ZEIT ONLINE: Frau Laizer, Sie sind Maasai und sagen, Sie hätten erfahren, was es heißt, stigmatisiert zu werden. Worin besteht das Stigma?

Neema Eliphas Laizer: Menschen haben vorgefasste Meinungen. Wenn ich noch nie einen Europäer gesehen habe, nehme ich an, dass alles stimmt, was mir andere über ihn erzählt haben. Es ist menschlich, dass man sich an bestehenden Narrativen entlanghangelt. Aber wenn ich sage, dass ich Maasai bin, werde ich damit konfrontiert, was ich demnach alles sei: eine Buschfrau, rückwärtsgewandt, konservativ; außerdem geht man davon aus, dass ich ungebildet sei, weil Maasai ihre Mädchen angeblich nicht zur Schule schicken.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben Ihre Doktorarbeit. Ich schlussfolgere mal, dass das nicht stimmt.

Laizer: Eben. Als ich einem Freund erzählte, dass ich an die Universität in Daressalam gehen würde, sagte er, ich könne zwar studieren, aber mein Platz sei mittelfristig trotzdem zu Hause. Seitdem will ich ihm zeigen, dass ich Professorin oder Anwältin oder Lehrerin werden kann.

ZEIT ONLINE: Demnach gibt es nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern auch in Tansania vorgefasste Meinungen über Maasai?

Laizer: Aber ja, und es sind ähnliche Zuschreibungen. Maasai gelten als exotisch, sie werden der Wildnis zugeordnet. Sie werden als eindeutig andere Kultur gesehen, die nicht gut in andere afrikanische Gesellschaften integriert ist – egal ob die tansanische oder die kenianische. Aber das ist eine Generalisierung. Meine Familie ist vom Kern des Maasai-Gebiets nach Arusha gezogen, ganz nahe ans Stadtzentrum. Dort haben sich viele Maasai niedergelassen. Sie pflegen Mainstream-Lebensstile und betreiben Unternehmen, nicht nur im touristischen Bereich. Ich trage Hose und Jackett, wie Sie sehen. Die Maasai sind keine abgegrenzte Kultur, sondern ein Teil der vielfältigen kulturellen Strömungen Afrikas.

ZEIT ONLINE: Ich habe zur Vorbereitung auf dieses Gespräch einen Bildband herausgekramt, der schlicht Afrika heißt. Ich habe ihn aufgeschlagen, und das erste, was ich sah, war ein Porträt einer Maasai-Frau. Maasai gelten in Deutschland und Europa als Verkörperung des ganzen Kontinents. Und in Tansania und Afrika als Außenseiter?

Laizer: Ja, außerhalb Afrikas repräsentieren die Maasai afrikanische Kultur. Warum zeigt man eine Maasai-Frau? Es gibt so viele andere Möglichkeiten. In Tansania selbst denkt man bei Maasai an ihren nomadischen Lebensstil, an einen rückwärtsgewandten Entwurf. An Kuhhirten, die mit den Tieren leben, Blut trinken und rohes Fleisch essen.

ZEIT ONLINE: Maasai gelten also zugleich als Nicht-Afrikaner und 100-Prozent-Afrikaner, je nachdem, wer über sie spricht?

Laizer: Sozusagen. Allerdings sind beide Blicke auf die Exotik gerichtet. Wenn man in Nordtansania, im Gebiet um den Ngorongoro-Krater und den Serengeti-Nationalpark, eine Straße entlangfährt, sitzen Maasai an der Straße und Touristen kommen vorbei und wollen ein Foto machen. Auch afrikanische Touristen. Es gibt viele Maasai, die sagen: In Ordnung, aber erst bezahlen. Ich finde, sie akzeptieren damit, dass sie zur Ware werden.

ZEIT ONLINE: Man darf in vielen Nationalparks als Tourist nicht selbst fahren, und die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass der Fahrer einen Abstecher in ein Maasai-Dorf anbietet. Ist das nicht auch ein Geschäftsmodell, von dem viele Menschen leben?

Laizer: Gegenfrage: Wo sind Sie aufgewachsen?

ZEIT ONLINE: In Bayern.

Laizer: Auch dort gibt es bestimmte Kleidung und regionale Küche. Aber würden Sie mir erlauben, ein Foto von Ihrer Familie zu machen, weil ich mal echte Bayern sehen will?

ZEIT ONLINE: Kommt darauf an. Eher nicht.

Laizer: Sehen Sie. In meinen Augen werden die Maasai, die darauf eingehen, zum Objekt gemacht.

ZEIT ONLINE: Sagen Sie von sich, Sie seien Maasai, oder spielt das für Ihre Selbstbeschreibung keine Rolle?

Laizer: Ich bin eine Maasai, na klar. Das ist wichtig. Auch wenn man mit zunehmender Bildung mehr darüber lernt, wie multikulturell die Welt ist, so ist es doch wichtig, dass man irgendwo herkommt. Um sich als Weltbürger zu bezeichnen, muss man Wurzeln haben.