Es begann alles damit, dass unsere Tochter mit ihrer Freundin Straßenmusik machte: Saxofon und Kontrabass auf der Kölner Schildergasse. Nach 20 Minuten schwenkte unsere Tochter eine Tüte mit 80 Euro und freute sich, wie einfach das gehe mit dem Geldverdienen. Im Grunde ja eine gute Erfahrung. Abends wollte sie uns großzügig zum Essen einladen, da ihr die Fenchelsuppe nicht schmeckte. "Du kannst ja gerne unseren nächsten Urlaub finanzieren", antworteten wir ein wenig zickig.

Damit war es auf dem Tisch, das Thema Geld, und die Idee für ein Experiment: Wir, Mutter, Vater und eine 12-jährige Tochter, wollen versuchen, eine Woche ohne Geld auszukommen. Wir machen Musik, tauschen oder arbeiten für unser Essen: Wir machen All-exclusive-Urlaub im Brandenburger Havelland.

Es ist Samstagnachmittag. Unser Auto parkt in Plaue. Wir entern das sonnengelbe BunBo, das Bungalow-Boot, das wir vor Wochen schon gebucht hatten, mit unserem Reisegepäck und 30 Flaschen stillem Wasser, Himalayasalz, Pfeffer, einem Päckchen Tee und Olivenöl. Und einer Angel. Unsere Tochter ist besorgt: "Ich wachse und muss essen!" Da hat sie Recht. "Du darfst jederzeit abbrechen", versprechen wir. Greta entspannt sich. Ein bisschen wollten wir uns absichern und haben daher recherchiert. Wer oder was ist vor Ort und vom Wasser aus erreichbar? Und können wir das Hausboot dort ankern? Herausgekommen ist eine kurze Liste mit eventuell hilfreichen Telefonnummern. Beim Ablegen ist uns trotzdem mulmig zumute. Sieben Tage die Havel aufwärts ohne Geld für Essen und Trinken.

Honorar für Saxofonspielen: die beste Erbsensuppe aller Zeiten © Gottwald

Es geht schon los. Das Restaurant mit Uferterrasse, das wir zum Start eingeplant hatten, hat überraschend geschlossen. Saison beendet, es ist Herbst. Wir werden nervös. Der Tag ist nicht mehr lang und bis zur Dunkelheit müssen wir einen Ankerplatz und vor allem etwas zu essen organisiert haben. Fällt unser Projekt schon am ersten Abend ins Wasser?

Kurz hinter Plaue werden wir von einem Plakat und lauter Musik angelockt. Ein Brückenfest. Wir wollen fragen, ob wir dort auftreten können. Nach zwei Anläufen ist unser Hausboot an der Kaimauer festgemacht, und Greta erkennt den Ernst der Lage: "Ich spiel' hier nicht, Papa hat gar nicht geübt, der verspielt sich dauernd, nur peinlich." Da stehen wir mit den Instrumenten in der Hand. Vater und Mutter verunsichert und mit Herzklopfen, die Tochter mit Tränen in den Augen. Eine Familie voller Zweifel. Vielleicht doch einfach in die Plauer Schlossschänke einkehren und alles wäre gut?

Die beste Erbsensuppe aller Zeiten

Da sagt Greta mit wackeliger Stimme: "Wir machen das jetzt, wir spielen da oben", und geht los. Auf dem Fest erzählen wir zum ersten Mal die Geschichte von der Familie, die mit dem Hausboot auf der Havel Urlaub vom Geld machen will. "Gute Idee, ein Topf voll Suppe gegen Livemusik." Vater und Tochter packen die Saxofone aus und spielen den Bottom Dollar Blues, den Blues vom letzten Dollar. Beim Applaus grinst mich Greta mit knallrotem Gesicht an. Später sitzen wir bei Kerzenlicht auf der Bootsterrasse und löffeln stolz und zufrieden die beste Erbsensuppe aller Zeiten, unser erstes gemeinsam erarbeitetes Abendessen.

Das Vater-Tochter-Duo ist auf dem Brückenfest gut angekommen. Daher am Sonntag gleich der nächste Auftritt in Plaue. Diesmal, mit nicht weniger Überwindung, im Café an der alten Brücke vor frühstückenden Gästen. Dafür gibt es zehn Eier, ein Kilo Mehl, Äpfel und Zwiebeln, ein Glas Honig und strahlend blauen Himmel. Ein kleiner Vorrat für unseren ersten Reisetag. Wir schippern quer über den Plauer See, zusammen mit ein paar Seglern und anderen Hausbooten. Zum ersten Mal können wir entspannen, fühlen uns fast wie in den Ferien. Nur einmal, als es um die Frage geht, wer in die Hängematte darf, kommt es zu einem kurzen, aber vielsagenden Dampfablassen. "Ohne mich hättest du jetzt gar nichts zu essen!", schreit unsere Tochter so laut, dass das Hausboot schwankt. Danach ist es gut.

