Zwischen den Bergen, im Dreiländereck Südwestfalens, liegt die Krönchenstadt Siegen. Köln und Bonn sind nicht weit. "Siegen inspiriert", so wirbt das Städtchen für sich. Es inspiriert zum Beispiel zu folgender Weisheit: "Was ist schlimmer als verlieren? Siegen."

Wer, wie ich, in Siegen gelebt hat, kennt diesen Witz. Siegen ist tristes, westdeutsches Mittelmaß ohne Merkmale, die es hervorheben würden. Oder doch: Mitten durch das Siegener Stadtgebiet fließt die Sieg. Bis vor wenigen Jahren lag eine Betonplatte darauf. "Mein Auto schwebt über der Sieg", hatte die Stadtverwaltung das Infrastrukturprojekt Siegplatte in den späten sechziger Jahren beworben. Wie eine Grabplatte lastete der Pkw-Stellplatz jahrzehntelang auf dem Fluss. Der verkam darunter zur ungeliebten Kloake.

Die beachtliche Siegtalbrücke

Nördlich der Innenstadt, immerhin, ist der Fluss frei. Die Wege entlang der Sieg rangierten sogar lange unter den schönsten Rad- und Wanderwegen Deutschlands. Dann, 1974, errichtete die Stadt darüber die Hüttentalstraße, kurz HTS, eine innerstädtische Autobahntrasse. Die HTS entlastet den dichten Verkehr in der Stadt. Fast auf ganzer Länge wirft sie ihren Schatten auf die Sieg und die Wanderwege, die mittlerweile kaum mehr jemand nutzt.

Überhaupt ist die HTS Siegens Merkmal Nummer eins. Ihrem Anblick entkommt man kaum. Die immer präsente Geräuschkulisse, die Spaziergänger von der Trasse her bedrängt, sorgt dafür, dass hier auch niemand spazieren geht. Lieber legt man alle Distanzen mit dem Auto zurück. Bauliches Highlight ist, wenig verwunderlich, eine Autobahnbrücke. Die Siegtalbrücke ist mit 104 Metern Höhe ein Gigant von einer Brücke, die höchste in NRW.
 Stahl, Beton, Baukatastrophen. Ist Siegen eine unterschätzte Stadt?

Man darf es behaupten. Der schlechte Ruf der Stadt täuscht zu leicht über ihre schönen Seiten hinweg. Zudem verändert sich Siegen gerade sehr. Endlich hat sich die Stadt zum Abriss der Siegplatte durchgerungen. 2016 soll die Sieg frei liegen und nach über 40 Jahren wieder zum Stadtbild gehören. Mit etwas Fantasie vermag man sich einen Ort vorzustellen, an dessen Ufern Studenten leicht bekleidet im Gras liegen, um untätig dem leisen Wirbeln des Wassers zu lauschen. Siegen, wie es von der Sonne gestreichelt aufblüht und sich der Gegenwart öffnet. Spätestens dann werde ich die Stadt wieder besuchen. Mit dem Auto natürlich.

Das Eröffnungsspiel der WM 2006 brachte den Beweis: In Siegen – hier am Schlossplatz am Unteren Schloss – wird nicht verloren.

Mit dem Auto erreicht man Wälder und Seen, Talsperren und Berge, von denen Siegen umgeben ist. Wer gerne im Freien ist, fährt an warmen Tagen zum nahe gelegenen Biggesee und schwimmt im kristallklaren Wasser. Oder wandert durchs Rothaargebirge. Schöne Ziele in der Natur gibt es in Siegens Umgebung zuhauf.


Die Stadt selbst hat viele Gesichter. Im Norden, im Stadtteil Geisweid, dominiert Plattenbau. Im Zentrum, südlich: die Altstadt. Aufgrund der Bedeutung Siegens für die Waffenindustrie wurde sie durch Fliegerbomben in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs zu großen Teilen zerstört. Einige windschiefe Fachwerkbauten blieben stehen. Dazwischen Cafés, Restaurants, das Obere Schloss, das Untere Schloss, das Rathaus und die Nikolaikirche mit dem Krönchen: Das alles hat seinen Charme.

Siegen wurde wie Rom auf sieben Hügeln gebaut. Auf vier davon wohnt gemütlich bornierte Bürgerlichkeit hinter Strickgardinen und Maschendrahtzaun, ausgeruht, langweilig, leise. Einer der Hügel beherbergt die Altstadt. An ihrer Spitze steht das Obere Schloss, ein mittelalterlicher Bau mit Gartenanlage und Ausblick über die Stadt. Goethe soll hier einst Gast gewesen sein. Den Schreibtisch, an dem er auf der Durchreise womöglich gesessen hat, hütet das Schlossmuseum wie einen heiligen Gral.

