Wenn Alessandro Scarnato über die Gentrifizierung in Barcelona spricht, benutzt er Küchenmetaphern. Scarnato ist Architekt und Aktivist. Und um sein Bild zu nutzen: Die Gentrifizierung schmeckt ihm nicht.

Zuerst führt er einen in die, wie er sagt, Vorratskammer: das ehemalige Rotlichtviertel Raval. Raval hält alle Zutaten für die Gentrifizierung bereit. Es ist zentral in der Altstadt gelegen, wurde in den vergangenen Jahren mit Museen für moderne Kunst aufgehübscht und wird von Studenten, Skatern und hippen Bars bevölkert. Mit den Studenten kamen die Touristen und gleich danach die Investoren. "Seit der Jahrtausendwende sind die Immobilienpreise hier um bis zu 600 Prozent gestiegen", sagt Scarnato.

Der Frust der Anwohner ist nicht zu übersehen, zumindest nicht, wenn man des Katalanischen mächtig ist. Überall in der Altstadt hängen Plakate und Bettlaken an den Balkonen. "Keine Touri-Appartements mehr" steht darauf oder "Stoppt den Tourismus! Mehr Hotels = weniger Nachbarn". Dass kaum ein Tourist die Botschaft versteht – geschenkt. Denn der Massentourismus ist in Barcelona längst ein Politikum. Eines, das die Kommunalwahlen im Mai mitentscheiden wird.

Es ist kein Wunder, dass Touristen die Stadt lieben. Müsste jemand am Reißbrett eine Stadt planen, die für Kurztrips perfekt ist, würde wahrscheinlich Barcelona dabei herauskommen: klein genug, um sie in wenigen Tagen zu erkunden, aber groß genug, um urbanes Lebensgefühl zu vermitteln; ausgestattet mit Weltkulturerbe-Architektur, Museen zu großen Namen wie Picasso und Miró, mit mediterranem Klima und gutem Essen. Und einen Stadtstrand gibt es auch, er ist nur wenige Gehminuten von der schmucken Altstadt entfernt.

Jedes Jahr verzeichnet die Stadt deshalb neue Besucherrekorde. 27 Millionen Touristen kamen im Jahr 2012; an einem einzigen Sonntag im Mai 2014 entließen allein die Kreuzfahrtschiffe 31.000 Touristen in die Stadt. Der Tourismus schafft Arbeitsplätze und Umsatz, drei Milliarden Euro wurden 2013 allein mit ausländischen Kreditkarten ausgegeben. Touristen bringen Geld und mehr Touristen bringen mehr Geld – eine immer noch mit der Wirtschaftskrise kämpfende Stadt müsste sich also über jeden Besucher freuen.

Eine Stadt ist allerdings nicht immer deckungsgleich mit ihren Einwohnern. Mehr Touristen machen auch mehr Lärm, mehr Touristen brauchen noch mehr Souvenirshops, mehr feierwütige Touristen kotzen oder pinkeln frühmorgens öfter in den Hauseingang. Schon 27 Millionen Besucher pro Jahr seien viel zu viele für eine Stadt mit 1,6 Millionen Einwohnern, deren Stadtgebiet nicht einmal ein Siebtel so groß ist wie das von Hamburg. "Barcelona wird zum Vergnügungspark wie Venedig oder Prag", befürchtet ein Einwohner in einem Dokumentarfilm zum Thema. Tatsächlich gibt es schon jetzt Teile der Stadt, die komplett von Touristen beherrscht werden. Etwa die ehemalige Flaniermeile La Rambla, die quer durch die Altstadt führt. Hier spazieren zu gehen, kommt keinem Einheimischen mehr in den Sinn, stattdessen schieben sich die Massen im Gleichschritt die Straße entlang, es ist ein Paradies für Taschendiebe und Nippesverkäufer.

Zu deutsch: Wie wäre es mal mit Urlaub auf Balkonien? © Veronika Widmann

Vor allem brauchen mehr Touristen auch mehr Platz zum Schlafen. Und den finden sie dank Airbnb und Co. immer öfter dort, wo vor Kurzem noch die Oma von nebenan wohnte oder die Familie, die ihren Kredit nicht mehr bezahlen konnte. So haben die Touristen in den vergangenen Jahren auch das Viertel Barceloneta für sich entdeckt, direkt am Strand gelegen und dennoch nicht weit vom Zentrum entfernt. Die zu einem großen Teil illegalen Touristenappartements treiben die Mietpreise in die Höhe. Barceloneta sei die Küche der Gentrifizierung, sagt Architekt Scarnato. Hier brodelt es. Und als im August drei Italiener nackt durch Straßen und Supermärkte spazierten, kochte die Gentrifizierungsdebatte über: Über Wochen gingen die Anwohner regelmäßig auf die Straße, um ihren Unmut zu bekunden.

