Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Winter 2014

Als er die Gelegenheit bekam, seinen Bielefelder Studentenalltag gegen einen siebenmonatigen Aufenthalt in der finnischen Kleinstadt Nykarleby einzutauschen, zögerte Daniel Fort kaum eine Sekunde.

Nykarleby – der finnische Name ist Uusikaarlepyy – ist schwedischsprachig und liegt etwa 80 Kilometer nördlich von Vaasa am Bottnischen Meerbusen. Von dort aus reiste er mit seinem alten VW-Bulli und seiner Kamera zweimal nordwärts, nach Lappland. Da der VW-Bulli nicht für Temperaturen von bis zu minus 35 Grad geeignet war, und er den Menschen noch näher kommen wollte, suchte er über ein Couchsurfing-Portal Schlafplätze. Die Auswahl war in einem so dünn besiedelten Landstrich wie Finnisch-Lappland nicht besonders groß, doch er hatte Glück: Eine Holländerin, eine finnische Künstlerin und eine Sami-Familie nahmen ihn auf. Und er stellte fest, dass man sich auch 400 Kilometer nördlich des Polarkreises zu Hause fühlen kann.

Erschienen im Skandinavien-Magazin NORR, Winter 2014

29. September. Es liegt Schnee in der Luft. Eisiger Wind bläst. Straßen und Wege liegen verlassen da. Die meisten Strecken in Karesuvanto legen die rund 140 Einwohner mit dem Auto zurück. Ein paar Menschen sind in dem einzigen Café anzutreffen, das zugleich ein kleiner Supermarkt ist. Dort hält auch der Postbus. Leise klingt aus dem Radio eine finnische Stimme. Nationale und internationale Hits werden gespielt. Die Feuerwehr fährt immer wieder die Hauptstraße auf und ab.

30. September. Am Ufer des Kilpisjärvi treffe ich Jouko. Er lädt mich ein, mit ihm auf den See zu fahren und die Netze zu Wasser zu lassen. An manchen Stellen haben die Berge noch eine leichte Rotfärbung. Nicht alle Sträucher und kleinwüchsigen Bäume haben schon vollständig ihre Blätter abgeworfen. Doch die Zeit der "Ruska", der intensiven Herbstfärbung in den nördlichen Breiten, ist vorbei. Der Winter steht vor der Tür. Schon bald wird der erste Schnee fallen. Jouko lebt im Sommer die meiste Zeit in seinem Haus am Ufer des Kilpisjärvi. Im Winter verbringt er viel Zeit im Süden Finnlands, wo seine Frau arbeitet. Er selbst ist bereits im Ruhestand.

Jouko auf dem Kilpisjärvi © Daniel Fort

Im Gasthaus des Ortes läuft finnische Volksmusik. Im Fernsehen läuft eine amerikanische Soap. Im Ofen knistert ein Feuer. Hin und wieder donnert draußen ein Truck mit 90 Sachen durch den Ort. Zwei Paare haben sich eingefunden. Eines reist mit dem Wohnmobil ihr Land.

5. Oktober. Ich habe meinen VW-Bulli in einem Fichtenwäldchen etwas abseits der Hauptstraße in Inari geparkt. Der kleine Ort liegt direkt am Inarijärvi, dem größten See in Finnisch-Lappland. Ich streife durch den Ort. An manchen Stellen bedeckt eine dünne, neue Schneeschicht Reste des ersten größeren Schneefalls, Straßen, Plätze und Wiesen des Ortes. Es ist kalt, weshalb ich beschließe, in Inaris einzigem Gasthaus einzukehren, um mich etwas aufzuwärmen. Ungefähr um 15 Uhr betrete ich das Gebäude. Eine Gruppe Einheimischer sitzt in einer Ecke und hat, wie es mir scheint, schon einige Gläser Bier getrunken. Mika, einer der Jungs, gesellt sich zu mir, sein Blick ist schon etwas schläfrig. Ich bestelle ebenfalls ein Bier. Der Inari-Blues.

