Was wäre ein Familienhaushalt ohne Bild vom schönsten Tag des Lebens vor dem Grabmal des unbekannten Soldaten am Kreml? © Harry Engels/Getty Images

Moskau: eisige Winter, Putins Thronstadt, roher Thunfisch plus Wodka zum Frühstück, Saunagänge mit Fellmützen, und Soldaten, die den lieben langen Tag im Kreml, um den Kreml und um den Kreml herum paradieren. So lauten diverse Klischees von der russischen Hauptstadt. Und die stimmen durchaus.

Über Moskau weiß ich vor meiner Reise dorthin sonst nur wenig. Etwa, dass seine Bewohner hauptsächlich Russisch sprechen. Eine falsche Annahme, wie ich gleich nach meiner Ankunft feststelle. Ausschließlich Russisch – das trifft es schon eher. Es ist fast so, als wollten mich die Moskauer in dem wackeren Unterfangen unterstützen, ihre Sprache zu erlernen. Zudem beherrschen sie vor allem eine aussagekräftige Geste: Als ich den Herrn am Infopunkt im Flughafen mit dem Wörtchen "Train Station" konfrontiere, zuckt dieser bloß mit den Schultern. Auf dieselbe Weise reagiert die Bedienung im Restaurant, dessen kyrillische Speisekarte einen ermäßigten Sonderpreis für Russen und einen "normalen Preis" für den Rest auflistet.

Unter Moskau bestaune ich die prächtigen, palastartigen Metrostationen. Nicht weniger sehenswert sind an jedem Bahnsteig die zwei Quadratmeter großen Glaskästen zwischen den Rolltreppen, in denen eine griesgrämige Frau auf einen Monitor und ein Telefon vor sich starrt. Freudlosigkeitsfalten kerben sich in ihr Gesicht. Ich kann es ihr kaum verübeln. Tagtäglich strömen mehr Fahrgäste an ihr vorbei als in einer New Yorker und einer Londoner Station zusammen, und alle haben ein Ziel. Darunter sogar streunende Hunde. Passagiere steigen einfach über sie drüber, und wenn die Vierbeiner ein paar Stationen lang gedöst haben, verlassen sie die Metro, nehmen die Rolltreppe nach oben und betteln woanders weiter. Einer ihrer besser betuchten, zwerghaften Verwandten hingegen steckt dank eines, wie ich vermute, brandneuen Modetrends im Dekolleté einer Dame mit Louis-Vuitton-Handtasche, Stilettos und Wespentaille, und muss tolerieren, dass ihm bei jedem Schritt des Frauchens eine lustig hüpfende Brust gegen die Schnauze schlägt.

Moskaus Metrostationen sind Paläste, sehr bevölkerte Paläste. © REUTERS/Lucy Nicholson

Im MoskauerReiseführer steht kein Wort für "Entschuldigung". Aus gutem Grund. Ich nehme mir ein Vorbild am Moskauer, der gelernt hat, in Situationen, die in rückschrittlichen Nationen eine Entschuldigung verlangen würden, einfach zu schweigen und damit Zeit zu sparen sowie die Stimme zu schonen. Gleichzeitig gebe ich mir Mühe, mich der Moskauer Zwischenmenschlichkeit anzupassen: Gerade eben wurde ich noch von einer lichthupenden Mercedes-Karosse vom Bürgersteig gejagt, im nächsten Moment kann ich mich gar nicht mehr retten vor Moskauern, die mir unbedingt bei der Orientierung im Moloch helfen wollen. Besonders deutlich wird das soziale Verhalten im engeren öffentlichen Raum. Auf einer Busfahrt gucken alle Fahrgäste grummelig aneinander vorbei; als während eines harschen Abbiegemanövers aber ein Kind hinzufallen droht, springen sofort fünf Moskauerinnen und Moskauer unterschiedlichsten Alters herbei, um es zu retten. Danach sind die Konversationen so laut und herzlich, dass es mir vorkommt, als befände ich mich auf der fidelen Wiedersehensfeier alter Freunde.

