Barbara fördert seit mehr als zwei Jahrzehnten kubanisch-amerikanische Völkerverständigung, obwohl sich ihr Interesse an Politik in Che-Guevara-Schlüsselanhängern erschöpft. Die 51 Jahre alte US-Amerikanerin bietet ihren Landsleuten Reisen auf die sozialistische Insel an. Das war lange verboten, ihren vollen Namen will sie daher nicht verraten.

Inzwischen sind Besuche unter Auflagen erlaubt, weitere Lockerungen sollen folgen. Kurz vor Weihnachten haben US-Präsident Barack Obama und der kubanische Präsident Raúl Castro die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen ihrer beiden Länder bekannt gegeben. Beschränkungen auch für den Tourismus sollen fallen. Entsprechend geringer ist aber auch das Risiko – und damit Barbaras Gewinn: "Ich profitiere von der Beziehungskrise", sagt sie.

Als die USA gegen die Karibikinsel ein Handelsembargo verhängten – die Kubaner sprechen von Blockade –, durften Amerikaner auch nicht mehr auf der sozialistischen Insel Urlaub machen. Besuche waren nur im Rahmen eines people-to-people-Programms möglich, in dessen Rahmen US-Besucher als "Bürger-Botschafter" auftreten sollten. Auf der Insel müssen sie dabei ein spezielles Kulturprogramm über sich ergehen lassen, was zumeist bedeutet, auf Plastikstühlen einer Tanzeinlage beizuwohnen und dazu Rum zu trinken. Unabhängig nach Kuba reisen und die Insel auf eigene Faust erkunden dürfen sie bis heute eigentlich nicht.

Barbara gibt ihnen ein Stück Freiheit zurück. Zwar organisiert auch sie die Reisen offiziell über das Austauschprogramm, weswegen Tanzeinlagen sein müssen. Aber wer hindere die Touristen daran, nach solch einer Einlage auf Fototour zu gehen und die Stadt zu erkunden?

Blumenhändler Pedro Paterson in Havanna im Dezember © REUTERS/Alexandre Meneghini

Seit ein paar Jahren organisiert die energische Frau aus Atlanta für ihre Mitbürger die Einreise über das people-to-people-Programm, inklusive aller Formalien. "Davor mussten wir über Mexiko einreisen und dafür sorgen, dass die Kubaner unsere Pässe nicht stempeln" – für die US-Behörden machten sie damit Urlaub in Mexiko. Da habe man etwas nachhelfen und die richtigen Leute kennen müssen, sagt sie. Inzwischen verpassen die Kubaner den Reisepässen der US-Amerikaner grundsätzlich keine Stempel mehr. Die Ausnahme wurde zur Routine.

Beige mit Anglerhut

In den vergangenen Jahren seien immer mehr US-Amerikaner über das Programm nach Kuba gereist, sagt Barbara. Die Besucher aus den USA, die sie an diesem Tag betreut, sind allesamt grauhaarig und tragen beigefarbene Tropenkleidung und Anglerhüte. Die meisten Kuba-Besucher aus den USA seien ältere Hobbyfotografen, die sich für Havanna und die alten Autos interessierten und in den Hotels Schlüsselanhänger, Poster und T-Shirts mit dem Aufdruck des Konterfeis von Staatsfeind Che Guevara oder Fidel Castro kauften.

Nach der Revolution 1959 verbot Kuba den Handel mit Neuwagen – bis heute dominieren Oldtimer die Straßen. Touristen bewundern sie, viele Einheimische aber finden sie Schrott. © REUTERS/Stringer

Hin und wieder seien auch von der Insel geflüchtete heutige US-Bürger dabei gewesen. Vor ein paar Jahren etwa habe sie für eine Frau eine Fahrt zum Gehöft ihrer Familie im Landesinneren organisiert, das diese während der Revolution verlassen hatte. Die meisten suchten den Nervenkitzel, im Feindesland unterwegs zu sein.

