Wie Mordor über dem Allgäu: der Piton de la Fournaise © Insel La Réunion

"Dort oben am Vulkan", sagt Jean-Paul Carminati, der Fremdenführer mit dem weißen Schlapphut, "kann es schnell zur Hölle werden, wenn das Wetter umschlägt." Man kann sich das in diesem Moment kaum vorstellen: dass da oben ein Vulkan ist. Dass das Wetter jemals umschlagen könnte.

Nicht einmal eine Schäfchenwolke wirft einen Schatten auf die leuchtend grüne Hochebene Plaine des Cafres. Weiße und braune Kühe grasen auf grünen Almwiesen und scheren sich nicht darum, dass westeuropäische Touristen sie von allen Seiten fotografieren. Die idyllische Szenerie mit den kleinen Bauerndörfern ähnelt dem Allgäu. Doch nur etwa 30 Kilometer weiter endet die kurvenreiche Strecke am aktiven Vulkan Piton de la Fournaise.

Am Anfang der Route zum Piton de la Fournaise sieht es aus wie im Allgäu. © Bettina Hensel

Wir befinden uns auf der Tropeninsel La Réunion, dem französischen Übersee-Département im Indi­schen Ozean. Das wilde Relief der Insel ist ein geologisches Meisterwerk aus Feuer, Wasser und Wind. Die steil aufragenden Kesselwände, die tiefen Schluchten und gewaltigen Flussläufe und natürlich die tropischen Höhenwälder des Talkessels Salazie, tiefgrün buschig bewachsen. Es fehlen nur die Flugsaurier, um den Eindruck einer urzeitlichen Feuerinsel abzurunden. Es ist ein Land, wie geschaffen für Abenteurer, die gerne reiten, gleitschirmfliegen, kajaken oder wandern wollen.

Und die heißeste Attraktion von La Réunion ist der letzte aktive Vulkan der Insel, der Fournaise – Backofen. Er ist unser Ziel.

Ein Bergpass führt zur Mondlandschaft der Plaine des Sables. © Insel La Réunion

Von den Almwiesen aus geht es durch aufgeforstete japanische Fichtenwälder bergauf, vorbei an einer gigantischen Schlucht, bis nur noch Heidebüsche auf rotbrauner Erde gedeihen. Dann der endgültige Abschied von der Zivilisation: ein Bergpass auf 2.350 Meter Höhe, der hinunter zur Mondlandschaft der Plaine des Sables führt, einer drei Kilometer langen roten Sandwüste, in der nichts wächst und nichts lebt. Nicht einmal eine winzige Ameise krabbelt über die Basaltsteine. Der Gipfel kündigt sich an.

Jean-Paul Carminati © Bettina Hensel

Jean-Paul, der Fremdenführer, hatte schon vorher davon gesprochen, dass es auf der Route du Volcan ein paar Widrigkeiten geben könne. Hier sind sie nun: Der weiße Kleinbus steckt fest, fest im Kraterboden. Nicht einen Zentimeter bewegt er sich von der Stelle, ein Stein hat sich beim Parken am Rand der Straße im Reifen festgekrallt. Die Sonne knallt, der Wind bläst kalt, ein paar Autos fahren vorbei und hinterlassen rote Staubwolken auf der Sandpiste, kein einziges hält an. Erst 45 Minuten später reißt ein Jeep den Bus mit einem Abschleppseil aus der Schräglage.

In der Mondlandschaft © Bettina Hensel

Der Weg mag also etwas unberechenbar sein. Der Piton de la Fournaise selbst aber ist freundlich. Es handelt sich um einen roten Vulkan, der sich im Gegensatz zu den explosiven grauen Vulkanen wie dem Ätna auf Sizilien meist schnell und ruhig in einer vorhersehbaren Schneise entleert. Speit er Lava, sagen die Einheimischen verniedlichend: Le volcan il pète – "Der Vulkan pupst". Dann setzen sich Tausende Insulaner ins Auto und sichern sich die besten Panoramaplätze mit Blick aufs Feuerspektakel.

Der Blick auf den Feuerspeier zieht natürlich auch Touristen an, auch wenn es vielen nur um ein Beweisfoto auf der schnell zu erreichenden Aussichtsbühne geht. Viele Wanderer marschieren bei Sonnenaufgang los, dann haben sie beste Chancen, den atemberaubenden Blick in und um den aktiven Krater nebelfrei zu erleben. Bereits am frühen Nachmittag aber stauen sich an den Vulkankegeln Passatwolken, die nicht nur die Sicht rauben, sondern auch die Basaltsteine gefährlich glitschig machen.

