Jeder Skifahrer, der unter seinem Helm ein funktionsfähiges Gehirn hat, wird sich schon einmal gefragt haben, was zur Hölle er da eigentlich für ein Hobby hat, und ob es nicht ein guter Vorsatz wäre, sich endlich ein neues zu suchen.

Der Winter verdient in dieser Saison mal wieder nicht seinen Namen, er ist zu warm. Die Pisten präsentieren sich als weißbraunes Band, das vor allem aus Kunstschnee, Eis und einem Steine-Matsch-Mix zu bestehen scheint. Links und rechts davon beginnen grüne Almwiesen. Wenn man oben aus der Gondel steigt, blickt man auf Lifttrassen hinunter, die durch Wälder geschlagen wurden, auf Mittelstationen, neben denen sich die Weltherrschaftszentralen der James-Bond-Bösewichte bescheiden und geschmackvoll ausnehmen würden. Spätestens ab drei Uhr nachmittags bleibt dann dem engen Bergtal gar nichts anderes mehr übrig, als den Schall des Après-Ski-Sounds zurückzuwerfen.

Und irgendwann am frühen Abend macht man sich auf die Heimreise, reiht sich in die Autoschlange ein und leistet per CO2-Ausstoß seinen ganz persönlichen Beitrag, dass in Zukunft die Winter noch wärmer und das Skifahren noch absurder wird. "Der intensive Wintersport riskiert, sein wertvollstes Gut zu zerstören: die Natur und die atemberaubende Schönheit der Alpen", sagt Julian Heiermann vom Bund Naturschutz. Kann man da als halbwegs verantwortungs- und umweltbewusster Mensch noch mitmachen?

Dies ist nicht: die Weltherrschaftszentrale eines James-Bond-Bösewichts © eyelab / photocase.com

Fasst man die Artikel zusammen, die in den vergangenen Jahren zum Thema veröffentlicht wurden, kommt man ungefähr zu folgendem Ergebnis: Skiliftbetreiber agieren immer und überall als skrupellose Kapitalisten, Skifahrer sind Umweltschweine, die ihr individuelles Vergnügen über den Schutz der Schöpfung stellen. Die Debatte wird emotional und hochmoralisch geführt – und ist vielleicht genau deswegen erstaunlich folgenlos. Skigegner bleiben Skigegner, und man wird den Eindruck nicht los, dass sie, weil sie so schnell den Kopf schütteln, nicht mehr genau hinsehen können. Und Skifahrer haben vielleicht ab und zu mal ein schlechtes Gewissen, machen aber ansonsten weiter wie bisher. In gewisser Weise können sie sich ja sogar von den Apokalypse-Argumenten der Umweltschützer bestärkt fühlen: Wenn die Berge kaputt sind, ist eh schon alles egal.

Das Gute am Kunstschnee

"Wir sollten die Folgen des Skifahrens so nüchtern und sachlich wie möglich betrachten, dann kommen wir auch zu klügeren Lösungen", sagt Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeographie an der Universität Erlangen. Bätzing kritisiert die Städter-Vorstellung, wonach die Alpen Heidi-Idyll und Hort der Ursprünglichkeit sind – und Lifttrassen daher ein empörender Eingriff.

Doch der Mensch siedelt seit über 7.000 Jahren in den Alpen, betreibt Ackerbau und rodet Wälder. "Die sanften Almwiesen, die wir so sehr bewundern, sind nicht unberührte Natur, sondern von Menschenhand geschaffen", sagt Bätzing. "Der Tourismus ist also gar nicht die erste Umweltveränderung in den Alpen." Und wenn Skipisten gepflegt würden – etwa indem man sie mähe oder indem Kühe sie beweideten –, dann könnten sie eine intakte Vegetationsdecke ausbilden. "Sogar der viel geschmähte Kunstschnee kann eine positive Wirkung haben, indem er den Boden düngt."

Bätzing ist übrigens kein bezahlter Agent von Wintertourismusindustrie und Großkapital. Er gilt als einer der besten Kenner der Alpen überhaupt und kämpft leidenschaftlich für den Erhalt dieser Kulturlandschaft. Im Frühjahr 2015 erscheint bei C.H. Beck eine Neuauflage seines Buchs Die Alpen; dazu noch im Rotpunktverlag zwei Wanderführer, die einen nachhaltigen Tourismus fördern sollen.

Bätzing glaubt, dass gar nicht die direkten, offensichtlichen Auswirkungen des Skifahrens das Problem seien, also etwa die Lifte und Pisten. "Gravierender sind die indirekten Konsequenzen. Orte, die langfristig im Wintertourismus erfolgreich sind, haben ihre Bevölkerungszahlen in den vergangenen hundert Jahren verdreifacht, in manchen Fällen sogar verfünffacht." Davos zum Beispiel hat mittlerweile 10.000 Einwohner, dazu kommen in Spitzenzeiten bis zu 50.000 Touristen. Das führt zur Verschmutzung von Boden, Wasser und Luft, manche Bergorte haben mittlerweile ähnlich schlechte Schadstoffwerte wie deutsche Großstädte.