Daniel Fort © Daniel Fort

11. Oktober. Ich treffe zwei Jugendliche an der Tankstelle von Utsjoki. Die beiden haben im angrenzenden Supermarkt eingekauft und sind gerade dabei, ihre Motorräder zu besteigen. Ich bitte sie um ein Foto. Sie willigen lässig ein und wirken auch ein wenig stolz, ihre Maschinen präsentieren zu können. Motorisierung spielt für viele, vor allem für junge Finnen, eine große Rolle. Das ist verständlich. Die Entfernungen sind groß, und öffentliche Verkehrsmittel garantieren nicht die gleiche Mobilitätsfreiheit wie Auto oder Motorrad. Die Fahrzeuge dienen aber auch zum Zeitvertreib. Jugendliche fahren selbst im Winter mit ihren Maschinen durch die Orte. Andere toben sich nach Feierabend auf Schneescootern aus.

9. Dezember. Ich sitze im Fernbus von Rovaniemi nach Kilpisjärvi und betrachte die dunkle, verschneite Landschaft, die draußen vorbeizieht und durch die der Bus, Schneewolken aufwirbelnd, dumpf dröhnend donnert. Es ist Anfang Dezember. Ich bin mit Hanna, einer 27-jährigen Künstlerin, in Kätkäsuvanto verabredet. Wir haben uns über ein Couchsurfing-Portal im Internet kennengelernt. Diese Art zu Reisen ermöglicht einen engeren Kontakt mit den vor Ort lebenden Menschen. Außerdem wird es zu dieser Jahreszeit oft zu kalt, um mit dem eigenen Fahrzeug, das nicht für solche Bedingungen ausgestattet ist, durch den europäischen Norden zu reisen.

Am Inari-See © Daniel Fort

Nach mehreren Stunden Fahrt signalisiert mir der Fahrer, dass wir bald mein gewünschtes Ziel erreichen werden. Ich habe ihn gebeten, mir Bescheid zu geben, da ich in der Dunkelheit und monotonen Landschaft kaum Orientierungspunkte und Schilder erkenne und nur vage bestimmen kann, wo wir uns genau befinden. Eine ältere Frau um die 70 steht bereits an der Bushaltestelle und wechselt mit dem Fahrer ein paar finnische Worte. Ich beachte sie nicht. Ich weiß ungefähr, wo sich die alte Schule, in der Hanna wohnt, befindet.

Auf den ersten Blick sind keine Häuser zu erkennen. Sie sind versteckt zwischen den Bäumen und stehen weit auseinander. Plötzlich nehme ich eine Deutsch sprechende Stimme wahr. Die Frau von der Bushaltestelle spricht mit mir. Sie wurde von Hanna gebeten, mich abzuholen, da Hanna einen kurzfristigen Termin in Norwegen wahrgenommen hat und erst spät abends zurückkommt. Sie heißt Marianne, kommt aus den Niederlanden und wohnt ebenfalls in dem alten Schulgebäude. Seit 20 Jahren lebt sie in Finnland, wo sie eine Heimat gefunden hat. Wir verbringen den Abend gemeinsam bei einer Flasche Rotwein und köstlichem Essen. Ich komme in den Genuss von frischem Fisch, Rentierfleisch und verschiedenen Beeren aus der Region.

Kein Platz für Unkraut

Wir reden über Gott und die Welt und darüber, dass in Holland und Deutschland alles zu eng, zu genau und zu glattgebügelt ist. Es gibt keinen Platz für Unkraut, die Natur ist beherrscht. Die ganze Zeit nehme ich den würzigen Duft eines qualmenden Räucherstäbchens wahr, das Marianne in ihrer Küche angezündet hat, und das ihr von Hanna von einer Nepalreise mitgebracht wurde. "Das ist gut gegen die Geister da draußen", sagt Marianne.

