Weihnachten beginnt mit einem Sonnenaufgang. Binnen weniger Minuten schiebt sich die Sonne über dem Horizont aus dem Wasser. Ich schaue das Ufer entlang, in das Aquarell aus Orange und Blau, in dem sich Licht und Meer vermischen. Die ersten Jogger sind Richtung Montaña Roja unterwegs. Ich steige in meine alten Turnschuhe. Bald vergesse ich, welche Jahreszeit wir haben.

Der Nord-Ost Passat überspringt die Hafenmauer, verfängt sich in der Bucht von El Médano und fegt Papierfetzen den Strand entlang. Skye, 13, und Lynn, 7, beugen sich über das Balkongeländer des Apartments. Unsere Töchter beobachten den Wind, der Sandvorhänge über die Insel zieht. Nebenan auf der Terrasse ein ähnliches Bild. Die Kinder unserer Freunde aus Hamburg, die seit Jahren über Weihnachten auf Teneriffa sind.

Über Weihnachten wegzufahren sei toll, erzählte die befreundete Familie. Weihnachtsstress? "Den haben wir auf der Insel nicht."

Dabei ist Hochsaison auf Teneriffa. Die Flüge, vor allem aber viele Ferienwohnungen, sind über Weihnachten und den Jahreswechsel so teuer wie nie im Jahr. Teneriffa gehört von Deutschland aus zu den nächstgelegenen Reisezielen, die im deutschen Winter Sonne garantieren.

Wenn die Idee, dort Heiligabend zu verbringen, also auch nicht exklusiv ist, besonders ist sie doch. Das Fest zu Hause ist mit schönen Ritualen, vor allem aber mit hohen Erwartungen verbunden. Die Großeltern wollen besucht werden oder sagen ihr Kommen an. Für Heiligabend und für jeden Feiertag muss ein festliches Essen vorbereitet werden. Dazu die immer gleichen Fragen: Wer schmückt den Baum? Gibt's schon wieder Fondue? Mama, müssen wir in die Kirche? Warum nicht einmal etwas ganz anderes ausprobieren in einer Zeit, in der uns die Hektik und das ewige Wintergrau auf die Nerven gehen? Feliz Navidad: jetzt also Tapas und kanarische Sonne statt Tannenbaum und Kirche.

Im Gepäck Weihnachtsgeschenke light: für jeden zwei kleine Päckchen, das war's. Dafür Surfgepäck, Neoprenanzüge, Schnorchelzeug und Badesachen. Wir blicken auf den Atlantik. Die untere Hälfte unserer Dreizehnjährigen steckt im Neoprenanzug, oben trägt sie Winterpulli und Schal. Die anderen drei Kinder ziehen und zerren ebenfalls, bis alle Körperteile in engen Surfanzügen verstaut sind. Skye stöhnt: "Ist das heiß. Ich muss ins Wasser." Sie schmeißt Pulli und Schal in eine Ecke, nimmt Boogie Board und Flossen und läuft los, Richtung Wellen.

El Médano, südlich des Vulkans Teide gelegen, der das schlechtere Wetter aus dem Norden abhält, ist ein windzerzaustes Nest, das auf der südlichen Inselspitze balanciert. Das Passat-Gebläse zieht Windsurfer, Kiter und Wellenreiter an. El Médano bedeutet Die Sanddüne. Der raue Küstenflecken ist eine der seltenen, erhaltenen Dünenlandschaften der westlichen Kanaren. Ringsum leben rund 7.000 Einwohner. Den kleinen Hafen nutzen Fischer und Angler. Am Hafen liegt das Hotel El Médano. "Rosis Hotel" nennen es die Kinder. Die Großmutter unserer Freunde – namens Rosi – wohnt hier, wenn die Familie ihren alljährlichen Drei-Generationenurlaub macht. Rosis Hotel stammt aus den 60ern. Das Charmante an der Herberge ist ihr Restaurant, das auf Pfählen über dem Meer gebaut wurde. Dass anstelle des Hotels einst eine florierende Tomatenverpackungsfabrik stand, ist längst vergessen.

"White Christmas" im Sommer?

Um die Hafenbucht drängen sich sandfarbene, terrassenförmige Apartmenthäuser. Die Plaza wird von schattigen Gassen umzingelt, in denen wir abends herumschlendern. Lichterketten leuchten in diesen Tagen zwischen den Häusern. Die Schlitten, Schneemänner und Sterne wippen bei jeder Böe mit. Es ist, als würde man White Christmas im Sommer singen.

Es ist Weihnachten, aber eigentlich auch nicht. Wenn die Rituale wegfallen, das ganze Drumherum, das Jahr für Jahr aufs Neue Stress verursacht, kann man sich auf das Wesentliche besinnen. Auf eine gute Zeit mit der Familie. Und darauf, einander zu beschenken – was, fern des Alltags, auch mit Kleinigkeiten geht.

El Médano schweißt zusammen. Neben Wind und Wellen ist nicht viel geboten, und wir nehmen das Naheliegende unter die Lupe. Schnorcheln mit den Vätern, im wenige Meter vom Picknickplatz entfernten Hafenbecken, ist für unsere Kinder das Schönste. Die Fischerboote schaukeln auf den kleinen Wellen. An ihren mit Muscheln besetzten Ankerketten halten sich die Kinder fest, wenn sie eine Pause machen wollen. "Papa!", nuschelt Lynn am Schnorchel vorbei: "Siehst du sie?" Die große Wasserschildkröte gleitet durchs Hafenbecken, und die Kinder versuchen, mit ihr mitzuhalten. Wie einfach es ist, Kinder zu kleinen Entdeckern zu machen. Schnorchel und Flossen kauften wir in Santa Cruz, vor Ort. Das praktische Weihnachtsgeschenk kommt gut an: Lynn bläst den Schnorchel aus, als hätte sie nie etwas anderes getan und schwimmt wieder los. Ihr Vater holt Seeigelskelette und ein paar alte, grellbunte Angelposen für sie vom Meeresboden. Schätze für den Setzkasten zu Hause.