In unserer Serie beantworten Vielreisende und Reiseexperten in zehn Fragen, wie sie am liebsten unterwegs sind. Heute: Schriftsteller Thorsten Nagelschmidt alias Nagel.

1. Das Reiseziel: Wohin soll es gehen?

Am liebsten immer dahin, wo ich noch nicht war. Inspiration kriege ich schon allein beim Blick auf den Globus auf meinem Schreibtisch. Es kann auch eine kurze Meldung in der Zeitung oder der Tagesschau sein. Außerdem Romane, Filme, Songs oder Erzählungen von Freunden oder Fremden. Und natürlich das Reisen selbst.

Ich begebe mich aber auch gerne ein zweites oder drittes Mal an Orte, über die ich mehr wissen will. Städte wie Havanna, Phnom Penh, Tel Aviv oder New Orleans, die ich nicht beim ersten Mal verstehe, vielleicht nie wirklich verstehen werde, und die eben dadurch so großen Reiz ausüben.

2. Die Buchung: Reisebüro, Katalog, Internet oder Smartphone?

Das Internet ist für den Individualreisenden wohl unerlässlich, aber eine große Falle für Entscheidungsschwache. Zu viele Optionen, am Ende überwiegen oft Abwägerei und Zweifel, und man klappt entmutigt und überfordert den Laptop zu, ohne etwas gebucht zu haben. Ein Gefühl, wie wenn man durch einen sehr vollen iPod scrollt und am Ende gar nicht mehr weiß, was man eigentlich hören möchte. Leidenschaft geht anders. Ich muss dabei immer an eine Stelle in Sylvia Plaths Roman Die Glasglocke denken: Man sitzt im Feigenbaum, und weil man nicht weiß, welche Feige man essen soll, verhungert man lieber. 

Immer öfter lasse ich mir Angebote von einem kleinen, feinen Reisebüro in Berlin geben. Da ich aber immer nur die Flüge vorab buche, und das meist sehr kurzfristig, verbringe ich dann doch wieder einige Zeit im Internet.

3. Das Internet: Welche Buchungsportale, Apps, Reiseblogs?

Dort geht es mir hauptsächlich um Preisvergleiche und praktische Informationen. Apps und Websites wie Tripadvisor vermeide ich, weil diese Meinungshölle mich immer schnell abtörnt. Ich will nicht über jede Qualität von Matratze oder Duschstrahl im Vorfeld informiert sein. In einer von Google Earth, Wikipedia und Lonely Planet perfekt durchleuchteten Welt kann es befreiend sein, sich im besten Sinne naiv und unwissend auf einen fremden Ort einzulassen. Die alte romantische Idee des Flaneurs, der sich einfach treiben lässt, spricht mich schon sehr an.

4. Die Vorbereitung: Reiseführer, Wikipedia oder Diaabende bei Freunden?

Der Reiseführer ist praktisch, auf vielen Reisen unerlässlich. Man muss ihn aber zu nutzen wissen und darf sich nicht nur von ihm benutzen lassen. Dazu gehört auch, ihn mal zur Seite zu legen. Wer sich ständig sagen lässt, welchen Weg er zu nehmen, wohin er wann zu schauen und wovon er begeistert zu sein hat, bringt sich selbst um jegliche eigene Erfahrung.

Dan Kieran vertritt in seinem Buch Slow Travel die These, dass Reiseführer, nimmt man sie zu ernst, in erster Linie Schuldgefühle und Stress verursachen. Schließlich kann man nie alles sehen, geschweige denn verstehen oder sich merken. Dahinter vermute ich nicht nur die Angst vor dem Unbekannten, sondern auch davor, nicht das meiste aus der Reise herauszuholen. Darum kettet sich der erholungsuchende Pauschalurlauber an der Poolliege oder dem Strandkorb fest, während der Städtetrippende mit strenger Planung To-do- beziehungsweise To-see-Listen abhakt, und zwar häufig nicht mal selbst erstellte. Der distinktionsgetriebene Individualtourist dagegen muss sich ständig seines Individualismus versichern und kann bei der verzweifelten Suche nach dem Exotischen und Authentischen nur enttäuscht werden. Der Jet-Set-Schnösel schließlich verzichtet gleich ganz darauf, die besuchte Stadt jenseits von Flughafen, Taxifahrt und Businesshotel eines genaueren Blickes zu würdigen.

Viel erquickender ist es, etwas zu entdecken, ohne danach gesucht zu haben. Das Graffiti in der dunklen Gasse hinter dem Museum erzählt oft mehr über das Hier und Jetzt eines Ortes als das Museum selbst.

5. Vor Reiseantritt: Was muss dringend noch erledigt werden?

Viel Zeit und Energie beansprucht die Auswahl und Besorgung der passenden Literatur. Ich lese vor und auf einer Reise gerne Romane und Sachbücher, die einen Bezug zu dem jeweiligen Land haben. Wie so oft, führt dann eines zum anderen, und vor mir stapeln sich mehr Bücher, als ich lesen, geschweige denn mitnehmen kann. Mit Filmen ist es ähnlich.

