Als am vergangenen Freitag die Nachricht um die Welt ging, Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates stünden unmittelbar vor der syrischen Stadt Palmyra, gerieten Archäologen in Aufregung. Die Vorstellung, mit der griechisch-römischen Wüstenstadt ginge der Welt nach Nimrud und Hatra noch ein weiteres unwiederbringliches Kulturgut verloren, ist schwer zu ertragen. Palmyra, das Kleinod unter den antiken Stätten im Vorderen Orient, markiert seit Jahrtausenden die Schnittstelle zwischen Ost und West. Palmyra legt ein steingewordenes Zeugnis davon ab, welche Schätze eine gelungene Synthese abendländischer und morgenländischer Tradition der Welt schenken kann.

Das letzte Mal, dass ein Heer vor der Oasenstadt Palmyra stand, liegt mehr als 17 Jahrhunderte zurück. Kaiser Aurelian war es, der 272 n. Chr. in der entlegenen Wüste Syriens den Zerfall seines riesigen Reiches zu verhindern suchte. Anlass war Zenobia, die Witwe eines römischen Provinzverwalters, die sich nach dem Tod ihres Mannes zur Herrscherin eines orientalischen Königreiches vom Euphrat bis an den Nil erhoben hatte. Das Zentrum ihres Reiches und der Grund ihres Reichtums aber bildete ihre Heimatstadt, das funkelnde Juwel an der Kreuzung globaler Handelswege: Palmyra.

Das Venedig der Wüste

Im Gegensatz zu Städten wie Alexandria oder Sparta, deren bescheidene Überreste kaum die Erwartungen erfüllen, die ihr literarischer Glanz in uns geweckt hat, garantiert ein Ausflug nach Palmyra Begeisterung. "Plötzlich trennen sich die Berge und man entdeckt die herrlichen Ruinen der berühmten Stadt", schwärmt der französische Landschaftsmaler Louis-François Cassas schon Ende des 18. Jahrhunderts. "Man ist erfüllt von Staunen und Bewunderung über die unzähligen Säulen, Galerien, Überreste von Tempeln, Triumphbögen, riesigen Gebäude und den Sonnentempel in der Mitte, der sich erhebt und die Wüste dominiert, die an ein riesiges Meer erinnert."

Über dieses Meer aus Sand versorgte Palmyra das Abendland mit exotischen Waren wie Seide, Pfeffer oder Edelsteinen – und ließ sich diese Funktion als Zwischenhändler vergolden. Auch die Länder am anderen Ende der Seidenstraße wie Persien, Indien oder China profitierten von Palmyras erlesenen Waren und orderten auf seinen Märkten Keramik, Glas und Salz. Die Vielfalt an Menschen und Kulturen auf den Straßen spiegelte sich schon bald in den Bauten der Stadt wider. Repräsentative Gebäude wie der 32 n. Chr. geweihte Tempel der Gottheit Baal spielen durch den Einsatz von Perspektive und Sichtachsen mit mediterranen und mesopotamischen Elementen und schaffen ein vielschichtiges, widersprüchliches Erlebnis von Architektur, das seinesgleichen sucht.

Ansicht der antiken Stadt Palmyra © Prof. Lévon Nordiguian

Griechische Architektur und römische Toleranz

Als Warenumschlagplatz und Pufferzone zwischen Rom im Westen und dem Partherreich im Osten gelang es dem von Aramäern, Arabern, Juden, Griechen und Römern bewohnten Palmyra, sich über Jahrhunderte politisch neutral zu verhalten. Wie die Prachtstraße die beide Hälften der Stadt fast einen Kilometer lang wie ein steinerner Reißverschluss zusammenhält, gelang es den Künstlern Palmyras, die Polyfonie ihrer Auftraggeber in ein symphonisches Ganzes zu verwandeln. Nirgends wird das deutlicher als in den außergewöhnlichen Grabmälern der Stadt: Orientalische Webmuster umranken griechische Architektur in durch und durch römischer Toleranz.

