Mannheim hat es gut getroffen und schlecht zugleich. Gut, weil sich auf der anderen Rheinseite Ludwigshafen befindet. Wer dort per Bahn ankommt, bekommt die Scheußlichkeit der Stadt gleich im Hauptbahnhof versinnbildlicht. Gegen Lu, wie der Mannheimer den Nachbarort jenseits der Konrad-Adenauer-Brücke gern nennt, kann seine eigene Stadt nur gewinnen.

Wenn nur nicht wenige Kilometer neckaraufwärts Heidelberg alle Touristen magisch anzöge! Vor allem die Germany-Besucher, die in Heidelberg schnell den Dreiklang Schloss-Alte Brücke-Philosophenweg abarbeiten, ehe sie nach Rothenburg ob der Tauber hetzen und die Schönheiten Mannheims gar nicht zu Gesicht bekommen.

Die gibt es, auch wenn Mannheim mit der kitschigen Postkartenidylle Heidelbergs nur bedingt mithalten kann. Auch mir als jungem Heidelberger Studenten sprangen die Perlen Mannheims vor Jahren nicht direkt ins Auge. Man fuhr dorthin zum Shoppen auf den Planken in der großen Fußgängerzone im Zentrum, zu Partys ins MS Connexion oder zu Konzerten in die Alte Feuerwache. Dabei bietet die Stadt viel mehr.

Schon ein kurzer Weg vom wenig ansehnlichen Bahnhofsviertel den Kaiserring hinab reicht, um das zu erkennen: Rund um den Wasserturm zeigt sich die Pracht der Stadt, mit Jugendstilfassaden am Rosengarten und an der Kunsthalle. Im Sommer sitzen viele im kleinen Park unterm Sandsteinturm, flanieren durch die zugewachsenen Laubengänge oder betrachten die Wasserspiele, wenn die Fontänen abends bunt angestrahlt werden.

Der Wasserturm

Ansonsten ist Pracht für das Zentrum nicht ganz das richtige Wort. Aber man findet noch Ausläufer, etwa in der Jesuitenkirche, einer herrlich ausgeschmückten Barockkirche, die weniger bekannt ist als andere Gotteshäuser der Epoche, etwa die Wieskirche in Bayern, aber nicht weniger prächtig.

Jetzt wird sich mancher, der die Stadt kennt, fragen: Wie, 1.800 Zeichen über Monnem, ohne die Quadrate zu erwähnen? Das liegt daran, dass sich die ungewöhnliche Einteilung der hufeisenförmigen Innenstadt mit ihren skurrilen Adressen O7, 21 oder E6, 4 dann doch schon relativ weit herumgesprochen hat. Wer das Konzept verstehen will, muss auf den Ehrenhof des Mannheimer Schlosses. Von hier aus werden die Blöcke im Zentrum durchgezählt. In Mannheim spricht man von den Quadraten, wenn die Innenstadt gemeint ist.

So wie der Mannheimer auch von der Breed Schdross spricht, obwohl die Breite Straße schon seit mehr als 60 Jahren offiziell Kurpfalzstraße heißt. Sie führt vom Schloss Richtung Nordosten zum Neckar und ist das zweite Maß für die Quadrate-Beschriftung.

Mannheim, 1900

Oder geht es bei der Frage nach der Unterschätzung einer Stadt weniger um Schönheit, sondern darum, wie urban sie ist? Sprich: möglichst wenig Provinz, möglichst viel Berlin? Gut, Berlin-Vergleich: In Mannheim gibt es zum Beispiel auch eine Karl-Marx-Allee (ohne Stalinbauten); sie heißt Augustaanlage und beginnt östlich des Wasserturms. Sie ist breit, mehrspurig und lädt trotz der Sitzbänke und neugepflanzter Platanen nicht wirklich zum Spazierengehen ein. Das Kreuzberg oder Neukölln Mannheims heißt Jungbusch – es ist nur noch nicht komplett durchgentrifiziert und ohne Touristenhorden. Nicht dass es gefährlich wäre, durchs Viertel zu ziehen, aber es gibt kaum touristische Gründe dafür. Einen guten kulinarischen aber schon: Gianni in der Beilstraße 25 ist seit Jahren eine Institution. Nicht nur die Studenten aus dem Wohnheim in der Hafenstraße kommen rüber auf eine Pizza und eine Lasagne.

Klein-Neapel

Besuchenswert ist die Beilstraße ohnehin – die verkehrsberuhigte Zone könnte auch in Südeuropa liegen. Als ich kürzlich bei schönem Wetter durch die Straße lief, ließ sich jemand aus dem Café an der Ecke den Espresso durchs Erdgeschossfenster aufs Sims stellen, die Kinder tobten über den Platz am Sackträger-Denkmal und die Frauen saßen auf Plastikstühlen vorm Haus. Das Leben der Beilstraße spielt auf Asphalt und Pflaster, Klein-Neapel zwischen Neckar und Hafen.

Derzeit haben etwa zwei Drittel der Kiezbewohner einen Migrationshintergrund. Auch der Jungbusch wird aber zumindest ein wenig gentrifiziert. Die Stadt versucht seit einiger Zeit, das Viertel aufzuwerten. 2004 wurde die Popakademie Baden-Württemberg angesiedelt. Die Ruine der alten Kauffmannmühle daneben wird umgebaut. Dort entstehen Lofts, die wegen ihrer Nähe zur Innenstadt attraktiv sein werden. Auch Künstler haben den Jungbusch entdeckt, am letzten Oktober-Wochenende etwa findet wieder der Nachtwandel statt, eine Art Lange Nacht der Kultur im Jungbusch.

