In manchen Hotelbars kann man die Aussicht auf Knopfdruck ändern. Glimmende Wolkenkratzer-Downtown bei Nacht, glutroter Sonnenuntergang am Karibikstrand in Endlosschleife, die Fußgängerzone von Bottrop? Egal. LED-Videowalls übertragen in das dunkelste Loch die exotischsten Panoramen. Wer braucht noch Fenster? Draußen im Realen ist es oft trostlos, in der Virtualität aber ausgesucht schön.

Eine Fahrt mit dem Zug durch ein Land wie die Schweiz erinnert an den Aufenthalt in solchen Bars. Dem kritischen Reisenden jedenfalls stellt sich die Frage, ob die Fenster der Waggons vielleicht gar keine Fenster sind – sondern Bildschirme wie in diesen Hotels. Ob die Landschaften, die sie zeigen, also digital poliert wurden. So unwirklich lieblich sind die langsam wechselnden Panoramen.

Bestimmt könnte ich die überaus freundlichen Schaffner fragen: "Jetzt mal ehrlich, was verbirgt sich hinter den Screens?" Sie würden mich nicht auslachen, dafür sind sie zu höflich. Aber ich kenne die Antwort. Lieber drücke ich über Lausanne meine Nase an die Scheibe. Der Zug nimmt dort in den Hügeln eine lang gezogene Kurve, die Köpfe der Passagiere drehen sich synchron nach links, denn da unten liegt er, breit wie ein Meer, überzogen mit einer milchigen Nebelglasur: der Genfer See.

Huch, das Matterhorn!

Still ist es im Waggon, keiner spricht, keiner starrt auf sein Smartphone, jedenfalls nicht um der Ablenkung willen. Draußen im Virtuellen ist es oft trostlos, in der Realität aber ausgesucht schön. Vereinzelt erscheint der See in Miniatur auf den Displays; schnell ein Foto zum Teilen.

Momente wie dieser unterbrechen den üblichen Verlauf einer Zugreise – Geschwätz, Laptopgetippe, am Sandwich nagen – hier immer wieder. Die Passagiere seufzen ergriffen: Huch, das Matterhorn…die Rheinschlucht…der Vierwaldstättersee…

Die Schweiz ist von Schienen durchzogen. Bis in die letzten Winkel kann man das Rauschen der eisernen Räder hören. Im Wallis trägt die Gornergrat-Bahn den Reisenden bis auf 3.000 Meter hinauf. Der Glacier-Express der Rhätischen Bahn (RhB) zuckelt von St. Moritz acht Stunden lang nach Zermatt, über Viadukte und hundert Meter hohe Brücken aus Stein, durch Tunnels und über Pässe, vorbei an weißen Schneefeldern und mit Kühen bestückten Weiden. Auf den schmalen Schienen der RhB geht die Zeit verloren, das Bewusstsein löst sich zwischen den zerklüfteten Felsen und dem kristallin blitzenden Gletschern auf. Spaziergänger winken. Nicht den Passagieren, sondern der roten Eisenbahn. Welcher Zug bewirkt bei erwachsenen Menschen solche Zuneigung?

Maschinen werden nur geliebt, wenn sie eine Geschichte haben, wenn sie eine Tradition weiterführen. Die Schaffner der RhB schrauben an den Stationen an irgendwelchen Kästen herum, bevor der Zug seine Fahrt fortsetzt. Das, was da ausgeführt wird, ist mir nicht bekannt, es würde auch moderner gehen, da bin ich mir sicher. Aber Fortschritt würde das Zeremonielle zerstören, das ein wichtiger Bestandteil einer solchen Bahnfahrt ist. Dazu passt es, um das Bild abzurunden und um in der Region zu bleiben, Bündner Fleisch, Gruyère und ein Glas Malanser Riesling im holzvertäfelten, reizend biederen Speisewagen zu genießen.

Umsteigen!

Weitaus funktionaler als die Rhätischen Züge sind die Intercitys der Schweizer Bundesbahn (SBB). Die Speisewagen dort etwa sind nüchterne, schmucklose Transferräume für Hungrige, die gesättigt werden wollen. Länger verweilen würde ich hier nur unter Einfluss eines sanften Weißweinrauschs, der mir helfen würde, mich tiefer in die recht harte Bestuhlung zu versenken. Aber: Das Essen ist ausgezeichnet. Die Speisekarte wurde von einer Gruppe Köche zusammengestellt, die sich Koch-Nationalmannschaft nennt. Wer das nun genau sein soll, interessiert mich nicht, ihr Zürcher Geschnetzeltes ist jedenfalls saftiger als das in einigen Restaurants aus der Heimatstadt des Gerichts.

Eine Intercity-Fahrt ist weniger spektakulär als etwa die mit der Rhätischen Bahn, aber nicht minder interessant. Reist man etwa von Zürich nach Genf, kann man von seinem Platz aus, der übrigens auch in der zweiten Klasse viel Beinfreiheit bietet, die schrittweise Veränderung der Kultur beobachten. Überwiegen auf dem Bahnsteig in Zürich noch die blassen Gesichter, mischen sich auf dem Weg in den Westen immer mehr dunklere Töne in die wartende Masse, bis dann in Genf eine angenehme, internationale Ausgewogenheit herrscht.

Auch die Stimmung in den Waggons verändert sich, was mit dem Wechsel der Sprache zu tun hat. Das zurückhaltende, etwas behäbige Schwyzerdeutsch emulgiert ins muntere Französisch. Ab Fribourg, nach dem Passieren des Rösti-Grabens, wie die unsichtbare Grenze zwischen deutscher und französischer Schweiz genannt wird, hebt sich der Geräuschpegel leicht – "mais oui!" –, unterbrochen nur von den Momenten, in denen alle Reisenden zugleich vom Ausblick ergriffen sind. Eine Zugfahrt von drei Stunden zeigt, welch unterschiedliche Lebensweisen sich in dem kleinen Land zusammenfügen. So wunderbar ist Zugfahren nur selten. Das wissen auch die Schweizer selbst. Kein Volk der Erde nutzt die Bahn ausgiebiger.