Die zwei jungen Palästinenser schauen nicht unfreundlich, aber mit einem gewissen Unverständnis im Blick auf mich und meine Wandergruppe. Auf einem Pfad des Wadi Qelt kreuzen sich unsere Wege kurz. Ich mit Funktionsshirt, Wanderschuhen, Schirmmütze und zwei Litern Wasser im Rucksack. Die Jungs, vielleicht aus einer Beduinenfamilie in der Gegend, haben nicht mal eine Tasche dabei.

Wanderer sind Exoten hier im Westjordanland. Zum Vergnügen in der Natur laufen: Die Idee ist vielen Palästinensern fremd. Wer nach dem Weg fragt, wird oft hilfsbereit darauf hingewiesen, dass es Taxis gibt. Doch es lohnt sich, seine Wanderschuhe einzupacken, wenn man die israelischen Checkpoints entlang der Mauer passiert und in die palästinensischen Autonomiegebiete kommt. Wer einen ortskundigen Guide wie Suhail Hijazi findet, der kann als Wanderer ein auch landschaftlich faszinierendes Gebiet entdecken.

Suhail Hijazi © Angela Gruber

Eine von Hijazis schönsten Touren führt durch das Wadi Qelt, die Schlucht eines ausgetrockneten Flusslaufs östlich von Jerusalem. Die 15 Kilometer der Wanderung führen über schroffe Hänge und entlang eines gluckernden römischen Aquädukts, vorbei an kleinen Oasen und an dem in den Stein gehauenen Georgskloster. Bis an den Rand Jerichos geht es, das die Palästinenser als älteste Stadt der Welt bezeichnen.

"Yallah", ruft Hijazi, auf geht's. Nach einer Pause im Schatten eines Baums mit erstaunlich spitzen Dornen brechen wir wieder auf. Unser Wanderweg verläuft größtenteils nicht am tiefsten Punkt der V-förmigen Schlucht, sondern etwa 50 Meter darüber. Es geht auf und ab, doch der Höhenunterschied beträgt weniger als 300 Meter. Die Hänge links von uns sind nach dem Regen des Winters von einem grünen Flaum überzogen. Die Sonne wird ihn bald verbrennen. Im Sommer wird der Jordangraben zum Backofen, derzeit sind es nur gut 20 Grad. Beim Erklimmen einiger geröllbeladener, in den Stein gehauener Stufen wird mir dennoch ganz schön heiß.

Vegetation im Wadi © Angela Gruber

"Ich liebe es, zu Fuß durch meine Heimat zu streifen", sagt Hijazi. Der 62-jährige Guide wohnt in Ramallah und kennt fast jeden Pfad im Westjordanland. Er hat einen leicht ergrauten Backenbart, trägt eine dunkle Sonnenbrille gegen die gleißende Sonne und trinkt über einen Schlauch aus dem Wasserbehälter seines Rucksacks. Hijazi wandert schon seit Jahrzehnten, wie er sagt; Wandertouren bietet er seit 2012 an. Meistens führt er Expats oder Menschen, die den Nahen Osten schon lange kennen. Viele Touristen blieben oft aus Angst oder Unkenntnis auf der israelischen Seite, sagt der Guide. "Dabei kann man hier viel schönere Wanderungen machen. Die Natur ist unberührter, wilder. Und zu Fuß lässt sich die Gegend am besten erkunden, nicht vom Busfenster aus."

Ein Flickenteppich

Ohne Ortskenntnis kommt man allerdings nicht weit. Das kleine Gebiet der Westbank ist ein komplizierter Flickenteppich aus Checkpoints, Siedlungen und militärischen Sperrgebieten. Es gibt nur wenige gut gekennzeichnete Wanderwege. Und das angespannte Verhältnis zwischen Palästinensern und Israelis muss man auch als Wanderer im Blick haben. "Es kommt immer wieder vor, dass die Palästinenser die Wanderer für Siedler halten, die die Gegend auskundschaften", sagt Hijazi, während wir an Palmen und zäher Vegetation vorbei tiefer ins Wadi eindringen. Auch ich kenne solche Situationen von einer vorherigen Wanderung: argwöhnische Blicke und Palästinenser, die aus den Häusern kommen, um zu beobachten, was passiert. Ein paar erklärende Worte auf Arabisch von Hijazi waren damals Gold wert.

