Syrische Kurden aus Kobani drängen zu einem Stacheldrahtzaun an der türkischen Grenze. © John Stanmeyer / National Geographic

Der zweifache Pulitzer-Preisträger Paul Salopek wandert sieben Jahre lang auf den Spuren der Menschheit um die Welt, von Äthiopien bis Feuerland. Mehr über seine Reise finden Sie hier, hier und hier. Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe März 2015, www.nationalgeographic.de

Was passiert, wenn du zum Flüchtling wirst? – Du läufst. Klar: um mit dem Leben davonzukommen – zum Beispiel wenn Bewaffnete dein Dorf angreifen –, wirst du mit dem erstbesten Transportmittel fliehen. Mit dem Familienauto. Mit dem Obstlaster deines Nachbarn. Im Anhänger eines Traktors. Aber dann irgendwann: eine Grenze. Von nun an musst du laufen. Warum? Weil Männer in Uniform deine Papiere sehen wollen. Was, keine Papiere? Es ist gleichgültig. Steigt aus! Stellt euch da drüben hin! Wartet! Jetzt, Papiere oder keine Papiere, beginnt das Leben als Flüchtling wirklich: zu Fuß, in der Haltung des Ohnmächtigen.

Der zweifache Pulitzer-Preisträger Paul Salopek wandert sieben Jahre lang auf den Spuren der Menschheit um die Welt, von Äthiopien bis Feuerland. © John Stanmeyer / National Geographic

Ende September strömten in der Nähe des Grenzübergangs Mürşitpınar in der Türkei zehntausend syrische Flüchtlinge über die brachliegenden Paprikafelder. Es waren Kurden. Sie flohen vor den Kugeln und Klingen des Islamischen Staats. Viele kamen in Autos und wirbelten Wolken feinen, weißen Staubs auf den Feldern auf, die zu den ältesten bestellten Äckern der Welt gehören. Die Türken wollten diese bunt zusammengewürfelte Karawane nicht durchlassen. So entstand an der Grenze ein Parkplatz voller verwaister Fahrzeuge. Eines Tages kamen schwarz gekleidete islamistische Krieger und stahlen die Autos. Die türkischen Soldaten schauten zu. Es war ihnen egal.

So fängt es an. Du machst einen Schritt. Du verlässt ein Leben und trittst in ein neues ein. Du gehst durch einen zerschnittenen Grenzzaun und wirst staatenlos, verwundbar, abhängig, unsichtbar. Du wirst zum Flüchtling.

Die Dinge ändern sich nicht

"Zweimal wurde  die  Stadt  niedergebrannt", sagte Atilla Engin, als wir auf dem Oylum Höyük standen, einem kahlen, von Menschen aufgeschütteten Hügel im Südosten der Türkei. Engin ist ein türkischer Archäologe von der Universität Cumhuriyet. Er blickte in eine Grube, die gerade unter Anleitung seiner Studenten auf dem Gipfel des Hügels von Dorfbewohnern ausgehoben wurde. Viele Imperien sind auf dem oft umkämpften Kernland Kleinasiens erblüht und untergegangen. "Die Dinge ändern sich nicht", sagte Engin mit dem müden Lächeln eines Mannes, der in Jahrtausenden dachte. "Außenstehende Mächte kämpfen noch immer um diese Gegend – die mesopotamische Ebene. Hier treffen sich Afrika, Asien und Europa. Es ist das Zentrum des Nahen Ostens. Ein Tor zur Welt."

Von einer Leiter aus, die er dazu benutzte, seine Grabung zu fotografieren, konnte Engin fast das Flüchtlingslager bei Kilis sehen, einer nahe gelegenen türkischen Stadt an der syrischen Grenze. Seit bereits zweieinhalb Jahren schmoren dort im Auffangbecken etwa 14.000 Menschen, die vor Syriens apokalyptischem Bürgerkrieg geflohen sind.

Wie ein Gewitter liegt die Ungewissheit über den Syrern, die in die Türkei geflohen sind. Der Konflikt in ihrer Heimat könnte sich noch jahrelang hinziehen. Werden sie jemals zurückkehren können? © John Stanmeyer / National Geographic

In der Türkei leben etwa 1,6 Millionen syrische Kriegsflüchtlinge. Weitere acht Millionen oder mehr sind an andere Orte innerhalb Syriens gezogen oder schlagen sich mehr schlecht als recht im Libanon und in Jordanien durch. Die blutige Spur des Krieges reicht natürlich auch bis in den benachbarten Irak, wo die Fanatiker des Islamischen Staats weitere zwei Millionen Menschen entwurzelt haben. Insgesamt sind im Nahen Osten zurzeit etwa zwölf Millionen heimatlos. Die politischen Konsequenzen in der Region sind unermesslich und werden lange anhalten.

Es geschieht Historisches

"Es geht hier nicht mehr nur um die Türkei oder um Syrien", sagte mir Selin Ünal, eine Sprecherin des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, UNHCR, im Lager Kilis. "Dies ist ein Problem, das die gesamte Welt betreffen wird. Hier geschieht etwas Historisches."

Die Vereinten Nationen schätzen, dass bereits Ende 2013 weltweit mehr als 51 Millionen Menschen durch Krieg, Gewalt und Verfolgung aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, mehr als die Hälfte davon Frauen und Kinder. Unter den syrischen Flüchtlingen in der Türkei bewegt sich der Anteil der Frauen und Kinder auf 75 Prozent zu. Die Männer bleiben zurück, um zu kämpfen oder ihr Eigentum zu verteidigen. Die Frauen und Kinder werden zu bettelarmen Nomaden. Syriens Frauen erleiden ihre Kriege allein, schweigend, in der Fremde.

Den vollständigen Text finden Sie in der aktuellen Ausgabe.

"Das ist ein gewaltiges verstecktes Problem", sagte Elif Gündüzyeli, eine Mitarbeiterin der türkischen Hilfsorganisation Support To Life (Hayata Destek). "Dass diese Frauen so ungeschützt und verwundbar sind, verwandelt die Gesellschaft."

"Niemand beschützt einen", sagte Mona (Name geändert), eine junge Syrerin, die in der türkischen Stadt Şanlıurfa gestrandet war. "Man wird ständig belästigt. Drei Männer haben versucht, mich in ein Auto zu zerren. Sie packten mich am Arm. Ich habe geschrien. Die Leute auf dem Bürgersteig haben nichts gemacht."

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