Für Andreas Schmidt-Colinet, der seit Anfang der 1980er Jahre bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 für das Deutsche Archäologische Institut in Syrien tätig war, ist Palmyra deswegen so etwas wie ein Sinnbild gelungener Multikulturalität. "Von einem solchen Ort können wir viel lernen, gerade heute." Umso mehr ärgert er sich darüber, wie passiv und deklamatorisch die Politik auf die aktuelle Bedrohung Palmyras reagiert. "Um es mit den Worten meines Kollegen Maurice Sartre zu sagen: Wenn IS heute vor Palmyra steht, dann ist das so, als stünden sie vor dem Louvre oder dem British Museum. Es ist unser kulturelles Gedächtnis, das im Begriff ist, ausgelöscht zu werden."

Die Sorgen vieler Palmyrener drehen sich jedoch schon lange nicht mehr um den Raub oder die Sprengung von alten Steinen. Das tägliche Leben in der Stadt hängt, wie schon in der Antike, von Lebensmitteltransporten ab, die aufgrund der Kampfhandlungen und Überfälle jedoch so gut wie eingestellt wurden. Schmidt-Colinet steht auch vier Jahre nach dem Ende der archäologischen Missionen in Palmyra in engem Kontakt zu seinen Mitarbeitern und Freunden vor Ort. "Derzeit sind die Bewohner darauf angewiesen, dass Beduinen ihnen nachts etwas zu essen ins Dorf schmuggeln. Die Situation ist einfach katastrophal."

Die arabische Burg von Palmyra © Prof. Lévon Nordiguian

Die doppelte Katastrophe

Welche ganz konkreten Langzeitfolgen der Verlust des kulturellen Erbes für die lokale Bevölkerung haben würde, ist schon jetzt absehbar. In den vergangenen 30 Jahren hatte sich der Tourismus auch in Syrien zu einer wichtigen Einnahmequelle entwickelt – für den Staat ebenso wie für den einzelnen Bürger. Unmittelbar vor Beginn des Bürgerkriegs wurden bereits rund 11 Prozent des Bruttosozialprodukts des Landes mit Reisenden erwirtschaftet, eine Verdopplung seit der Jahrtausendwende. Der Einbruch der Tourismusbranche um 100% in 2011 ist ähnlich katastrophal für das Land wie die Zerstörungen, die Kampfhandlungen seither an seiner Bausubstanz verursacht haben.

Palmyra, 240 km vom Mittelmeer wie vom Euphrat entfernt, rückt gleich in mehrfacher Hinsicht ins Zentrum der gegenwärtigen syrischen Krise. Denn im Gegensatz zu den sichtbaren Monumenten sind viele der beweglichen Kunstgüter bereits von hier verschwunden: In Raubgrabungen freigelegt oder den frei zugänglichen Gebäuden entnommen, haben sie ihren Weg in den europäischen Kunsthandel gefunden. Für Lévon Nordiguian, ehemaligen Direktor des Museums für libanesische Prähistorie und ausgewiesenen Experten für die Architektur des römischen Orients, besteht die einzige Chance auf Bewahrung der beweglichen Kulturgüter derzeit in einer konzertierten Aktion aus Syrischem Antikendienst und UNESCO, zum Beispiel durch einen geordneten Abtransport der Kunstwerke aus den gefährdeten Regionen.

Die Grabtürme von Palmyra © Prof. Lévon Nordiguian

Kulisse für das neue Werbevideo

Wie lange die stolze "Königin der Wüste" den Versuchen des IS, sie zu erobern, unter diesen Umständen widerstehen kann, kann niemand sagen. Das Interesse der Terroristen an Palmyra bleibt auch nach ihrem ersten Rückzug außerordentlich groß: Neben neuen Ölquellen und einem lästigen Militärstützpunkt der Gegenseite verspricht das reiche kulturelle Erbe der Stadt gleich einen doppelten Erlös: Als Finanzspritze für die Kriegskasse und als Kulisse für das nächste Werbevideo.

Als Kaiser Aurelian die über die Stränge schlagende Zenobia nach einer Reihe verlustreicher Schlachten schließlich besiegt hatte, verschonte er das eroberte Palmyra und verbot seinen Soldaten jegliche Plünderung. Auf dem Heimweg nach Rom erreichte ihn jedoch die Kunde von einem erneuten Aufstand. Daraufhin, so die Legende, soll der wütende Herrscher Palmyra in eine tatsächliche Wüste verwandelt haben, die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht. Ein Schlag, von dem sich Palmyra trotz späterer Siedlungen nie wieder erholt hat. Bleibt zu hoffen, dass dieses Schicksal dem heutigen Palmyra erspart bleibt: Die Folgen wären wohl dieselben.