Unser Kollege Matthias Stolz steigt aus. Für ein Jahr. Hier erzählt er, was er erlebt. Die erste Folge kam aus Tokio, nun ist er in Nelson, Neuseeland.

Die Woche in Tokio war nur eine Art Vorspann, in Neuseeland wurde es ernst mit dem Sabbatical, zwei Monate lang will ich dort bleiben. Ziel: möglichst viel wandern, möglichst viel Kanu fahren, möglichst viel im Zelt übernachten. Möglichst selten im Hostel.

Hostels sind in Neuseeland zahlreicher als Hotels oder Pensionen, der große Vorteil ist, dass man dort kochen, also auf das in Kleinstädten womöglich nicht so tolle Essen in Restaurants verzichten kann. Der Nachteil ist, dass man sich die Küche mit zumeist 18-jährigen Europäern teilen muss, die soeben ihr Abitur gemacht haben und in Fragen der Küchenbenutzung noch ziemlich unerfahren sind.

Europa schickt seine Kinder nach Neuseeland, damit sie dort Work&Travel machen können, also als Beerenpflücker oder Hostel-Bedienstete arbeiten, während sie nebenher Urlaub machen. Bisher traf ich vor allem deutsche 18-Jährige, viel mehr als griechische, amerikanische oder italienische 18-Jährige, was sicher mit dem Kontostand der Eltern zu tun hat. Und vielleicht auch damit, dass deutsche 18-Jährige, wenn sie männlich waren, bis vor Kurzem noch zum Bund mussten oder als Zivi ins Altenheim. Heute machen sie in Neuseeland eine Art Ersatzersatzdienst. Blaubeeren pflücken statt Waffen putzen.

Wie wäre es mit Joachim Gauck als Vize-Staatsoberhaupt? © Matthias Stolz

Dass mein Eindruck, es seien besonders viele Deutsche unterwegs, nicht ganz falsch ist, zeigte sich in einem Hostel in Napier. Die Gäste des Hostels waren eingeladen, mit einer Nadel zu markieren, woher sie kamen. Auf dem Kartenbereich, der Deutschland zeigte, war kaum noch eine Nadel unterzubringen. Ebenfalls eine hohe Nadeldichte hatte England, ein Land, das sich die Königin mit Neuseeland als Staatsoberhaupt teilt. Ginge es rein nach dem Besucherstrom, müsste aber womöglich Joachim Gauck den Job übernehmen.

So viele Deutsche sind unterwegs in den Hostels, dass sich einige von ihnen untereinander auf Englisch unterhalten. Als ich zwei Jungs nach dem Grund fragte, sagte mir der eine von ihnen, er sei schließlich zum Englischlernen hergekommen, und wenn er mit allen Deutsch rede, die die Sprache beherrschten, würde das nie was. Er hat mir das natürlich auf Englisch erklärt.

Z.w.ö.l.f.s.t.e.l.l.i.g.

Trotz hoher 18-Jährigen-Dichte ist so etwas wie freies Wi-Fi in den Hostels nahezu unbekannt. Stattdessen erhält man an der Rezeption einen ungefähr 12-stelligen Code, mit dem man 50 oder 100 Megabyte Daten aus dem Netz laden kann, oder eher: laden können sollte. Es klappt ständig aus vielen Gründen nicht, und wenn es doch klappt, ist die Verbindung so langsam, dass es gerade mal zum Googeln, keinesfalls aber zum Skypen reicht.

Bislang waren mir Megabyte als Einheit so egal wie Newtonmeter, nun kämpfe ich um jedes einzelne. Einmal auf einer Landkarte nach einem Wanderweg suchen, schon sind 10 Megabyte weg. Ein falscher Klick, und ich muss wieder nach dem deutschen Work&Traveler suchen, der gerade nicht an der Rezeption steht und ihn auf Englisch bitten, mir noch mal 50 seiner Megabyte zu verkaufen. Wenn er nicht gerade schon einen trinken ist.

In einem Hostel in Auckland erlebte ich einen kleinen Bewohneraufstand. Weil das WLAN gänzlich zusammengebrochen war, rief der Leiter des Hostels inmitten einer aufgebrachten Menge die Telefongesellschaft an und drohte, den Vertrag zu kündigen, würde nicht binnen der nächsten Stunden etwas geschehen. Seine Gäste seien aufgebracht, sagte er und hielt den Hörer in die Höhe, sodass die Menge aufgebracht in den Hörer murren konnte.

Vermisst wegen Code

Eigentlich hatte ich mir das Sabbatical so vorgestellt: nicht ganz so oft im Netz sein, weniger E-Mails lesen. Aber jetzt, da es in der Natur gar kein Netz gibt, tagelang nicht, nicht einen Balken Empfang, und in den Städten fast keines, würde ich sehr viel geben für ein rasend schnelles Internet.

Die Megabyte, die ich habe, nutze ich dazu, Plätze in Wanderhütten vorzubuchen (das muss man nämlich, Abenteuer hin oder her) und Routen zu suchen. Mit Deutschland maile ich nur sehr sporadisch. Eigentlich soll man vor jeder Tour in die Wildnis einem Menschen in der Heimat mitteilen, wann man wieder von einer Wanderung zurück sein wird. Damit, wenn der Anruf oder die E-Mail ausbleibt, die Bergwacht verständigt werden kann.

Ich mache das lieber nicht, denn in der Zeitung las ich von einer Französin, nach der tagelang in den Bergen gesucht wurde, weil eine solche Nachricht ausblieb. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr nichts zugestoßen ist. Sie hat wahrscheinlich nur ihren 12-stelligen Code vergessen.