Eine Städtereise nach Halle? Nicht in das benachbarte Leipzig, sondern nach Halle, in die größte Stadt Sachsen-Anhalts, ins einstige Chemiedreieck der DDR? Warum? Weil die Stadt viel mehr der Architektur, der Musik, der bildenden Kunst, dem Wissen, der Technik, der Kirchengeschichte und der Natur gehört, als sie je der Chemie gehört hat.

Kommt man mit dem Zug an, was zu empfehlen ist, landet man in einem imposanten Bahnhof der Gründerzeit, in dem das Leben pulsiert. Tritt man vor die Automatiktüren, glaubt man, es handle sich um eine Art Potemkinsches Dorf. Denn draußen präsentiert sich die gruselige urbane Realität: Über das Entree zur Innenstadt führen zwei breite Hochstraßen, heruntergekommene Überbleibsel sozialistischer Planwirtschaft; Ramschläden und mit großen Netzen gesicherte Jugendstil-Fassaden bestimmen das Bild.

Doch überquert man erst den innerstädtischen Ring, zeigt Halle ein ganz anderes Gesicht. Die Häuser sind fast ausnahmslos saniert, und dann öffnet sich die Leipziger Straße und gibt den Blick frei auf Halles Wahrzeichen: den Roten Turm, einen freistehenden Uhren- und Glockenturm, und die vier Türme der Marktkirche.

Warum der Platz einer der schönsten Mitteldeutschlands sein soll, erschließt sich nicht ganz – ein buntes Sammelsurium an Gebäuden verschiedenster Epochen gruppiert sich um eine riesige Freifläche, auf die zwölf Straßen münden und die von einem riesigen Straßenbahnknotenpunkt zerschnitten wird. Immerhin ist der Platz so etwas wie die Blaupause der Baustile, die Halle geprägt haben. Barocke Fassaden an Kaufmannshäusern, das neogotische Stadthaus, der Ratshof im Bauhaus-Stil, ein Jugendstil-Kaufhaus und eines aus der Zeit des Neuen Bauens – das Auge kommt nicht zur Ruhe.

Die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges gingen an Halle vorüber. Die Zerstörungswut der nachfolgenden SED-Herrschaft allerdings kannte keine Gnade gegenüber dem historischen Bestand. Aus Halle sollte eine der Musterstädte des Sozialismus werden, weshalb Architekt Richard Paulick sich auf der anderen Saaleseite mit einer Wohnstadt für die Chemiearbeiter austoben durfte. Der einstige Assistent von Walter Gropius war schon Chefplaner der Frankfurter Allee in Berlin und des Aufbaubüros von Hoyerswerda gewesen. Die Altstadt von Halle überließ man sich selbst und dem Verfall. Nach der Wende jedoch verlor das sozialistische Erbe an Charme. Die Stadt bekam eine Goldmedaille für vorbildliche Altstadtsanierung und in der Neustadt wurden die ersten Wohnblocks abgerissen.

Die Händel- ist die Reichardt-Stadt

Ja, Halle. Weil das Auge dann plötzlich doch Ruhe findet. Gleich hinter der auf zahlreiche stattliche Villen verteilten Universität etwa, wo junge Familien am Saaleufer im Ziegelpark die Enten fett füttern. Man kann in Halle tagelang im Grünen spazieren gehen, der Grünflächenanteil ist der höchste in einer deutschen Stadt. Da wären zum einen die natürlichen Anlagen wie Saaletal, Dölauer Heide und Peißnitzinsel. Zum anderen aber auch Kulturgärten wie der Zoo, der Botanische Garten der Universität und Reichardts Englischer Garten.

Zwar nennt sich Halle Händelstadt – das Geburtshaus Georg Friedrich Händels steht in der Altstadt, die jährlichen Festspiele werden ihm zu Ehren veranstaltet. Doch richtiger wäre es, sich Reichardt-Stadt zu nennen. Denn anders als Händel blieb der Kapellmeister Johann Friedrich Reichardt Halle stets treu. In sein stets offenes Haus pilgerten die aufstrebenden Dichter der Romantik ebenso wie die etablierten aus dem nahen Weimar. Der Komponist vertonte Texte von 125 Dichtern, darunter wohl mehr als 100 Gedichte allein von Goethe, und gilt als einer der Wegbereiter der deutschen Oper. Er gehört sicher zu den meist gesungenen Liedschreibern. Hätten Sie jedoch gewusst, dass etwa Schlaf, Kindlein schlaf aus seiner Feder stammt?