Zum Abendessen hatten wir an Fisch gedacht. Für uns Anfänger trifft es sich gut, dass Brandenburg als einziges Bundesland keinen Angelschein verlangt, solange man Friedfische fangen möchte. Angelkarte kaufen genügt. Das fischgerechte Töten hatten wir uns auf einem Forellenhof zeigen lassen. Wir werfen die Rute aus und sind gespannt. Doch bis zum Abend beißt kein Fisch an. Es gibt die restliche Erbsensuppe und Zwiebelpfannkuchen. Den Tee kochen wir mit mikrogefiltertem Havelwasser. Davon gibt es genug. Die Nacht ist frisch und wir machen es uns im schwimmenden Ferienhaus gemütlich. Wir sind nicht alleine, hunderte Wildgänse schlafen auch auf dem See.

Honorar für Bohnenernte: Bohnen, unter anderem © Gottwald

Arbeiten für Lau

Gut, dass wir so selten Pfannkuchen essen. Am nächsten Tag gibt es schon zum Frühstück welche. Und als Mittagsimbiss. Erstaunlich, wie weit man mit zehn Eiern kommt. Am Nachmittag haben wir den Beetzsee erreicht. Der Sandstrand eines Seehotels mit einer langen Reihe weißer unbesetzter Sonnenliegen wird für uns zum idealen Ankerplatz. Wir tragen unsere Fahrräder durchs knietiefe Wasser an Land und radeln los, einen knappen Kilometer Richtung Brielow, zum Bauernhof von Matthias Lau. Wir wollen ein paar Stunden für ihn arbeiten und unseren errechneten Lohn direkt im Hofladen gegen Lebensmittel eintauschen. Bauer Lau ist einverstanden. Er schickt uns mit zwei Schubkarren zu den gelben und grünen Buschbohnen. Die Bückerei ist anstrengend, aber wir sind ja ausgeruht.

Nach einer halben Stunde ruft Bauer Lau: "Die Bohnen da sind nix mehr, die kann ich nicht verkaufen. Da hinten die müsst ihr ernten!" Also noch einmal von vorne. Anderthalb Stunden später liefern wir die Schubkarren ab und bekommen für unseren Lohn im Hofladen eine große Dauerwurst und drei dicke Spreewaldgurken, ein Glas Honig, ein Glas Leberwurst, Pflaumen, Kartoffeln, Tomaten und eine Paprika. Wir dürfen uns noch zwei Kürbisse und reife Wassermelonen vom Feld mitnehmen. Und einige von den unverkäuflichen Bohnen. Wackelig radeln wir schwer beladen über die märkischen Sandwege zurück zum Boot. Der gebratene Kürbis am Abend schmeckt lecker, auch ohne Fisch. Die Wassermelone zum Nachtisch ist der Hit. Wir fühlen uns wohl und freuen uns über die im Vollmondlicht springenden Fische.

Dienstag. Wir wollen versuchen, zu tauschen. Zum Frühstück gibt es Tee und wieder brandenburgische Melone. Wir brauchen ein Brot. Also radeln wir nach Brielow und suchen nach einer Bäckerei. "Hallo, wir reisen eine Woche ohne Geld durch Brandenburg und jetzt brauchen wir ein Brot." Wir drei lächeln tapfer. Dieser Auftritt kostet Überwindung, trotz unserer Erfolge bisher. Die Verkäuferin ist sehr nett und mit dem Tausch einverstanden: ein Brot gegen einen zu Hause stylish bedruckten Stoffbeutel. Nebenan im Minisupermarkt noch einmal das Gleiche, wieder die Scham. Für ein selbstgemaltes Blumenbild wünschen wir uns Kaffee, Milch und Butter, und bekommen sogar noch Marmelade und einen Kräuterquark als Wechselgeld obendrauf.

Beim zweiten Frühstück haben wir ein komisches Gefühl. Etwas stimmt hier nicht: Wissend, was wir brauchen, betreten wir einen Supermarkt und kaum stehen wir vor den Regalen, werden Bedürfnisse geweckt, die wir zuvor gar nicht hatten. Also: Supermärkte sind ab jetzt tabu. Marmelade kochen wir selber.