Die Wirte danken

Siegens prominentestes Kind heißt Peter Paul Rubens. Im Schlossverlies des Katholiken Johann Wilhelm von Nassau-Siegen saß Rubens Vater zwei Jahre lang ein, weil er mit der Adeligen Anna von Sachsen eine Affäre gehabt haben soll. Offenbar in diesen zwei Jahren kam Peter Paul auf die Welt. Darum nennt sich Siegen die Rubensstadt. Neun seiner Werke sind im Oberen Schloss ausgestellt.

Das Untere Schloss, ursprünglich ein Franziskanerkloster, beherbergt die Fürstengruft der protestantischen Linie Nassaus zu Siegen. Lange diente das Untere Schloss als Gefängnis. Nun entsteht ein Teil eines neuen Campus. Der traditionsreiche Kleinhandel der Altstadt hat unter der Herrschaft der Einkaufsarkaden am Bahnhof seit Langem zu leiden. Der Campus kann der schönen Altstadt neues Leben einhauchen. Die Wirte werden es danken.

Atrium auf dem Elfenbein-Campus © Universität Siegen

Seit 2012 nennt sich Siegen Universitätsstadt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Studenten hier beinahe verdoppelt, annähernd 20.000 sind es nach der letzten Zählung 2014. Wer das Studium abschließt, sucht aber schnell das Weite. Perspektiven bietet die Stadt Akademikern kaum, ausgenommen Maschinenbauern und Ingenieuren. Dass sie kulturell trotzdem von der Uni profitiert, spürt man an allen Ecken und Enden. Seit 2009 organisieren Studenten alljährlich das Europäische Literaturfestival und laden Autoren aus aller Welt in die Stadt, um nur ein Beispiel zu nennen. Veranstaltungen wie der große Highlander Poetry-Slam finden in Siegens Studierendenschaft ein begeistertes Publikum.

Universität und Stadt waren bislang allerdings zwei verschiedene Orte. Der große Hauptcampus hat einen Hügel für sich, er liegt fast 500 Meter hoch und mitten im Grünen. Ein echter Elfenbeinturm. Die Stadt vergisst man hier gleich. Nur von der Mensa-Terrasse aus sieht man sie in der Ferne. Schwierig wird es für die Studenten im Winter. Dann versagen die Busse auf dem steilen Weg nach oben. Untergehakt, zu zweit oder dritt, versuchen die Universitätsbesucher dann den Aufstieg. Eine Seilbahn hatte der letzte Rektor der Uni sich gewünscht. Die blieb ihm leider verwehrt. Dafür gibt es nun das neue Fahrzeuginstitut der Ingenieurswissenschaftler. Es soll Nachwuchs und Wirtschaft begeistern und den Forschungsstandort stärken. Vielleicht klappt es eines Tages dann sogar mit der Busfahrt.

1 Siegtalbrücke

2 Apollo-Theater (Morleystraße 1): Erst vor einigen Jahren erbautes Theater, Karten kauft man lieber lange im Voraus. Kleinere Aufführungen, zum Beispiel die der studentischen Schaubühne, sind im Kultur- und Veranstaltungshaus Lyz zu sehen, das zugleich das einzige Programmkino in der Stadt ist.

3 Unteres Schloss

4 Museum für Gegenwartskunst (Unteres Schloss): Es stellt Kunstwerke bekannter Preisträger des Rubenspreises der Stadt aus, darunter Sigmar Polke, Maria Lassnig und Francis Bacon.

5 Altstadtschenke (Untere Metzgerstraße 16): Ullis Altstadtschenke lädt zur Stalinkrawatte, irgendeine gemeine Mischung aus Wodka und Weißderteufel.

6 Nikolaikirche (Krämergasse 2) in der Altstadt 

7 Oberes Schloss (Burgstraße): Warum es mit Siegen alles in allem nicht so richtig geklappt hat, erfährt man im Schlossmuseum. Eine Galerie führt durch die Jahrhunderte und zeigt die Stadt in den Stadien ihrer Entwicklung. Eine Malerei aus dem 18.  Jahrhundert stellt Siegen als idyllische Kleinstadt vor, der Fluss reichte noch bis an die Hügel heran, breit und frei. Schlote recken sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts dem Himmel entgegen. Die Stadt avanciert zu Deutschlands zweitwichtigster Quelle für Eisen.

8 Camelot (Marburger Tor 11): Randolf serviert im Camelot auf Anfrage die schärfste Currywurst zwischen Kassel und Bonn. Wer es gediegener mag, findet im Schwarzbrenner und im Laternchen gutes Essen in rustikalem Ambiente.

9 Universitätscampus (Adolf-Reichwein-Straße)