Hanna und Marianne teilen sich mit einem dritten Bewohner, dem wortkargen Petri, das Gebäude. Marianne besitzt ein paar Hühner, Schafe und eine Kuh. Die Eier und das Fleisch der Tiere tauscht sie mit Petri gegen Fisch, den er in den nahe gelegenen Seen fängt. Die wenigen verbliebenen Nachbarn helfen sich gegenseitig, so gut es geht, und passen auch mal auf das Vieh auf. Man bezahlt mit Gegenleistung. Dazu arbeiten Marianne, Hanna und Petri im Tourismus. Obwohl die Touristen belächelt werden, bringen die Jobs gutes Geld. Doch der Einfluss der Touristen auf Mensch und Natur wird von vielen kritisch betrachtet.

Marianne lebt seit 20 Jahren in Finnland. © Daniel Fort
Bei Marianne, Hanna und Petri © Daniel Fort

10. Dezember. Heute habe ich endlich Gelegenheit, Hanna etwas besser kennenzulernen. Sie kam gestern erst spät aus Norwegen zurück, und wir waren beide zu müde für längere Gespräche. Sie bewohnt in der alten Schule die Turnhalle und hat dort auch ihr Atelier.

Das Thermometer zeigt minus 25 Grad. Wir brechen auf, um Hannas Netze im Kätkäjärvi zu kontrollieren. Auf Holzskiern gleiten wir durch den schneebedeckten stillen Wald. Der Schnee ist stumpf, wir kommen schlecht voran. Nach etwa zwanzig Minuten, gegen 13 Uhr, erreichen wir den See. Hanna beginnt sofort, die zugefrorenen Löcher aufzuhacken. Es wird bereits wieder dunkel. Ich mache noch schnell ein paar Fotos und verbrenne mir die Finger an dem eiskalten Kameragehäuse. Schnell ziehe ich wieder die dicken Handschuhe über und helfe Hanna, die Netze aus den Eislöchern zu ziehen. Es haben sich einige Renken in ihnen verfangen. Die nassen Fische gefrieren augenblicklich an der eiskalten Luft. Heute Abend werden wir den frischen Edelfisch nur in etwas Butter in einer Pfanne zubereiten.

11. Dezember. Ich gehe mit Hanna durch die klare Nacht. Der Vollmond erhellt die schneebedeckten Wälder. Die Bäume werfen harte Schatten. Mittlerweile ist die Temperatur auf minus 30 Grad gesunken. Der Schnee quietscht unter den Stiefeln. Plötzlich ist ein hell erleuchtetes rot lackiertes Holzhaus durch die Bäume zu sehen. Wir sind hier verabredet. Hanna setzt sich an das Klavier, um zu spielen. Nach einer Weile beginnt Jaakko, ein riesiger bärtiger Mann, im tiefen Bass Schubert zu singen. Seine Frau und seine Tochter backen Plätzchen im alten Holzofen. Jaakko erzählt mir, dass sich hier im Norden die meisten Menschen kennen, obwohl die Entfernungen groß sind.

Bei Väinö und Aslaug in Utsjoki © Daniel Fort

12. Dezember. Nach mehreren Tagen in Kätkäsuvanto bei Marianne und Hanna geht die Reise nun weiter. Es ist bereits wieder dunkel, als ich in Utsjoki aus dem Bus steige. Ich werde hier bei Milija und ihrer Familie wohnen, die ich ebenfalls über das Couchsurfing-Portal kontaktiert habe. Sie sind Sami und leben in einer Gemeinde, in der fast ausschließlich Bewohner samischer Abstammung leben. Der Vater, Väinö, stammt aus Norwegen, wir unterhalten uns auf Englisch. Die Mutter, Aslaug, ist Finnin. Sie bewohnen einen gemütlichen, modernen Bungalow. Nur wenig in ihrem Alltag erinnert an die traditionelle Lebensweise der Sami. Die traditionelle Tracht wird nur noch im Weihnachtsgottesdienst, zur Mittsommerwende und zu anderen Feierlichkeiten getragen. Väinö geht hin und wieder fischen oder jagen und ist in der Sami-Politik aktiv, um die Rechte der indigenen Bevölkerung Finnlands zu stärken. Er schwört auf Moltebeeren, die er jeden Morgen mit Haferbrei isst, da sie viel Vitamin C enthalten. Auch für mich lässt er morgens jedes Mal eine Schüssel stehen.