Da ich meistens sehr kurzfristig buche, erstelle ich oft To-do-Listen. Allerdings auch deswegen, weil es so schön ist, Erledigtes wegzustreichen. Manchmal schreibe ich etwas schon längst Erledigtes auf die Liste, nur um es gleich durchzustreichen. Ein herrliches Gefühl, wie Müll rausbringen oder den Computer aufräumen.

Das Packen selbst fällt mir leicht. Ich muss meine Tasche allein durch meine Lesetouren so oft neu packen, dass ich mittlerweile sofort sehe, wenn etwas fehlt.

6. Das Fortbewegungsmittel: Flugzeug, Zug, Auto oder Pferdekutsche?

Ich mag alle Fortbewegungsmittel. Beziehungsweise liebe ich das Wechselspiel, den Mix, die Abwechslung. Fremde Städte erschließe ich mir am liebsten zu Fuß. Man kriegt ein besseres Gespür für die Stadt und ist wendiger. Manchmal landet man irgendwo, wo man gar nicht hinwollte, und sieht Dinge, mit denen man gar nicht gerechnet hat. Da es dank Smartphones und Internet ja kaum noch möglich ist, sich zu verlaufen, kann es ein sehr schönes Gefühl sein, mal vom Weg abzukommen.

Die Wahl des Fortbewegungsmittels ist auch abhängig vom jeweiligen Ort. Ich habe nie ein Auto besessen, in Deutschland bin ich fast nur mit dem Zug unterwegs. 

"Vor allem aber ging es darum, einfach geradeaus zu fahren, mich den Freuden des Individualverkehrs hinzugeben, welcher mir zuhause ein möglichst zu vermeidender Nervscheiß ist, in Nordamerika dagegen immer noch und trotz allem dieses spezielle Gefühl von Freiheit in mir auslöst."
Nagel, "Drive-By Shots"

7. Am Ziel: Hotel, Hostel, der Campingplatz, die Privat- oder Ferienwohnung?

Ich liebe Hotelzimmer. Ihre Anonymität und Funktionalität. Je anonymer das Zimmer, desto einfacher, es zu besetzen. Die temporär eigenen vier Wände, diese Zwischenwelt in der Fremde. Am nächsten Tag checkt man aus und fährt weiter. Keine Bindung. Das genieße ich sehr.

8. Vor Ort: Mutig auf eigene Faust oder nur in der Reisegruppe?

Reisegruppen assoziiere ich mit Klassenfahrt, Mannschaftskabine, Knast und Bevormundung. Nicht sehr angenehm. Manchmal nähere ich mich auf Reisen für eine Weile fremden Reisegruppen. Um zu lauschen, Mäuschen zu spielen, Informationen abzugreifen. Und um mich irgendwann wieder abzuseilen. Das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit zu zelebrieren. Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt.

9. Der Preis: Was darf eine Reise kosten?

Ich könnte spontan von keiner meiner Reisen sagen, was sie gekostet hat. Wenn man zu Hause bucht, vergleicht man natürlich zwangsläufig die Preise. Flug, Mietwagen, vielleicht das erste Hotel. Vor Ort entscheide ich nach Gefühl, Geldbeutel und dem akuten Bedürfnis, also aus dem Moment heraus. Wenn ich über die Stränge geschlagen habe, muss ich halt etwas länger warten, bevor ich die nächste Reise antreten kann. Aber da ich in meinem Leben noch nie ein geregeltes Einkommen hatte, ist mein Gespür für Ausgaben und Einnahmen ohnehin ein relativ abstraktes. Ein Hangeln von Ast zu Ast. Ohne das Leben im Prekariat glorifizieren zu wollen, kommt eine relative Ungewissheit meiner Art zu reisen schon entgegen.

10. Ach so: Warum sind Reisen überhaupt wichtig?

Ich bin Reiseautodidakt. Ich habe sehr spät angefangen zu reisen. Aus finanziellen Gründen, aber auch, weil in meiner Familie eher Urlaub gemacht wurde, und das nur selten im Ausland. Mein erster Flug ging nach München, da war ich Anfang zwanzig.
Ich habe keinen bildungsbürgerlichen Background. Genau wie Musik oder Literatur ist das Reisen für mich etwas, das ich mir selbst erschlossen habe, und dadurch umso wertvoller. Es geht mir dabei nicht unbedingt um die vermeintliche Exotik oder das Abklappern von Ländern, sondern eher um das Unterwegssein an sich. Es ist wohl schlicht die Neugier, die mich antreibt.

Und wie reisen Sie, liebe Leserinnen und Leser? Verraten Sie uns bitte in den Kommentaren Ihre Tricks: die besten Buchungswebsites vom Flug- bis zum Übernachtungsportal, die inspirierendsten Magazine, Sites, Sendungen und Reiseführer, nützliche Apps, die tatsächlich nützlich sind, und wenig ausgetretene Wege, Geld zu sparen.