Heidi bockt. Gut, das ist sie ihrem Ruf auch schuldig; Heidi ist ein gemeiner Hausesel und deshalb zum Starrsinn förmlich berufen. Doch Heidi bockt nicht nur, sie verweigert jede Zusammenarbeit, da hilft auch Zureden mit Engelszungen nicht. Keinen Zentimeter geht es an dieser steilen Stelle den Schotterweg hinauf, und natürlich hat sich das eigensinnige Tier für die Zwangspause einen Platz im Sonnenschein ausgesucht: alpine Sommerhitze zur Mittagszeit, zwischen Mischwald und Blumenwiese weht kein Lüftchen, von Schatten ganz zu schweigen. Mit Heidi zu wandern, ist eine echte Grenzerfahrung.

In jeder Hinsicht. Denn Equus asinus asinus, wie auch dieser Esel akademisch heißt, bockt nicht auf irgendeinem Weg, sondern hoch oben, wo sich Österreich und Slowenien auf einem Bergkamm begegnen. Grenzpanoramaweg heißt die Strecke offiziell. Seit der Alpenverein den historischen Verkehrspass von 130 Kilometern Länge nach Jahrzehnten des Eisernen Vorhangs restauriert hat, kann man ihn gemütlich wandern oder strammen Schrittes laufen, entspannt mit leichtem Gepäck oder körperlich zehrend per Mountainbike. Doch wer den Weg mit Heidis Artgenossen geht, macht andere Grenzerfahrungen: physisch, psychisch, oft meditativ, manchmal erschöpfend, meist wunderschön, jedenfalls unvergesslich.

Und dafür sorgt Horst Wagner. Ein rustikaler Kerl mit mächtigen Händen und ledrigem Lächeln, einst Ingenieur von Beruf, jetzt Eselführer in der Südweststeiermark. Ihn hat es aus der Stadt hierher verschlagen, in die Idylle des Daseins ohne Tempo, ohne Stress. Fünf Esel hat er sich gekauft und zu Begleitern ausgebildet, die Gästen den Urlaub – nun ja, nicht vereinfachen, aber doch bereichern.

Heidi lässt es sich schmecken. © Jan Freitag

"Esel", sagt er zur halbstündigen Einführung, die er ohne Ironie Führerschein nennt, "sind neugierig, ängstlich, verfressen", vor allem letzteres. Als Herdentier seien Esel grundsätzlich kooperativ, aber ebenso grundsätzlich dickköpfig, also schwer lenkbar. Wer es dennoch versuche, solle sich daher an exakte Regeln halten: Zum Anhalten "Steeh" sagen, statt wild am Zaumzeug zu zerren. Nicht vorwärts ziehen, sondern leicht von hinten antreiben. Zwischenzeitliches Grasen durch Sicherheitsabstand zum Wegesrand unterbinden, im Misserfolgsfall aber gewähren lassen und – rückblickend wirkt Horst Winklers Grinsen verdächtig – das Tier mit Geduld und Zuneigung zum Weitergehen motivieren.

Geduld, Zuneigung, Ohrenblick, Sicherheitsabstand – klingt alles machbar. Bis zu besagtem Schotterweg, Kilometer null von rund 18, eine halbe Stunde nach dem Start. Totalblockade. Wie eingemauert steht Heidi am Ackerrain, kaut genüsslich am saftigen Bewuchs und zeigt gleich mal, wer fortan Herr im Haus ist: nicht der sportliche Stadtbewohner, auch nicht seine ebenfalls zupackende Frau. Und schon gar nicht ihr kleines Kind mit dem Stock zur Hand, mit dem es sanft aufs Hinterteil der Dame in Schwarz-Grau patscht, knapp unterhalb der hölzernen Kiepe, in der das Reisegepäck verstaut ist. Heidi rules. Und das wird sich die nächsten drei Tage nicht ändern.