedu-Polaca-Straße, in dem alle offiziellen Fanartikel erhältlich sind; und im Schmuckgeschäft Clara Stones arbeitet ein Designer gerade an einer Kollektion, die von der Serie inspiriert ist. Dubrovnik stellt seinen Tourismus um.

Keine Venezianer, keine anderen Angreifer – es sind nur Badetouristen in Kayaks. © ELVIS BARUKCIC/AFP/Getty Images

Ivan hält nun ein laminiertes Foto aus der vierten Staffel hoch. "Das haben Freunde mit ihren Mobiltelefonen gemacht", sagt er. Eigentlich dürfen Statisten nicht fotografieren, offensichtlich kontrolliert aber niemand die Socken der Kleindarsteller, in denen angeblich etliche Smartphones versteckt wurden. Auf dem Bild sehen wir, wie der jugendliche und fiese König Joffrey vor Rundbögen sitzt, zwischen die rote Vorhänge gespannt sind. Alles Kulisse, um die Festung dahinter zu verstecken. Die durfte nicht ins Bild, weil sie bereits als Roter Bergfried dient – und eigentlich weiter weg im Zauberland Westeros liegt.

Von der Brüstung der Festung hat der kleinwüchsige Tyrion (gespielt von Peter Dinklage) besorgt auf die See geschaut, um die anrückende Flotte der Angreifer zu sichten. Im wahren Leben dürfte er auf  Yachten und Kayaks geblickt haben, die hier jeden Tag Touristen zum Tauchen und Baden entlangschippern. Tyrions Geheimwaffe war eine vernichtende brennende Flüssigkeit, das wildfire, das die Angreifer in die Flucht schlug. Ivan erzählt, dass die Republik Dubrovnik im Mittelalter siedendes Pech auf die Venezianer gegossen habe, als diese die Stadt erobern wollten. "Das war gar nicht so viel anders", findet er.

Im Fernsehen ist alles größer

Die Geschichte reicht bis ins dritte Jahrhundert vor Christus zurück – damals hieß die Siedlung noch Ragusa. Beinahe 500 Jahre lang war Dubrovnik im Mittelalter eine blühende Republik, die den Osmanen jährlich 12.500 Golddukaten zahlte und somit weder zerstört noch eingenommen wurde. Erst Napoleon beendete 1806 die goldene Ära. Den intakten verwinkelten Gassen, steilen Steinstufen und dicken Befestigungstürmen hat es die Stadt zu verdanken, dass sie sich so gut als Fantasie-Metropole eignet. Nur setzt sich vor Ort mal wieder die Erkenntnis durch: Im Fernsehen sieht das alles größer aus.

Zum Beispiel der Hafen von King’s Landing. Der ist nur eine kleine Bucht zwischen Festung und Stadtmauer. Die Straße, in der ein Aufstand beinahe das Leben von König Joffrey kostet – sie ist eine Auffahrt zwischen innerem und äußeren Westtor. Als die Crew an dieser Stelle drehte, spürte sie bereits, wie stark der Tourismus in Dubrovnik wächst. Die Filmemacher schlossen das alte Tor für jeweils 15 Minuten, um die Szenen im Kasten zu haben. Sie hatten nicht mit den Italienern gerechnet, die gerade Kreuzfahrt-Landgang hatten. Die wollten die kostbare Zeit nicht mit Warten verbummeln. "Die haben ihren eigenen Aufstand gemacht", sagt Ivan Vukovic.