Im Wadi ist die Lage entspannt. Es zählt zu den beliebtesten Wanderrouten – wenn es nicht gerade durch Regenwasser überflutet ist, das in gefährlichen Sturzbächen die Hänge hinabschießt. An diesem Tag meckern nur ein paar Ziegen der Beduinen in den Hängen, ein paar Meter weiter thront ein Kamel gelassen im Staub.

Das Aquädukt © Angela Gruber

Das Besondere am Wadi ist, dass es hier noch immer Wasser gibt. Es gibt drei Quellen – Ein Farah, Eir Fawwar, Ein Qelt. Die Römer bauten einst ein Aquädukt, eine antike Form der Wasserleitung, um Jericho zu versorgen. Bis heute hat es überdauert und ist noch funktionsfähig. "Die Römer haben Großes geleistet, die Struktur des Aquädukts mit seinen Brücken und Tunneln ist unglaublich", sagt Hijazi, während er mit uns auf dem Weg direkt entlang des Aquädukts läuft. Es ist eine knapp einen Meter breite Rinne, durch die das Wasser gurgelt. Mitten im Nahen Osten fühle ich mich an Touren durch die Alpen erinnert – das Aquädukt gluckert wie ein klarer Gebirgsbach. Trinkbar ist das Wasser hier allerdings nicht.

Die Wandergruppe © Angela Gruber

Wasser ist eine kostbare Ressource im Nahen Osten, die seit Jahrhunderten Begehrlichkeiten weckt und Streit sät. Palästinenser machen sich Sorgen, dass Israel das Wasser des Wadi Qelt, das für ihre Städte bestimmt ist, abzweigt. Während der Zweiten Intifada gab es Attacken auf Israelis, die in das Wadi kamen. Auch die Beduinen des Wadis stehen im Verdacht, zu viel Wasser abzuleiten. An manchen Stellen sei das Aquädukt außerdem undicht, Wasser versickere einfach, sagt Hijazi. "Aber sogar die Säuberung des Aquädukts braucht eine Genehmigung der Israelis. Ohne ihre Zustimmung kann es keine Bauarbeiten geben." Zuletzt sei das Aquädukt während der britischen Mandatszeit gründlich auf Vordermann gebraucht worden.

Jahrhundertelang war das Wadi Qelt eine beliebte Verbindungsroute, um vom Jordantal nach Jerusalem zu gelangen, erzählt Hijazi schnaufend. Die Geschichte vom Heiligen Samariter soll sich hier abgespielt haben. Auch Jesus soll auf seinem Weg vom See Genezareth Richtung Jerusalem durch das Wadi Qelt gelaufen sein. An einem Ort, an dem er übernachtet haben soll, steht heute das griechisch-orthodoxe Georgskloster, das wir noch erreichen wollen.

Das Georgskloster © Angela Gruber
Schild zum Kloster © Angela Gruber

Nach vier Stunden Wanderung sehe ich es endlich: Das Kloster, gegründet im Jahr 420, duckt sich in die Felsen, fest krallt es sich in den Hang. An der Steilwand hinter dem Kloster entdecke ich einen Felsvorsprung, an den eine abenteuerliche Holzleiterkonstruktion heranreicht. "Hier haben Eremiten ausgeharrt, die sich selbst kasteiten und nur das Nötigste zu sich nahmen, manchmal jahrelang", erklärt Hijazi. Noch heute soll es im Wadi Eremiten geben.

Dann, nach etwa fünf Stunden im Wadi, öffnet sich die Schlucht und gibt den Blick frei auf Jericho. Wir lassen das Wadi Qelt hinter uns, der Rucksack klebt mir mittlerweile am Rücken, meine Füße sind schwer. Hier, dem Ziel nahe, hat sich ein geschäftstüchtiger Palästinenser am Weg postiert. Vor ihm auf einem Karren steht eine Saftpresse, daneben drei Kisten mit Grapefruits, Granatäpfeln und Orangen. Fünf Schekel, etwa einen Euro, will er für einen Becher. Und was könnte es jetzt Schöneres geben als einen frisch gepressten Saft? Die leeren Plastikbecher sammelt der Palästinenser mit dem wettergegerbten Gesicht wieder ein. Er wird sie wiederverwenden, die nächste Wandergruppe hat bestimmt auch Durst. Es wird bald Sommer im Westjordanland.