Ich winke ihr

Mit Moskau assoziierte ich bisher nicht unbedingt Museen. Der typische Moskauer offenbar auch nicht. Im Puschkinmuseum, immerhin eine der bedeutendesten Kunstsammlungen des Landes, bin ich fast der einzige Besucher. Meine Schritte hallen. Mir scheint, die Kunst ist weniger Attraktion für mich als ich Attraktion für die Aufpasser bin: strickende, Hochglanzzeitschriften lesende Mütterchen – im Geiste Schwestern der Metro-Wächterinnen –, die mich keine Sekunde aus dem Auge lassen. Als ich einen Raum betrete, in dem sich sonst niemand aufhält, höre ich ein knarzendes Geräusch hinter mir und drehe mich um. Eines der Mütterchen ist mit seinem Stuhl vorgerückt und linst um die Ecke nach mir. Ich winke ihr. Darauf dreht sie ruckartig den Kopf weg, als hätte ich sie beim Spannen erwischt.

Vor Moskaus berühmtesten Touristenattraktionen konkurriere ich mit Hochzeitsgesellschaften um die Vorherrschaft über das Fotomotiv. Anscheinend bedeutet Moskauern die abgelichtete Erinnerung an ihre Heirat mindestens ebenso viel wie die Heirat selbst. Sie gondeln in weißen Stretchlimousinen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, um vor jeder einzelnen auszusteigen, das Brautpaar mit Rosenblättern zu bewerfen und zu knipsen. Was wäre ein Familienhaushalt ohne Bild vom schönsten Tag des Lebens auf dem Roten Platz vor Lenins Grab?

In Moskau will der Regen dem Schnee in nichts nachstehen. Darauf war ich nicht vorbereitet. Es schüttet tagelang und hart wie Hagel. Mein Knirps hält dem erbarmungslosen Regen nicht stand. Ersatz finde ich in kioskartigen Buden entlang den beliebten Untergrundpassagen. Einige bieten zum Kauf ausschließlich Damenstrümpfe an, andere DVDs, und etliche bloß Regenschirme. Als stabilstes Exemplar preist die Verkäuferin ein deutsches Exemplar der Marke Donnerwetter an und schwärmt noch dazu von der Offenherzigkeit der Deutschen. Das lässt mich stutzen. Offenherzigkeit und Deutsche in einem Satz? Allein für ein derlei rares Kompliment hat sich schon die Reise gelohnt.

Keine vier Decken im Haus

Die Moskauer sind bescheidene Wesen. Ich, der frierende Herbergsgast, frage nach Decken, worauf die Hotelangestellte mit dem aschblonden Haar behauptet, es gebe keine im Haus, und zusätzlich darauf hinweist, dass es in Russland eben kalt sei. Ich bedanke mich für die Information, als wäre mir das kurz entfallen gewesen. Die hypochondrischen Sorgen, die ich mir nach der Konversation um meine Gesundheit mache, sind überflüssig. Noch am selben Abend finde ich eine elektrische Heizung und vier extra Decken in meinem Zimmer vor. Ein typisches Beispiel für die zurückhaltende Fürsorge des Moskauers. Ich mache mir eine mentale Notiz: "Nein" heißt in Moskau also vieles, unter anderem "Ja". Fühlt sich fast an wie zu Hause!

Auf Moskaus Straßen ist die Polizei stets zur Stelle. Als ausländischer und orientierungsloser Reisender errege ich prompt ihre Aufmerksamkeit. Die Jungs sind kaum im Führerscheinalter, tragen Mützen mit ausladender Krempe, den russischen Cowboyhut, und rotten sich zu einem beachtlichen Rudel zusammen. Ihr bevorzugtes Spiel lautet: Zeig mir deinen Pass. Ich spiele natürlich mit. Da muss ich mich nicht wundern, wenn der Polizist den Pass in seiner Brusttasche verschwinden lässt, um mich gleich darauf nach eben diesem zu fragen. Ein paar Rubel wirken in dieser Situation völkerverständigend.  

Am Moskauer Flughafen schließlich muss ich vor dem Boarding drei Mal die Schuhe ausziehen, mich durchleuchten lassen und mit Herzklopfen minutenlang den kritischen Blick eines Beamten ertragen, der in jedem nicht-russischen Pass herumblättert als habe er etwas Kostbares darin verlegt. Schikane? Ach was, das dient nur der Sicherheit, sage ich mir. Aber als er dann nickt und mir endlich meinen Pass zurückgibt, spüre ich doch: Erleichterung.