Man kann die Unterhaltungssendung Wetten, dass..? nicht beerdigen, ohne irgendwann einmal die enge Verbindung der Show zur Geschichte der Flugreise zu erwähnen. Es gibt ein Satzfragment, das von ihr in Erinnerung bleiben wird, und es lautet: Der US-amerikanische Stargast XY "muss zum Flieger". Megan Fox, Whoopi Goldberg, Jessica Biel, Robbie Williams, Nicolas Cage, Kevin Costner, Justin Bieber, Jennifer Lopez, alle mussten zum Flieger.

Es wäre interessant zu erfahren, ob jemals irgendein Gast tatsächlich zu einem Flugzeug oder in Wirklichkeit nur an die Hotelbar musste. Aber eine Unterhaltungssendung ist kein Nachrichtenformat. Wenn es eine kleine Täuschung aus atmosphärischen Gründen war – bitte sehr. Wichtiger als die Frage, ob der Satz je wahr war, ist seine Wirkung.

Um die zu ermessen, muss man bedenken, aus welcher Zeit er stammt. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als Wetten, dass..? auf Sendung ging, hatte das Fliegen den Charakter des Außergewöhnlichen. Wer flog, noch dazu andauernd, und wer sich mit Fliegenden umgab, war von Welt.

Die Stewardess dieser Zeit war keine Serviceangestellte, sie war eine Ikone, die für Weltläufigkeit plus Luxus stand. Dafür hatten schon die Kampagnen der Fluggesellschaft PanAm gesorgt, die Frauen aus aller Welt anheuerte und Vorher-Nachher-Fotos von ihnen zeigte – vorher in der Tracht ihrer Herkunftsgebiete, nachher in der PanAm-Uniform. Die Fluglinie uniformierte das Exotische und domestizierte es so.

Zwei Monate bevor Wetten, dass..? in Deutschland startete, lief in den USA die Krimiserie Magnum an. Die Hauptfigur, Thomas Magnum, wurde eingeführt als unregulierbare, aber stilbewusste und bei Frauen sehr beliebte Figur. Um seine Popularität und Weltoffenheit zu unterstreichen, wurde er in der ersten Folge nicht von irgend jemandem, sondern von Stewardessen der Fluggesellschaft Air Niugini umgarnt. Mehr konnte er zum Serienstart kaum geadelt werden.

Flieg' mal in der Schrankwand

Die Stars aus Übersee wurden für Wetten, dass..? auf ähnliche Weise bedeutsam. Wenn die Gäste der Show mitten in der Nacht in Böblingen und Saarbrücken zum Flieger mussten, dann zeigte sich in ihrer Weitgereistheit, die immer auch metaphorisch zu verstehen war, die Distanz zum Leben des Zuschauers. Wobei Distanz hier nicht spaltend, sondern konstruktiv wirkte. "Muss zum  Flieger" klang wie eine Umschreibung für "säuft zum Frühstück Champagner aus Cowboystiefeln". Wollte man selber nicht, es hatte aber was. Diesen Menschen von der Couch aus zuzusehen war eine Ersatzhandlung, die das eigene Leben glamouröser machte. Auf die Art war jede Wetten, dass..?-Ausgabe eine kleine Reise.

Dass Wetten, dass..? heute Alltagstristesse bietet, hat auch damit zu tun, dass diese Distanz aufgehoben ist. Zum einen hat sich das Starkonzept verändert: Seit in Castingshows angeblich jeder ein Star werden kann, werden auch die echten Stars ein wenig austauschbarer. Zum anderen weiß heute auch jeder Zuschauer, dass es ein Nachtflugverbot gibt und um Mitternacht in der Regel keine Passagierflugzeuge zwischen Halle (Saale) und Los Angeles verkehren. Wenn Stars aus Übersee heute vorzeitig die Show verlassen, dann haben sie einfach keinen Bock mehr, das ist alles.

Wetten, dass..? ist mit der zunehmenden Überwindbarkeit des Raums, mit der Inflation des Reisens, die Erzählung des Besonderen abhanden gekommen. Wenn Tom Hanks sich dann noch Katzenohren aufsetzen lassen muss und Markus Lanz um ihn herum sackhüpft, sorgt nicht mehr der Star dafür, dass sich der Zuschauer in einer anderen, in der großen weiten Welt fühlen kann. Sondern Wetten, dass..? sorgt dafür, dass der Star in der kleinen Enge des Wohnzimmers ankommt. Der Prominente, der einst das Leben der Zuschauer größer machte, wird nun in deren Schrankwand gestellt. In einer Schrankwand hat aber noch nie jemand abgehoben.