Der Wellengang auf der Ostsee hält sich in Grenzen. Eine Brandung ist weit und breit nicht in Sicht. Am Strand von Rostock-Warnemünde haben es sich Surfer in Liegestühlen bequem gemacht. Neoprenanzüge sind hier und da zum Trocknen aufgehängt.

Es herrscht ein leicht ablandiger Wind, der gerade noch ausreicht, um den Windsurfern die Segel zu füllen. Die Stand-up-Paddler sind wie immer guter Dinge, da sie nicht abhängig vom Wind sind. Die Wellenreiter hingegen baden in der Sonne und scheinen von einer Brandung zu träumen, wie es sie in Kalifornien, Kapstadt oder auf Hawaii gibt.

Ein Surflehrer erklärt derweil einer Gruppe von Anfängern, die Trockenübungen auf ihren Brettern machen, das kleine Einmaleins des Wellenreitens. Einige von ihnen beobachten intensiv den Horizont, an dem sich langsam die Silhouette der Skandinavien-Fähre abzeichnet, die alle zwei Stunden von Gedser in Dänemark nach Rostock fährt.

Auf diesen Augenblick haben die Wellenreiter gewartet. Auf einmal kommt das Strandleben wieder in Bewegung. Die Surfer leeren ihre Getränke, streifen ihre Neoprenanzüge über und tragen ihre Surfbretter Richtung Wasser. Auf einer vorgelagerten Sandbank gehen sie in Warteposition. Es bildet sich eine Schlange. Als die Fähre die Mündung der Warnow erreicht hat, um zum Rostocker Hafen weiterzufahren, ist es so weit: Auf den Warnemünder Strand rollen Wellen zu, die bei idealen Bedingungen 1,50 Meter hoch sind. 

Das klobige Unterwasserschiff der 35 Jahre alten Fähren Prins Joachim und Kronprins Frederik sorgt dafür, dass die Warnemünder Wellenreiter zwischen 8.30 Uhr und 22.30 Uhr fahrplanmäßig alle zwei Stunden auf einer künstlichen Brandung surfen können. Und das immerhin bis zu 15 Minuten lang. Von welcher Güte die Wellen sind, ist davon abhängig, wie schwer beladen die Fähren sind und zu welchem Zeitpunkt sie auf ihrem Weg in die Warnow die Geschwindigkeit drosseln. Je mehr Tiefgang und Tempo, desto besser.

Zwei neue Fähren

Die Warnemünder Fährwelle bietet, neben der stehenden Flusswelle im Münchner Eisbach, die vielleicht kurioseste Surfgelegenheit in Deutschlands. Seit Surfer den Spot vor rund zehn Jahren entdeckt haben, wurde die Fährwelle bis weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Das Wohnzimmer der Warnemünder Wassersportler ist von Mai bis September das Supremesurf Beachhouse, das sich auf Höhe des zu DDR-Zeiten legendären Hotel Neptun am Strandaufgang 11 befindet. Es bietet eine Surfschule, einen Verleih und natürlich jede Menge Strandleben inklusive Strandbar. André aus Berlin, der schon das sechste Mal in Warnemünde Urlaub macht, sitzt auf einem der wenigen Barhocker und trinkt noch einen Kaffee, bevor er wieder aufs Brett steigt. "Ich habe das Wellenreiten auf der Fährwelle gelernt. Sie hat sehr viel Power", sagt André und wirft einen Blick Richtung Horizont.

Schiff mit Tiefgang © Oliver Schindler

Doch es sieht so aus, als hätten die Warnemünder Wellenreiter keine große Zukunft. Die Reederei Scandlines plant, zwei neue Fähren auf der Strecke Gedser-Rostock einzusetzen. Da die Berlin und die Copenhagen ein modernes, hydrodynamisches Unterwasserschiff haben, das viel weniger Wasser verdrängt, wird es die Fährwelle dann nicht mehr geben. Der genaue Zeitpunkt steht noch nicht fest, zurzeit werden die beiden Fähren noch auf einer dänischen Werft umgebaut. Es werde jedoch erwartet, heißt es in einer Pressemitteilung der Reederei vom Mai, dass die Berlin "in der zweiten Hälfte 2015 betriebsbereit sein wird". In Zukunft müssen die Warnemünder Wellenreiter dann auf einen sehr strammen Nordost- oder Nordwestwind hoffen, der ihnen eine natürliche Brandung beschert. Oder sie können auf ein anderes Brett umsteigen: Windsurfer, Kitesurfer und Stand-up-Paddler sind ja nicht auf die Fährwelle angewiesen.

Für Paula, die seit vielen Jahren zum Team des Beachhouse gehört, gibt es nach wie vor Grund zur Hoffnung, dass die Fährwelle noch eine ganze Weile bleibt: "Die Reederei wollte die alten Fähren schon 2012 aus dem Verkehr ziehen, aber es hat sich seitdem immer wieder verzögert." Gelassenheit ist eine Eigenschaft, die unter Warnemünder Wellenreitern verbreitet ist. Es dauert schließlich noch, bis die nächste Fährwelle kommt. Zeit genug, den Neoprenanzug zum Trocknen aufzuhängen, sich ein Getränk an der Strandbar zu holen und vom Liegestuhl aus den Horizont zu beobachten.