Zu meinem letzten Geburtstag hat mir meine Frau ein GPS-Gerät fürs Fahrrad geschenkt. Man kann Strecken programmieren und weiß immer, wo man ist. Das Gerät zeigt an, wie schnell man ist und wie hoch über dem Meeresspiegel. Außerdem den Luftdruck, die Himmelsrichtungen, den Kalorienverbrauch und die Pulsfrequenz.

Das mit der Pulsfrequenz ist eigentlich überflüssig, genauso wie der Luftdruck. Dass es bergauf anstrengend ist, weiß ich auch so. Wenn es keinen Spaß mehr macht, ist die Pulsfrequenz vermutlich recht hoch. Ich lege den Sensor inzwischen aber dennoch an. Für mich als Anästhesisten existiert eine Vitalfunktion nur, wenn man sie auch von einem Monitor ablesen kann. So weiß ich mittlerweile, dass Radfahren bei einem Puls von 145 zwar anstrengend, aber über längere Strecken noch auszuhalten ist. Ab 150 wird es schwierig, über 160 hält man nicht lange durch. Und es macht keinen Spaß mehr. 

Meine Lieblingsstrecke führt mich von Toulon direkt ans Meer bei Le Pradet. Zwischen Pinien, Felsen, Mandelbäumen, Oliven und Feigen geht es dort bergauf und bergab. Dazu perfekte Sicht auf das Wasser und die Halbinsel von Giens. Knapp 30 Kilometer, eine Rundstrecke von einer guten Stunde. 

Neulich, ich bin auf meiner gewohnten Route, höre ich hinter mir auf einmal eine Kinderstimme. Fröhliches Plappern. Dazwischen eine Frauenstimme. Bestimmt eine Mama, sage ich mir, die ihr Kind in einen offenen Zweisitzer gepackt hat und zur Schule fährt. Hier oben, mit so einer Aussicht, wohnen Leute in Anwesen deutlich jenseits der Millionengrenze. Entsprechend sieht man hier vor allem Porsches, X5er BMW und kleine Cabrios.

Die Stimmen kommen näher, aber ich kann noch nicht verstehen, worüber sie sprechen. Die beiden sind zu weit weg, und mein eigenes Atmen ist zu laut. Sechs Prozent Steigung. 12,2 Stundenkilometer, Tendenz fallend. Umgekehrt proportional zu meiner Herzfrequenz von 152.

Schau Mama, der Mann! – Ja, chérie. – Wir werden ihn überholen. – Ja, chérie.

Am linken Rand meines Blickfelds taucht ein Fahrrad auf. Ein Tourenrad. Dann sehe ich die Fahrerin: gebräunt und blond, kein Helm, kein Tropfen Schweiß, keine roten Flecken auf der Haut. Ich versuche, ihr Lächeln zu erwidern. 

Bonjour Madame. – Bonjour Monsieur

Auf dem Gepäckträger eine Hello-Kitty-Schultasche, dahinter ein Anhänger. Ein Anhänger, wow! Im Anhänger ein Mädchen, vielleicht drei Jahre alt. Sonnengebräunt und blond wie die Mutter. Ein Helm von Hello Kitty auf dem Kopf.

Bonjour Monsieur.Bonjour chérie.

Die Mutter lässt sich zu einem Lächeln hinreißen. Zum Glück sagt sie nicht zu ihrer Tochter: "Lass den Mann in Ruhe, chérie". Ich brauche ihr Mitleid nicht. Bitte nicht. 9,4 Stundenkilometer, Puls 162. Diese Schmach. Überholt in der Steigung. Mühelos mit Anhänger. Allein der Anhänger mit Kind wiegt sicher das Vierfache meines Fahrrads. Ich versuche, wider besseres Wissen, wenigstens dran zu bleiben. Puls 172. Ein paar Meter noch und ich falle reanimationspflichtig vom Rad. Die zwei sind uneinholbar.

Wahrscheinlich hat mich gerade die französische Vizemeisterin im Triathlon überholt. Nachdem sie ihre Tochter im Kindergarten abgesetzt hat, wird sie über den Markt schlendern und kiloweise Bio-Obst und -Gemüse in den Anhänger packen. Für den Vormittag sollte das reichen. Am Nachmittag wird sie wahrscheinlich mal eben über die Bucht nach Giens hinüberschwimmen und anschließend über den Strand von l'Almanarre zurück nach Hause rennen. Kann natürlich auch sein, dass ihr Fahrrad mit Strom fährt. Die Batterie gut versteckt unter der Schultasche auf dem Gepäckträger.