Am Rand des Jungbuschs, am Luisenring, stehen sich die katholische Liebfrauenkirche und die Sultan-Selim-Moschee gegenüber – Sinnbild von Mannheims Multi-Kulti. Die Moschee war bei ihrer Eröffnung Mitte der neunziger Jahre die größte Deutschlands. Auf der anderen Straßenseite des Luisenrings beginnen bereits wieder die Quadrate, aber es geht türkisch geprägt weiter, unter anderem mit Dönerläden und Baklava-Geschäften.

Wie urban Mannheim ist, zeigt es mit den großstadttypischen Bausünden. Als das Schloss keine Bedeutung mehr hatte, zog man Straßen und einen dicken Strang Eisenbahngleise mitten durch den Schlossgarten. Wer durch den kärglichen Rest zu den Rheinterrassen läuft, hat nicht mehr das Gefühl, in einem Schlosspark zu sein. Der Weg führt durch zugesprayte Unterführungen, an stark befahrenen Straßen entlang – es macht wenig Freude. Zu meinen Scheußlichkeitshighlights zählt ferner am zentralen Treffpunkt, dem Paradeplatz, das moderne Stadthaus, dessen Liebreiz mit dem Adjektiv funktional am besten beschrieben ist. Und großstädtischer als am nördlichen Friedrichsring mit den hässlichen Türmen des Collini-Centers ist Mannheim nirgends.

Dorthin zieht es Besucher aber ohnehin nicht. Höchstens zum Ausflug in den angrenzenden Luisenpark oder ins nahe Nationaltheater. Das schicke ruhige Villenviertel unmittelbar südöstlich des Theaters habe ich auch erst bei meinem jüngsten Besuch entdeckt. Und dass die dortige Christuskirche aufgrund ihrer Form gern mal mit dem Deutschen oder Französischen Dom verglichen wird, rückt Mannheim auch wieder in die Nähe Berlins. So eine Stadt darf man nicht unterschätzen.

1 Schloss (Bismarckstraße): Das Mannheimer Schloss ist eine der größten Barockresidenzen Europas und Referenzpunkt für die Bezeichnung der Quadrate in der Innenstadt. Heute sitzt hier unter anderem die Universität, im Sommer feiern die Studenten im Schneckenhof. Die Prunkräume lassen sich besichtigen.

2 Wasserturm (Friedrichsplatz): Der 60 Meter hohe Wasserturm am Friedrichsplatz ist das Wahrzeichen der Stadt. Der gesamte Platz mit seinen Jugendstilgebäuden ist sehenswert. Vor dem Café Flo sitzen und mit dem Latte macchiato in der Hand auf die Fontänen am gelben Sandsteinturm schauen – so lässt sich bestens die Zeit vertrödeln.

3 Technoseum (Museumsstraße 1): Das Technoseum, früher Landesmuseum für Technik und Arbeit, zeigt sehr anschaulich die Geschichte der Industrialisierung und wie sich das Leben der Menschen durch den technischen Wandel verändert hat. Es gibt auch Mitmachstationen.

4 Luisenpark: die grüne Lunge der Stadt. Frei zugänglich ist der kleinere Untere Luisenpark, aber es lohnt sich, die sechs Euro Eintritt (im Winter halber Preis) für den Oberen Luisenpark auszugeben. Der für die Bundesgartenschau 1975 aufgewertete Stadtpark hat einen hohen Freizeitwert: Bootfahren auf dem Kutzerweiher, Minigolf, Spielplätze für Kinder, Teetrinken im Chinesischen Garten.

5 Nationaltheater (Goetheplatz): eine jahrhundertealte Institution der Stadt. Besonders stolz sind die Mannheimer, dass hier 1782 Schillers Räuber uraufgeführt wurde. Das historische Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, das heutige Theater an neuem Ort stammt aus den fünfziger Jahren.

6 Alte Feuerwache (Brückenstraße 2): Dass Mannheim bei Jazzfans einen guten Ruf hat, hat die Stadt nicht zuletzt der Alten Feuerwache zu verdanken. Im Kulturzentrum im historischen Feuerwehrhaus sowie im nahen Capitol, einem ehemaligen Kino, finden viele Konzerte statt, zurzeit (bis 15. November 2014) als Teil des weit über die Region bekannten internationalen Festivals Enjoy Jazz.

7 Jungbusch: Der Jungbusch zwischen Innenstadt und Hafen ist das Multikulti-Viertel Mannheims. Die Stadt versucht den einstigen Rotlichtbezirk seit einigen Jahren aufzuwerten, unter anderem mit dem Sitz der bundesweit einmaligen Popakademie Baden-Württemberg. In Deutschlands zweitgrößter Moschee am Luisenring lohnt eine Führung.

8 Café Herrdegen (E2, 8): die Traditions-Konditorei mit stilvollem Café in einem alten Stadthaus. Tolle Tortenauswahl. Unbedingt die Treppe in die erste Etage nehmen – dort hat man das Gefühl, mit dem Kurfürst im Schloss zu speisen! Das Café stellt bis heute nach Originalrezept Mannemer Dreck her, einen nussigen Oblatenlebkuchen, den Carl Herrdegen Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden haben soll.

9 Hemmlein (S2, 2) und Dobler's (Seckenheimer Straße 20): Lust auf Krautwickel und Bratkartoffeln? Dann ab in die S-Quadrate: Das Hemmlein (S2, 2) in der Nähe des Marktplatzes ist das Kult-Wirtshaus für die gutbürgerliche Küche: Essen wie bei Muttern in uriger Atmosphäre. Wer es dagegen chic und edel haben will, sollte ins Dobler's in der Schwetzingerstadt: Haute Cuisine mit Michelin-Stern, zu entsprechenden Preisen.