Der EN452 ist ein Geisterzug, und er fährt ganz unten. Die unterirdischen Bahnsteige des Berliner Hauptbahnhofs sind weder chic noch schillernd. Die oberste Ebene des Bahnhofs ist eine gläserne Kathedrale, die Fensterputzer von morgens bis abends beschäftigt. Die unteren Sphären dagegen muten klinisch an, sie versprühen den Charme von ärztlichen Wartezimmern – allerdings ohne Annehmlichkeiten wie Zeitschriften oder Kinderspielzeug. Kurz vor Sonnenaufgang an einem kühlen Freitagmorgen im späten März gibt es heimeligere Plätze.

Hier, auf Bahnsteig 7, fährt, derzeit nur freitags, ein Direktzug von Berlin nach Paris ab. Wer die Deutsche Bahn nimmt, um in die französische Hauptstadt zu fahren, muss umsteigen, in Mannheim etwa. Wer den EN452 nimmt, nicht. Doch er verlässt Berlin freitags um 6.23 Uhr am Morgen regelmäßig ohne jede Ansage.

Wer nicht ohnehin auf ihn wartet, wird ihn nicht bemerken. Man findet ihn derzeit nicht in den Fahrplänen der Deutschen Bahn, und man sucht ihn vergeblich auf den Anzeigetafeln des Berliner Hauptbahnhofs. Die meisten Berliner wissen nichts von diesem Zug.

"Bitte nicht einsteigen"

Die elektronische Anzeigetafel auf Bahnsteig 7 warnt nur vor einer allzu innigen Beziehung zu dem EN452. "Bitte nicht einsteigen" ist dort zu lesen. Darunter steht in kleinen Buchstaben die knappe Information, dass der einfahrende Zug aus Moskau stammt. Betrieben wird er von RZD, der russischen Staatsbahn.

Der Zug, der auf dieser Strecke eingesetzt wird, ist komfortabel; das Preis-Leistungs-Verhältnis ist gut; es gibt viel Stauraum für Gepäck und für jeden Passagier einen reservierten Platz. Frühstücken kann man in einem Speisewagen, der russische, polnische und französische Speisen anbietet. 

RZD-E-Ticket © Screenshot Nicky Gardner

Aber dass er von der russischen Bahn betrieben wird, "das reicht wohl, um die meisten abzuschrecken," sagt ein Mann, der mit dem Wischmopp den Bahnsteig sauber hält. Er könnte Recht haben. Die Stimmung in Deutschland gegenüber Russland ist kühl, kühler noch als die Bahnsteige von "Hauptbahnhof Tief" an einem Morgen im Frühjahr. Westliche Sanktionen gegenüber der Russischen Föderation schließen allerdings keine Restriktionen bezüglich des Bahnverkehrs ein.

Von Berlin nach Paris im Schlafwagen

Von Sommer an gibt es sogar wieder einen Nachtzug auf der Strecke. Im Dezember 2014 hatte die Deutsche Bahn ihre eigene City-Night-Line-Verbindung zwischen den Städten eingestellt. Der Perseus war nur einer von mehreren Zügen, die der Umgestaltung des DB-Nachtzugangebots zum Opfer fielen. Im Juni aber werden sich die Fahrzeiten der RZD-Verbindung Moskau-Berlin-Paris ändern. Der Zug verkehrt dann, erstmals am 19. Juni, zwischen Berlin und Paris als Nachtzug.

Der derzeit eingesetzte 6.23-Uhr-Freitagszug nach Paris fährt ohne Halt bis Hannover und braucht dabei einige Minuten länger als die ICEs, die auf derselben Strecke fahren. Mit der Fahrplanänderung im Juni wird die Streckenführung geändert, der Zug fährt dann über Erfurt statt über Hannover und hält auch in Frankfurt an der Oder.

Der EN452 ist einer von zwei russischen Zügen, die Moskau mit Frankreich verbinden und nahezu unbemerkt in der Europäischen Union unterwegs sind. Der andere Zug fährt einmal pro Woche von Moskau nach Nizza. Dabei durchquert er acht Länder auf seiner langen Fahrt an die französische Riviera, er verbindet Nizza etwa direkt mit Wien.

Viele leere Abteile ab Moskau

Auch der ab Sommer betriebene Zug wird nicht jede Nacht verkehren. Abfahrt von Frankfurt an der Oder, Berlin und Erfurt nach Paris ist jeweils nur am Freitag- und am Samstagabend. Die Rückfahrt von Paris erfolgt dann am Samstag- und Sonntagabend. Ob die RZD die Frequenz der Fahrten steigert, dürfte davon abhängen, ob die neue Nachtzugverbindung in Deutschland und Frankreich Zuspruch findet. Der große Wertverlust des Rubel hat das Interesse russischer Passagiere an Urlaub in der Europäischen Union gedämpft. Die Folge ist: viele leere Abteile in den Zügen von Moskau nach West- und Mitteleuropa.

Ob deutsche Passagiere den Zug nutzen, wird sich unter anderem daran entscheiden, wie sich die Deutsche Bahn positioniert. Derzeit bietet sie keine Fahrkarten für die Verbindungen an, die russischen Züge werden lediglich stillschweigend geduldet. Man muss wissen, wann die Züge fahren, um herauszufinden, wann sie fahren. Derzeit findet man sie nur, wenn man eine Verbindung zwischen Moskau und Paris sucht. Die Deutsche Bahn erklärt das damit, dass der RZD zwischen Berlin und Paris knapp 13 Stunden braucht, länger als andere Züge. Immerhin: Die Verbindungen des Fahrplans, der ab Juni gilt, kann man bei der Deutschen Bahn bereits finden – sofern man weiß, an welchen Tagen die Züge fahren.

Anm. der Redaktion: Der Text wurde im Nachhinein um das Statement der Deutschen Bahn ergänzt.