Wo früher die Energie für den Aufbau des Sozialismus produziert wurde, tut sich heute ein Abgrund auf. Durch ein Bullauge aus dickem Glas fällt der Blick von oben in eine leere Halle, unten klafft ein großes, schwarzes Loch. Genau hier hat man viele Atomkerne gespalten, um die DDR mit Energie zu versorgen: im Reaktor des ältesten Kernkraftwerks auf deutschem Boden, 80 Kilometer nördlich von Berlin, in einem Waldgebiet bei Rheinsberg in Brandenburg. Früher blickten die Mitarbeiter des so genannten Kombinats Kernkraftwerke "Bruno Leuschner" durch das Bullauge, um das Austauschen der Brennelemente zu überwachen. Heute blicken vor allem Touristen hindurch und lassen sich von Teilzeit-Tourguide Jörg Möller erklären, wie das Kraftwerk früher funktioniert hat und was nach der Stilllegung passiert ist.

Mittwochs ist im Rheinsberger Atomkraftwerk Besuchertag. Eine Besichtigungstour dauert drei Stunden und kostet nichts. Die Besichtigung beginnt in einem bescheidenen Flachbau am Rand des Kraftwerksgeländes, in dem früher der sozialistische Ingenieurnachwuchs, auch aus osteuropäischen Nachbarländern, kerntechnisch geschult wurde. Der Rheinsberger Ingenieur Jörg Möller, ein vollbärtiger Mittfünfziger, hat für seine Besucher einen halbstündigen PowerPoint-Vortrag vorbereitet. Er erklärt, welche Teile des Kraftwerks bisher demontiert wurden und welche technischen Probleme dabei aufgetaucht sind. Die Besucher lernen, welche "Zerlege-Optionen" für welches Material geeignet sind: Beton kann mit diamantbeschichteten Seilsägen zerschnitten, Stahl mit Drehbänken zerteilt werden.

Besonders kompliziert war die Demontage des strahlenden Reaktors. Dazu hat man die Reaktorhalle mit Wasser geflutet und zwischen der Reaktorhalle und dem Maschinenhaus einen Leitstand eingerichtet, um die Abrissarbeiten per Joystick und Kamera zu steuern. Eingesetzt wurden dabei Bandsägen und ein Plasmaschneider, der festes Material verdampfen kann und "wie ein Zauberschwert" durch das Material geht. Später wurde der zerlegte Reaktor ins Zwischenlager nach Lubmin bei Greifswald verfrachtet und in Halle 7 untergebracht.

Das ehemalige Maschinenhaus des Kernkraftwerks © Oliver Burgard

Nach dem Einführungsvortrag führt Möller die Besucher in das Verwaltungsgebäude und durch eine Sicherheitsschleuse in das Maschinenhaus. Dort standen vor der Demontage Turbine und Generator für die Stromerzeugung. Danach geht es weiter in die Blockwarte und in den kleinen Raum mit dem Bullauge, hinter dem sich früher der Reaktor befand. Die Stimmung auf dem Gelände ist ruhig und friedlich, die Sonne scheint, Vögel singen. Möller erzählt, dass in einigen Bereichen der Anlage Schutzkleidung getragen werde, weil diese Bereiche immer noch radioaktiv kontaminiert seien. Doch davon kriegen Besucher auf ihrem Rundgang nichts mit.

Jörg Möller hat mehr als sein halbes Leben im Rheinsberger Atomkraftwerk verbracht. Nach dem Abitur hat er Maschinenbau und Atomtechnik in Magdeburg und Zittau studiert und damit eine Familientradition fortgesetzt. Sein Vater war Physiker und am Aufbau der Rheinsberger Anlage beteiligt, die 1966 in Betrieb ging. Der Sohn kam 1984 als studierter Ingenieur ins Kraftwerk, leistete sechs Jahre lang seinen persönlichen Beitrag zur Energieerzeugung. Bis zum 1. Juni 1990 – dem Tag der Abschaltung: "Damals haben viele gedacht, dass der Laden hier dichtgemacht wird und alle schnell ihre Jobs verlieren." Doch dann kam es ganz anders.