Leider sieht es ganz danach aus, als ob die großen Winterorte weiter wachsen werden. Um ihren Gästen mehr Pistenkilometer zu bieten, schließen sich Skigebiete zusammen, zusätzliche Hotels werden gebaut. Verrückterweise geschieht das nicht, weil es immer mehr Skifahrer gäbe. Seit Jahren stagniert die Zahl der Wintertouristen bei etwa 20 Millionen in ganz Europa. Der Wettbewerb um sie wird jedoch immer härter. Und unsinniger.

Keine Kunst ohne Schnee © Stefan Lechleitner / photocase.com

Resignation ist auch keine Lösung

Gegen den Protest von Naturschützern wurde etwa vor dieser Saison das bayerische Skigebiet Sudelfeld modernisiert, unter anderem wurden ein Sechser-Sessellift und ein kilometerlanges Netz von Wasserleitungen für den künstlichen Schnee gebaut. Ob man wegen des Klimawandels in fünfzehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch auf dem Sudelfeld Skifahren kann, ist unklar. Jörg Ruckriegel vom Deutschen Alpenverein sagt: "In vielen Fällen wäre es ökonomisch sinnvoller, in sanften Tourismus zu investieren und beispielsweise auch im Sommer Gäste anzulocken. Genau diese Möglichkeit nimmt man sich aber, wenn man durch neue Pisten, Lifte und Beschneiungsanlagen die Landschaft verunstaltet."

Ist der dumme Wettbewerb um Skifahrer nun aber Grund genug, diesen Sport ganz aufzugeben? Eigentlich nicht. Wie wäre es, weder in Zynismus noch in totale Resignation zu verfallen, sondern für das wahre Skifahren im falschen Leben zu kämpfen?

Hat man das Glück, in der räumlichen Nähe der Berge zu leben, kann man Politiker wählen, die sich gegen einen weiteren Ausbau von Skigebieten engagieren. Ganz sicher ist es eine gute Idee, im Winter nicht genau in jene Gebiete zu reisen, die sich gerade vergrößert haben, man muss ja ökologische und ökonomische Dummheit nicht auch noch belohnen. Allerdings ist nicht jedes kleine Skigebiet auch ein feines. "Größere Skigebiete haben oft schlicht mehr Geld, um die Pisten auch im Sommer zu pflegen", sagt Werner Bätzing. Er empfiehlt, auch einmal im Sommer in Wintersportorte zu fahren. "Auch ein Laie kann gut erkennen, ob die Wiesen gepflegt sind, ob da etwa überhaupt kein Gras mehr wächst und nur noch Schotter herumliegt, ob sich tiefe Gräben gebildet haben oder der Hang erodiert. Wenn das alles nicht der Fall ist, kann man dort mit einigermaßen gutem Gewissen Ski fahren."

Die Macht des Skifahrers

In den vergangenen Jahren haben wir Konsumenten gelernt, dass sich auch Supermarktkassen als Abstimmungsurnen verwenden lassen und wir selbst darüber entscheiden können, ob Kartoffeln aus heimischer Erde ins Angebot kommen. Jetzt müssen eben noch die Skifahrer ihren Verstand und ihre Macht entdecken. Kaum eine andere Gruppe wird so direkt mit den ökologischen Folgen ihres Tuns konfrontiert. Das sind doch ganz gute Voraussetzungen, um endlich das grüne Skifahren (auf weißem Untergrund) zu entdecken.

Die größte Umweltverschmutzung produzieren Skifahrer übrigens nicht bei der Abfahrt, sondern bei der Anfahrt. Über die Energieverschwendung der Schneekanonen wird viel geredet und viel gejammert. Laut Sten Smola von der Öko-Ski-Initiative Ride Greener entfallen tatsächlich aber 70 bis 80 Prozent des durch Skifahrer verursachten CO2-Ausstoßes auf die Reise mit dem Auto in die Berge. Es wäre also sinnvoll, mit dem Zug zu kommen und, statt mehrmals tage- oder wochenendweise, gleich für längere Zeit in den Bergen zu bleiben.

Das klingt alles ein wenig unbefriedigend, verzagt und mickrig? Kann sein! Aber es ist das Schicksal des modernen Menschen, dass er ständig einen Kompromiss suchen muss zwischen seinem Vergnügen und seiner Verantwortung. Klar: Am umweltverträglichsten wäre, wenn wir uns überhaupt nicht mehr bewegen und auf Nahrung verzichten würden. Auch die Autofahrt zum Biobauern ist ein ökologisches Problem. Und sogar Fahrradfabriken sollen zum Kohlendioxidausstoß neigen. Der folgende Satz klingt, als hätten ihn sich Margot Käßmann und der Dalai Lama im Lauf einer schlaflosen Nacht ausgedacht, ganz falsch ist er aber trotzdem nicht: Besser als gar keine Lösung sind viele kleine Schritte in die richtige Richtung.