"Der Tourismus hat Barcelona sehr gut getan"

Debatten über Massentourismus und Gentrifizierung gibt es nicht nur in Barcelona, auch in Berlin gibt es Streit um Airbnb und Partybezirke. Anders als in Berlin aber mussten in Barcelona während der Krise Tausende ihre Wohnungen räumen. Von Politik und Verwaltung fühlen sich viele Bürger alleine gelassen oder zugunsten wirtschaftlicher Interessen geopfert. So sehr, dass sie im Juni 2014 eine neue politische Plattform gründeten. Sie heißt heute Barcelona en Comú ("Gemeinsam Barcelona") steht der linken Podemos-Partei nahe; eines ihrer Hauptanliegen ist ein neues Konzept für den Tourismus. Bei der Kommunalwahl am 24. Mai könnte sie aktuellen Umfragen zufolge stärkste Kraft werden.

"Wir wollen den Tourismus nicht abschaffen", sagt Scarnato, der Mitglied von Barcelona en Comú ist. "Schließlich hat er Barcelona sehr gut getan." Die Erklärung für diesen überraschenden Satz schiebt er gleich hinterher: Noch vor 20 Jahren gab es in Barcelona kaum Wertschätzung für die Stadt selbst, für ihre Altstadt, ihre einzigartige Architektur. "Niemand konnte sich vorstellen, dass jemand nur wegen der Stadt hierher kommen würde." Wenn die Leute kamen, dann für Messen und Kongresse, für die Weltausstellung 1929 oder die Olympischen Spiele 1992.

Die Altstadt und umliegende Viertel waren verrufen, Prostitution und Armut allgegenwärtig. Die Bauwerke Gaudís und anderer Architekten des Modernisme galten vielen als überflüssig und hässlich, selbst über einen Abriss der Sagrada Família wurde diskutiert. "Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal hierher kam, konnte ich einfach am Casa Batlló von Gaudí klingeln und es besichtigen. Die Leute belächelten mich nur ein wenig dafür", sagt Scarnato. Heute ist Gaudí Barcelonas Verkaufsschlager, das von ihm entworfene Haus Casa Batlló Weltkulturerbe. Um es zu besuchen, steht man Schlange und bezahlt mehr als 20 Euro Eintritt.

Die Olympische Wende

Die Wende kam mit den Olympischen Spielen 1992. Die Stadt richtete sich her und öffnete sich zum Meer hin, erst jetzt bekam Barceloneta die Strandpromenade, die das Viertel heute so beliebt macht. Plötzlich stand Barcelona im Zentrum der Weltöffentlichkeit, etwa zur selben Zeit starteten in Europa die ersten Billigflieger, Reisen wurde einfacher und günstiger.

"Zuerst war der Tourismus wie eine Medizin. Aber jede Medizin wird zu Gift, wenn man zu viel davon gibt", sagt Scarnato. Und wenn man nicht weiß, wie man sie einsetzt. In Barcelona war man an Eventtourismus gewohnt, für den Individualtourismus fehlte eine Strategie jenseits des Immer-Mehr. Das Ergebnis kann man im Viertel El Born besichtigen. Alessandro Scarnato sagt, das Viertel sei das Restaurant, in dem das fertige Gericht namens Gentrifizierung serviert wird. Vor dem Picasso-Museum stehen die Touristen Schlange, Souvenirläden reihen sich an Designershops und Cafés für Touristen.

"Unkontrollierter Massentourismus zerstört genau das, was eine Stadt für Besucher attraktiv macht: die einzigartige, lokale Atmosphäre", schrieb deshalb Ada Colau, Kandidatin und Gesicht von Barcelona en Comú, in einem Beitrag für den Guardian. Mehr Regulierung und mehr Bürgerbeteiligung fordert sie deswegen. Theoretisch braucht man schon jetzt für das Betreiben einer Ferienwohnung eine Lizenz. Praktisch hatte die Verwaltung bis zu den Protesten in Barceloneta kaum Kontrollen durchgeführt. Danach folgten einige Abmahnungen und Bußgeldbescheide, außerdem wurde die Polizeipräsenz in Barceloneta verstärkt – theoretisch ist es nämlich auch verboten, auf den Straßen oder am Strand Alkohol zu trinken.

Den Aktivisten von Barcelona en Comú aber reicht das nicht: Sollten sie im Mai die Kommunalwahl gewinnen, sieht der Plan für die ersten Monate im Amt ein Moratorium für die Eröffnung neuer Hotels vor. Erst nachdem zusammen mit den Bürgern ein Tourismusplan für die gesamte Stadt erstellt worden ist, soll weitergebaut werden dürfen. Damit nicht ganz Barcelona zum Restaurant wird.