Blick auf den Camposanto-Friedhof © Nadine Kraft

Nicht weniger romantisch als summend durch Reichardts Garten zu laufen ist ein Streifzug an einem sonnigen Sonntagmorgen über den Camposanto mit seinen verwitterten Grabsteinen und restaurierten Gruften. Der Stadtgottesacker nach italienischem Vorbild ist die einzige Anlage dieser Art in Deutschland. Dort sind all die Persönlichkeiten Halles begraben, deren Ruhm häufig weit über die Stadtgrenzen hinausreichte. Zu ihnen zählen sicher August Hermann Francke, der Reformpädagoge und Gründer der gleichnamigen Schul- und Waisenhausstiftung, und sein Nachfolger August Hermann Niemeyer. Preußens Schulreformen gingen von Halle aus.

Die Stadt war immer irgendwie dabei, wenn in Deutschland Geschichte geschrieben wurde. Mit den Salzwirkern hat Halle die älteste Brüderschaft der Welt, mit der Leopoldina die älteste Gelehrtengesellschaft, mit dem Stadtsingechor den ältesten weltlichen Knabenchor und mit Halloren die älteste Schokoladenfabrik Deutschlands. Die Straßenbahn war die erste elektrische der Welt, und einer der Erfinder des Plastiks, der spätere Nobelpreisträger Karl Ziegler, erwarb erste Meriten in der Stadt.

Blick auf den Roten Turm © Nadine Kraft

War es im 20. Jahrhundert vor allem die Chemieindustrie, für die Halle gemeinsam mit Bitterfeld stand, so war es doch in erster Linie das Salz, das der Stadt seit alters einigen Wohlstand beschert hatte. Und es war Albrecht von Brandenburg, einer der mächtigsten Männer des ausgehenden Mittelalters im Heiligen Römischen Reich, der ihr die Kunst brachte. Der Erzbischof von Magdeburg war derart gierig nach Kunstwerken, dass er seine bevorzugte Residenz, das Schloss Moritzburg, zu einem Zentrum selbiger ausbaute. Gleichzeitig häufte er derart viele Ämter an, dass ihn der Papst zu Strafzahlungen verdonnerte, die wiederum den schwunghaften Handel mit Ablässen eines gewissen Tetzel ankurbelten. Welcher wiederum den Mönch Martin Luther im nahen Wittenberg zu seiner Revolte gegen die Kirchenfürsten trieb. Luthers Totenmaske übrigens liegt in einem Separee der Halleschen Marktkirche und es ist fast ein bisschen gruselig, wie lebendig die Abgüsse von Antlitz und Händen des Toten wirken.

Ein Sehnsuchtsort

Die Kunst ist in Halle noch immer auf den Burgen zu Hause. In der Moritzburg wird heute die wichtigste Sammlung deutscher Expressionisten gezeigt. Und Burg Giebichenstein ist seit mehr als 100 Jahren Bildungsort für angehende Künstler und Kunsthandwerker.

Ja, Halle. Die Stadt ist so etwas wie ein Sehnsuchtsort. Seit Jahren hängt ein Bild der Halleschen Marktkirche in meiner Wohnung. Lionel Feininger, der deutsch-amerikanische Expressionist, hat sie gemalt, als er zwei Jahre lang sein Atelier im Turm der Moritzburg hatte. Zehn weitere Großformate sind dabei entstanden. Die Touristiker haben sie auf kleine Schilder gedruckt und einen Stadtrundgang auf Feiningers Spuren daraus gemacht. Wer einmal die Stadt mit Feiningers Augen betrachtet hat, versteht den besonderen Reiz dieser charmanten kleinen Großstadt inmitten Deutschlands. Nein, Halle hat es wirklich nicht verdient, bei Städtereisenden im Schatten Leipzigs zu stehen.

1 Spaziergang entlang des innerstädtischen Saaleufers (An der Schleuse, Ziegelwiese, Würfelpark)

2 Schloss Moritzburg mit der expressionistischen Sammlung (Moritzburgring)

3 Hallesche Kulturinsel (Große Ulrichstraße 51) mit dem von Peter Sodann begründeten neuen theater

4 Restaurant Immergrün (Kleine Klausstraße 2): junge ambitionierte Küche, Weinspezialitäten aus dem nahen Saale-Unstrut-Gebiet, Brände aus der Slowakei

5 Führung auf die Hausmann-Türme der Marktkirche Unserer Lieben Frau

6 Beatles-Museum (Alter Markt 12): die größte Ausstellung zu Leben und Musik der Fab Four weltweit

7 Hotel Rotes Ross (Leipziger Straße), Traditionshaus mit etwas bizarrer Mischung aus Art-Deco-Kitsch und Businessinterieur sowie roten Hosenträgern und Sneakers beim Personal

8 Der Camposanto (Stadtgottesackerweg): Meisterwerk der Renaissance – eine Friedhofsanlage nach dem Vorbild der italienischen Camposanto-Anlagen