Rentierbraten und HipHop

14. Dezember. Väinö und Aslaug stehen aufbruchbereit in ihren traditionellen Trachten der Sami im Flur des Hauses. Milija, die Tochter, trägt keine Tracht. Wir steigen in das Auto und fahren keine drei Minuten zur Schule. Einige Bewohner des Ortes haben sich schon eingefunden, alle kennen und grüßen sich. Die meisten tragen die Tracht oder zumindest Teile davon. Immer wieder werden in Utsjoki Veranstaltungen organisiert, um vor allem der jungen Bevölkerung die Kultur der Sami näherzubringen. In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für die eigene Kultur gestiegen, und in ganz Lappland werden Anstrengungen unternommen, um die Traditionen zu erhalten und neu zu beleben. Heute wird in der Schule ein Musikvideo gezeigt, das bereits bei internationalen Festivals Erfolg hatte.

Jugendliche aus Utsjoki haben das Video produziert. Traditionelle Elemente der samischen Musik wie das Joiken, ein mit dem Jodeln verwandter, gutturaler Gesang, wurden aufgegriffen und mit HipHop und elektronischer Musik kombiniert. Anschließend gibt es ein reichhaltiges Buffet mit traditionellen Speisen der Sami, bestehend aus Rentierbraten und verschiedenen Beeren, aber auch von finnischer Kultur beeinflussten Beilagen wie Kartoffelbrei und pürierten Karotten.

Väinö beim Zerlegen des Überraschungspakets © Daniel Fort

15. Dezember. Väinö kommt mit einem großen Plastiksack nach Hause. Er hat ein riesiges Stück Rentierfleisch bei einem der wenigen noch verbliebenen Rentierzüchter der Region erstanden. Er beginnt, das Fleisch zu zerlegen und entfernt zunächst die großen Knochen. Ich halte die Plastikbeutel, in die Väinö das Fleisch füllt. Die portionierten, in Gefrierbeutel versiegelten Fleischstücke werden in einer großen Gefriertruhe deponiert.

16. Dezember. Abends eile ich die leere Hauptstraße entlang, um nicht zu viel von der Veranstaltung zu verpassen. Väinö, Aslaug und andere Bewohner der Sami-Gemeinde treffen sich heute im Gemeindehaus, um Weihnachtslieder zu singen. Nach zwanzig Minuten betrete ich das Gebäude, meine Brille beschlägt schlagartig in dem warmen Raum. Weihnachten, 400 Kilometer nördlich des Polarkreises, weit weg von zu Hause in der am nördlichsten gelegenen Gemeinde Finnlands.

17. Dezember. Ich stehe auf dem Áilegas bei Utsjoki, der höchsten Erhebung der Gegend. Der Weg hinauf führt über eine geräumte, jedoch teils von Schnee zugewehte Straße. Hier befindet sich der Sendemast für die Region. Rot und Pink leuchtet der Horizont. Der Mond ist den ganzen Tag deutlich zu sehen. Unten im Tal liegen die Häuser Utsjokis zwischen Birken. Krähen segeln im Wind. Während meines Abstiegs bricht ein Schneesturm los. Ich suche Schutz an einem großen Felsen und denke mit Vorfreude an die warme Sauna, die mich fast jeden Abend bei meinen Gastgebern erwartet.

14. Januar. Meine Reise ist zu Ende. Ich befinde mich auf dem Rückweg nach Nykarleby, meinem Wohnort in der Region Österbotten. Doch erst will ich noch Marianne in Kätkäsuvanto einen kurzen Besuch abstatten. Heute Nacht schlafe ich wieder in der Turnhalle der alten Schule in Kätkäsuvanto. Ich spüre die Kälte, die durch die Wände in den kaum beheizten Raum dringt. Die Heizkörper knacken in einem unregelmäßigen Rhythmus.

Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Winter 2014