Achtung, es folgt eine Zusammenfassung authentischer Werbemails, die uns in den vergangenen Wochen erreicht haben:

Der Fischermarkt von Tanji in Gambia bietet ein authentisches Markterlebnis. In Trinidad und Tobago befindet sich die authentische Karibik. Ein Hotel reflektiert seinen Charme authentisch. Im Berberzelt lässt es sich authentisch übernachten. Ein Ayurveda-Anbieter veranstaltet authentische Kuren in idyllisher Mallorca (Rechtschreibung authentisch). Und ein Buchungsportal, das Ferienwohnungen verscheuert, schreibt, dass die Leute gern authentisch in privaten Appartements schlafen. Die Ferienwohnung ist authentisch, ein verwaister Strand ist authentisch, ein Pizzabäcker ist authentisch, ganze Reiseziele sind authentisch.

Wenn es jedes Mal bimmeln würde, wenn uns jemand ein Reiseerlebnis als authentisch anpreist, hätten wir schon einen ganz authentischen Tinnitus. Überhaupt dieses Wort: Kaum jemandem kommt die Authentizität fehlerfrei über die Lippen. Und wenn doch, blicken alle im Raum zu Boden und halten Ausschau nach der nächsten fallenden Worthülse. Noch nicht einmal zwischen Palmen und Pool ist man sicher vor ihr.

Der Soziologe Robert Schäfer schreibt in seinem Buch Tourismus und Authentizität. Zur gesellschaftlichen Organisation von Außeralltäglichkeit (Transcript, 2015): "Die Frage nach der Authentizität ist die Frage danach, ob ein Ding tatsächlich ist, was es zu sein scheint oder aber eine Fälschung, eine Imitation, eine Kopie, Fassade oder sonst der bloßen Scheinhaftigkeit zu überführen wäre."

Es leuchtet schon ein, dass die Menschen so etwas wollen. Wer verreiste schon lieber zum Schein als tatsächlich? Das Nachdenken über Authentizität, speziell im Tourismus, kann allerdings zu den übelsten Hirnverknotungen führen. Was ist Schein, was ist Sein in einer real existierenden Scheinwelt wie dem Tourismus?

Man kann den Spieß ja einfach mal umdrehen und fragen: Welches Reiseerlebnis wäre eigentlich nicht authentisch? Da wird es dann schwierig. Eine kleine Pizzeria mit karierten Tischdecken, die in München eine Pizza Hawaii anbietet, eine Mahlzeit also, die in Italien wohl niemand jemals zubereitet hat, ist was? Eine authentische Münchner Pizzeria. Ein Markt irgendwo in Afrika, auf dem T-Shirts aus deutschen Altkleidercontainern verscherbelt werden, ist: ein authentischer Markt. Ein vietnamesisches Dorf, in das nie ein Tourist kommt, ist natürlich: authentisch. Aber ein Touristenort, in dem die Leute Englisch sprechen, ist es ebenfalls; die Bewohner sichern ihr Auskommen schließlich authentisch mit Tourismus. Ein indonesischer McDonald's, bei dem es Burger gibt, die McRice heißen, ist topauthentisch. Und die Übernachtung in einem Berberzelt in der Wüste: Ist das nun die authentische Erfahrung, als die sie verkauft wird, oder ist sie eine Fälschung, weil das Berberzelt eigentlich nur wegen der Touristen da steht? Sie ist eine authentische Touristenübernachtung.

Man könnte ewig so weitermachen. Jemand sagt, hey, ich habe authentisch gegessen, wir antworten: Ja, klar, und Wasser ist nass. So gesehen kann man von einem weißen Schimmel sprechen: Jede Reise, die stattgefunden hat, ist authentisch.

Touristen mögen keine Touristen

Aber Wortklaubereien hin oder her, trotzdem muss man festhalten, dass in jedem zweiten Reiseblog, Diavortrag oder Werbeprospekt irgendwann von Authentizität die Rede ist. Wenn der Begriff im Tourismusumfeld auch unscharf bleibt, irgendetwas ist ja gemeint. Robert Schäfer nennt es "das Andere der Moderne". Das Außeralltägliche. Die Abwesenheit dessen, was das eigene Leben auszeichnet. Und damit auch die Abwesenheit von Warenförmigkeit und Menschenmasse. "Authentisch" sagt somit weniger über das Reiseziel als über den Herkunftsort des Touristen. Es ist eine Metapher für die vermeintliche Künstlichkeit des eigenen Lebens. Wer authentisch verreisen will, ist im Grunde zivilisationsmüde.

Und gäbe es nicht andere Touristen, wäre auch alles prima. Sie aber erinnern einen ständig an zu Hause. "Touristen sind für andere Touristen untrügliche Marker für die Inszeniertheit des jeweiligen Settings, in das sie geraten sind und 'ent-authentifizieren' sich gegenseitig ihre Destinationen durch ihre bloße Präsenz", schreibt Schäfer in authentischem Soziologensprech. Oder wie es Dean MacCannell vor 40 Jahren formuliert hat: "Tourists dislike tourists" – Touristen mögen keine Touristen. Eigentlich müsste man Tourismus abschaffen, um ein wirklich zufriedener Tourist sein zu können.

Zum Authentizitätsrevival der Gegenwart nun kam es wohl, weil tatsächlich genau dieses Versprechen gemacht wird: Die Sharing Economy befördert einen neuen Kein-Tourismus-Tourismus. Eine der Ideen hinter dem Teilen von, zum Beispiel, Wohnungen und Privatzimmern ist: Wenn man nicht als Tourist reist, sondern als Gast eines echten Einheimischen, der einen in seine Wohnung lässt, dann entkommt man den massentouristischen Pfaden. Man ist als Tourist unterwegs, aber zugleich auch doch nicht als Tourist. Das Versprechen von Unternehmen, die von der Vermietung von Privatzimmern und -wohnungen leben, ist also die Befriedigung eines Grundbedürfnisses des Touristen: Authentizität.

Dummerweise steht sich die Sharing Economy bei der Einlösung dieses Versprechens selbst im Weg. Denn mit jedem Gast, der in einem privaten Zimmer unterkommt statt in einem Hotel, wird ein privates Zimmer mehr zu einer Gästewohnung, die vermeintliche Tauschwirtschaft selbst zur Ware und der Gast letztlich wieder zum Tourist. Die alte Authentizitätsfalle ist immer noch da, sie wurde nur frisch ausgelegt.

Die hübsche Pointe des Ganzen ist, dass Authentizität im Tourismus, das Versprechen auf Sein statt Schein, eine Fassade ist. Eine schöne glitzernde Fassade. Und somit authentisch touristisch. Und wir holen uns jetzt erst einmal einen echten Filterkaffee und löschen ein paar E-Mails.