Feindlich gesinnt sind die Kubaner den US-amerikanischen Touristen aber schon lange nicht mehr. Zwar waren es auch die Auswüchse des Massentourismus, durch die sich die Revolutionäre einst veranlasst sahen, zur Waffe zu greifen. Doch heute sind ihnen die Devisen wichtiger, die durch Touristen ins Land kommen. Dafür führte die sozialistische Regierung extra eine Parallelwährung für Ausländer ein. Kubaner dürfen schon seit Längerem wieder privat Geld verdienen, indem sie Zimmer an Touristen vermieten oder Restaurants eröffnen. Die Halbinsel Varadero im Norden des Landes ist nahezu komplett mit All-inclusive-Hotelburgen und Golfanlagen zugebaut. Kubaner, die hier nicht arbeiten und sich einen Aufenthalt als Touristen nicht leisten können, haben hier eigentlich auch keinen Zugang. Touristen, die hier buchen, verlassen die Anlagen selten.

In einem Friseurladen in Havanna, Dezember 2014 © REUTERS/Alexandre Meneghini

Wer dennoch einen kleinen Ausflug unternimmt und eine Tour, einen Bus oder einen Reiseführer bucht, kann das nur bei den beiden großen staatlichen Anbietern Kubas machen. Selbst Reiseunternehmen aus dem Ausland müssen über die Kubaner buchen. Damit soll gewährleistet werden, dass Devisen im Land bleiben und Kubaner beschäftigt werden. Zugleich soll der Einfluss ausländischer Großunternehmen begrenzt werden.

Havannas Charme bekommt Risse

Denn das Geschäft mit den Touristen ist lukrativ. Und der Staat braucht die Devisen dringender denn je. Nicht nur, dass angesichts des fallenden Ölpreises den beiden Verbündeten Venezuela und Russland langsam das Geld ausgeht. Auch auf Kuba selbst sind dringend Investitionen nötig – auch, um weiter Touristen anzulocken. Denn der Charme der Hauptstadt Havanna bekommt Risse. Regelmäßig stürzen nach Regenfällen Häuser ein, bröckeln die Fassaden barocker und neoklassizistischer Kolonialbauten. In 15 Jahren könnten 40 Prozent der Gebäude in der Innenstadt zerstört sein, schätzt der Geograf Lech Suwala von der Berliner Humboldt-Universität.

Bereits 1993 erkannten die Stadtoberen das Problem. Damals verabschiedete Kuba das Gesetz 143 und ernannte einen Stadthistoriker, der sich um den Erhalt der alten Bauten kümmern soll. Kubas Führung erklärte das mehr als 3.300 Gebäude umfassende Gebiet im Stadtkern mit seinen rund 67.000 Einwohnern zur "erhaltenswerten Zone erster Priorität" mit "höchster Bedeutung für den Tourismus". Das Büro des Stadthistorikers wuchs in den Jahren und er erhielt das Recht, eigenständig Steuern von Gewerbetreibenden zu erheben.

Fußball spielende Jungs in Havannas Altstadt, in der viele Gebäude nicht mehr bewohnt werden können © REUTERS/Alexandre Meneghini

Dabei hat Havannas Altstadt dringend eine großangelegte Verjüngungskur nötig. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen, wie viele Bewohner ihre Häuser wegen Baufälligkeit verlassen mussten. Aktivisten sprechen jedoch von einigen Hundert ihnen bekannter Fälle allein im vergangenen Jahr. Wer die ausgetretenen Pfade in der Altstadt verlässt, kommt schnell auf mehr als 100 Gebäude, die nicht mehr bewohnt werden. Betroffen sei vor allem der Stadtteil Havanna Centro, sagt Suwala. Die Gebäude wurden oft Anfang des letzten Jahrhunderts oder davor errichtet, seitdem ist nicht viel daran gemacht worden.

Das könnte sich bald ändern. Präsident Raúl Castro hat bereits angekündigt, nach der laufenden Legislaturperiode 2018 abzutreten. Exil-Kubaner wittern Geschäfte und kaufen über kubanische Mittelsmänner Immobilien in der Hauptstadt und in Strandnähe. Der Markt wurde vor etwa einem Jahr liberalisiert, ebenso wie die Reisebeschränkungen für Kubaner. Zehntausende haben bereits die Chance genutzt und ihre Verwandten in den USA oder Europa besucht. Die kürzlich angekündigten Verbesserungen politischer Beziehungen trägt den längst real existierenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedürfnissen in beiden Ländern Rechnung.

Anm. d. Red.: Der Satz "Kubaner, die hier nicht arbeiten und sich einen Aufenthalt als Touristen nicht leisten können, haben hier eigentlich auch keinen Zugang" wurde im Nachhinein präzisiert.