Der Malecón, Treffpunkt für Kubaner wie Touristen © krockenmitte / photocase.de

"In Kuba haben wir Gesundheit, Sicherheit und Bildung, aber keinen technischen Fortschritt", beklagt José. "Das Internet zum Beispiel: Das kostet bis zu 12 CUC pro Stunde. Und dann funktioniert es nicht mal richtig!" Ob Internetseiten gesperrt seien? "Ich weiß nicht, ich bin aus dieser Welt", antwortet er und schaut angestrengt auf die Straße. "Immerhin, auf Kuba haben wir 13 Monate Sonne", sagt er dann und lacht. Irgendwann werde die Sonne auch nachts scheinen, vermutet José. Doch auch wenn sein Gefängnis ein schönes sei, es bleibe ein Gefängnis.

Per Taxi dem echten Kuba ein Stück näher kommen: Vielleicht kann man in diesem Schutzraum ein bisschen mehr über das Land erfahren. Einige Taxifahrer haben Duftbäume mit den Stars and Stripes der Flagge der USA an ihren Rückspiegeln befestigt. Darauf angesprochen, erklärt einer von ihnen mit Überzeugung, es sei die Flagge Kanadas abgebildet, nicht die der USA. Sein Kollege, der den gleichen Baum im Innenraum seines Taxis montiert hat, ist der Meinung, Amerikaner und Kubaner hätten sich schon immer gut verstanden – nur die Regierungen eben nicht. Jetzt hoffen sie alle auf den politischen Wandel, auf eine Lockerung der Restriktionen. Zwar sind die Reisebestimmungen für Kubaner seit 2013 gelockert worden, trotzdem kann jeder, der ausreisen möchte, von den Behörden daran gehindert werden.

Verfallene Häuser und der Glanz der Vergangenheit © Tobias Strohmeier

Die Fahrt über die Insel, vorbei an Schildern mit der Aufschrift "Sozialismus oder Tod", führt in die Hauptstadt, nach La Havanna. Das Zentrum Havannas, das ist das Kuba der Kubaner. Die Häuser, die einmal Paläste waren, sind zu verfallenen Baracken verkommen, in denen Menschen auf engstem Raum hausen. Hier stehen sie an Straßenecken für Gemüse an, für Brot, für Eier oder das, was eben gerade wieder fehlt. In fast jeder Straße wird eines der vielen alten Autos repariert. Ein ausgereiftes Wasserversorgungssystem gibt es nicht. Auf den Häusern stehen Bassins, die von den Kubanern vollgepumpt werden müssen. Auf der Straße bitten Frauen um Seife, Tampons und Toilettenpapier. Betteln ist verboten, doch es geht den Menschen so schlecht, dass sie es trotzdem tun, etwaige Strafen in Kauf nehmen.

Irgendwo spielt Musik, Menschen tanzen auf der Straße, trinken Rum. Am letzten Tag des Jahres, in der Nochevieja, kann man auf dem schönsten Platz Havannas den Jahreswechsel feiern. Auf der Plaza de la Catedral sind Tische mit weißen Tischdecken aufgestellt, es gibt ein Mehrgänge-Menü und eine Band spielt. All das kostet 150 CUC. Wer das nicht für einen Abend ausgeben kann, darf den Platz in der Altstadt an Silvester nicht betreten. Da ist es wieder: das Kuba ohne Kubaner.

An Neujahr, dem Jahrestag der Revolution, ist von Feierlaune in Havanna meist wenig zu spüren. Die Stadt scheint in Katerstimmung zu sein, die schon viele Jahre anhält. Es ist ein Kater, der so sehr betäubt, dass man sich an seine Ursache, die Revolution vor 56 Jahren und die damit verbundenen Ziele, nicht mehr erinnern kann.

Silvester auf Kubas schönstem Platz verbringen? Für viele Kubaner unerschwinglich. © Tobias Strohmeier

Am Malecón, diesem poetischen Ort, an dem das Meer gegen die Stadtmauer von Havanna peitscht, an dieser Uferstraße, an der sich die Kubaner treffen und sehnsüchtig gen Horizont blicken, ist Gabriel gestrandet. Laut verkündet er, dass Fidel Castro ein Lügner sei, dass die Kubaner eine Demokratie wollen. Er sei ein politisch Unterdrückter. Er echauffiert sich so sehr, redet sich so sehr in Rage, dass er seine Flasche Rum vergisst. Sagen Betrunkene die Wahrheit? Gabriel jedenfalls zieht weiter am Malecón entlang, um das zu sagen, was sich sonst niemand traut.

Es ist das Kuba, das manche Touristen nie kennenlernen werden. Sie sehen von der Insel nur das, was sie sehen sollen. Sie wagen sich nicht aus ihrem All-inclusive-Resort heraus. Der einzige Kubaner, den sie treffen, ist der, der ihnen die Handtücher für den Traumstrand austeilt. Aber der heißt immerhin Fidel.