In der Lavalandschaft des Enclos Fouqué © Bettina Hensel

"Viele Europäer gehen ohne Pullover auf den Berg und voilà, später findet man ihre Skelette!", sagt Jean-Paul Carminati fröhlich. Der 63-jährige Franzose, früher Leutnant einer Fallschirmjäger-Einheit beim Militär, untermalt seine Warnungen gerne mit drastischen Pointen. Er selbst habe den 2.621 Meter hohen Vulkan schon mindestens 70 Mal erklommen, behauptet er. Eine Funktionsjacke und gute Wanderschuhe, Sonnencrème, genug Wasser und Kopfbedeckung seien bei den schnellen Wetterumschwüngen unverzichtbar. Erstaunlich viele Touristen sieht man hier dennoch in Shorts und T-Shirt auf ihrem Marsch den Abgrund hinunter zur Enclos Fouqué, dem Kraterboden, aus dem der Gipfelkegel ragt.

Aus der Entfernung sieht der Kraterboden glatt aus, unten angekommen aber entpuppt er sich als ein ineinandergeschobenes Plattengeflecht aus Basalt, aus den Ritzen kämpft sich bereits wieder grünes Gebüsch. Einen sehr schönen hawaiianischen Namen hat das erstarrte, glänzende Magma. Es nennt sich Pāhoehoe-Lava, der seidige Fluss. Beim Erkalten der Lava bilden sich ganz unterschiedliche Formen. "Das hier nennt man auch Strick-Lava", sagt Carminati und deutet auf die kunstvollen Rillen in den Schollen. "Manchmal sehen sie auch aus wie Kuhfladen."

Stricklava © Bettina Hensel

Auf dem Weg vom Kraterboden zum Gipfelkegel sieht man auch jüngere Aa-Lava, eine Ackerlandschaft aus scharfkantigen Blöcke oder Schollen, die beim Barfußlaufen weh tun können, wie der Name schon verrät. Jetzt, um halb zwei Uhr nachmittags, ist unsere Reisegruppe schon zu spät dran für einen Gipfelsturm, doch es gibt auch andere Wege, einen Blick in den riesigen Krater zu werfen. Und zwar aus der Vogelperspektive. Aus einem Hubschrauber.

Im Hintergrund der Piton de la Fournaise mit seinen zwei Kratern: Cratère Bory im Westen. Und der größere und aktive Cratère Dolomieu im Osten; im Vordergrund der kleine Krater Formica Léo © Bettina Hensel
Im Hubschrauber © Bettina Hensel

Am nächsten Morgen, sieben Uhr: Der Hubschrauberpilot fliegt hinunter in den Abgrund, in den  Gebirgskessel Trou de Fer oder Trou d‘Enfer, ins Höllenloch, wie er auch genannt wird. Sechs Wasserfälle krachen hier bis zu 300 Meter in die Tiefe. Der Hubschrauber ruckelt, man sieht sich schon an der Steilwand kleben, doch dann zieht der Pilot die Maschine mit einem zackigen Manöver nach oben. Der Magen dreht sich, doch schneller als gedacht ist man wieder in sicherer Höhenlage. Fliegt über drei Talkessel, die sich wie ein Kleeblatt um einen anderen Vulkan ranken, den erloschenen 3.071 Meter hohen Piton des Neiges, den Schneeberg. Kleine, bunte Bergdörfer thronen dort auf Inselchen in den Kesseln.

Der Gebirgskessel "Trou d‘Enfer": Sechs Wasserfälle krachen hier in die Tiefe. © Insel La Réunion

Es geht weiter durch schaumige Wolkenfelder zum Höhepunkt des Fluges, dem Piton de la Fournaise. Von hier oben sieht man, wie der Vulkan sich tatsächlich in die Landschaft einbettet: Aus dem üppigen Grün wird eine kahle, bizarre Mondlandschaft, an deren Ende der Vulkan wie eine Wächtersburg über das Land Mordor heraus ragt. Auf gut 2.700 Metern Höhe dreht der Pilot Manöver rund um den Krater. Zwischen den Wolkengeflechten hat man fantastische Blicke auf den gigantischen, dunkelgrauen Kraterboden.

Die erkaltete Lava zieht sich in einer Hufeisenform über gigantische neun Kilometer Breite und 13 Kilometer Länge bis zum Ozean. Le Grand Brûlé heißt der Abschnitt an der Südküste, der große Verbrannte. Aus dem nährstoffreichen Lavaboden sprießen schon wieder die ersten Flechten, Farne und Moose. Doch schon bald kann das zarte Grün wieder von Lava überrollt werden: Der Fournaise bricht im Schnitt alle neun Monate aus, mal mehr, mal weniger heftig.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt der Insel La Réunion.