Touristen in der Altstadt von Prag © Petr Josek/Reuters

Das Goldene Prag, die Königsstadt, das hunderttürmige Prag oder gar die Krone der Welt – die tschechische Hauptstadt hat in ihrer Geschichte  viele schmückende Etiketten erhalten. Noch keiner hat sich bislang jedoch getraut, im Reiseführer vom vollgekotzten, vermüllten, lauten Party-Prag zu schreiben – zumindest nicht in dieser Deutlichkeit.

Aber es ist laut und voll geworden in der Prager Innenstadt, die seit 1992 auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes steht. Die Zahl der Touristen hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, auf 5,5 Millionen. Nach Angaben des Reiseportals TripAdvisor ist Prag mittlerweile eines der beliebtesten Reiseziele überhaupt. Durch die verwinkelten Gassen schieben sich die Besuchergruppen, auf der berühmten Karlsbrücke drängen sich die Maler und Musiker, vom Goldenen Gässchen, in dem Franz Kafka Ein Landarzt schrieb, sei Menschen mit Hang zur Klaustrophobie abgeraten.

Spaziert man dieser Tage durch die tschechische Hauptstadt, sind auch die großflächigen Plakate nicht zu übersehen, mit denen das Wählerbündnis Zelená pro jedničku ("Grüne für die Einheit") Wahlkampf für die Kommunalwahl macht, die dieses Wochenende stattfindet. Darauf thematisiert das Bündnis torkelnde Menschen, laute Partytouristen und Segways.

Wahlplakat des Bündnisses Zelená pro jedničku © ZEITONLINE/Sybille Klormann

Filip Pospíšil ist der Spitzenkandidat des Bündnisses, dem Politiker der Grünen angehören sowie Parteilose und Vertreter des Bündnisses "Für Prag 1" – die Bezeichnung für die historische Altstadt. Der 41-jährige Anthropologe sitzt seit 2006 im Stadtrat. Die Anwohner, sagt er, "werden in ihrer eigenen Stadt wie Bürger zweiter Klasse behandelt". Seit Jahren werde der Tourismusbranche Priorität eingeräumt. Am meisten zu leiden hätten die Prager unter dem Bier-Tourismus und den damit verbundenen Pub-Crawls – organisierten Touren, die Touristengruppen von Bierkeller zu Kneipe und vom "besten" zum "gemütlichsten" Irish-Pub Prags führen.

Unerträglicher Biertourismus

"Diese riesigen Gruppen machen auf ihrem nächtlichen Weg immensen Lärm, hindern die Anwohner am Schlafen und hinterlassen ihren Müll auf den Straßen", beklagt Pospíšil. "Wenn die Anwohner morgens das Haus verlassen, treten sie erst einmal in Glasscherben und Bierflaschen." Die Stadt habe bislang wenig unternommen gegen diesen Biertourismus. Weder Bürgerversammlungen noch Petitionen hätten verhindern können, dass die Stadt die Partyorganisatoren gewähren ließ.

Häufig enden diese nächtlichen Biertouren in den frühen Morgenstunden. Denn es gibt keine Sperrstunden für Clubs und Kneipen, von Ausnahmen abgesehen. Reiseveranstalter locken zusätzlich mit den billigen Fahrtkosten in die Stadt, dem günstigen Bier und den schönen Frauen in den diversen Strip- und Nachtklubs. Berühmt-berüchtigt sind mittlerweile auch die Junggesellen- und Junggesellinnenabschiede junger Engländer, die, erkennbar am Superman-Outfit des künftigen Bräutigams und den uniformen Outfits der Mittorkelnden, die Stadt unsicher machen.