Die Moschee in Wünsdorf – Motiv einer Archiv-Postkarte

Der Parkplatz eignet sich ganz prima für eine kleine Schatzsuche. Er ist nicht sonderlich groß, ein kleiner Streifen inmitten der brandenburgischen Pampa. Aber groß genug, dass zwei Sattelzugmaschinen auf ihm ein kurzes Slalomrennen um ein paar eingestreute Bauminseln fahren könnten.

Irgendwo auf dem Boden dieses Parkplatzes in Wünsdorf ist eine Gedenkplatte von der Größe eines Pflastersteins versteckt. So klein, dass der Leiter des örtlichen Heimatmuseums, fragt man ihn nach den Koordinaten, "viel Glück" bei der Suche wünscht. Auf der Platte steht "Standort 1915 – 1930: Moschee".

Sie markiert den Mittelpunkt der – soweit bekannt – ersten Moschee, die in Deutschland je gebaut wurde. 100 Jahre ist das her. Am 13. Juli 1915, zum Beginn des damaligen Ramadans, wurde sie eingeweiht.

Theoretisch könnte so ein Jubiläum ein Festtag sein: Ein Jahrhundert deutsche Moscheegeschichte – das wäre doch ein schöner Moment, um sich bewusst zu machen, dass der Islam irgendwie schon zu Deutschland gehörte, bevor die Bild-Zeitung es zu leugnen begann.

Eine kleine Straße, die von der Hauptallee abführt: die Moscheestraße © Klaus Raab

Aber nichts dergleichen. Die Erinnerung an die Moschee wird, jenseits von Universitäten und Museen, nur durch ein paar Kleinigkeiten vor Ort aufrechterhalten. Ihre Geschichte ist ein Kuriosum einer Region, in der heute so gut wie keine Muslime leben. Zum Parkplatz führt eine unscheinbare Straße, die "Moscheestraße" heißt. Auch die allerdings übersieht man um ein Haar.

Der "deutsche Dschihad"

Begibt man sich auf die Spuren der Moschee, findet man eine Handvoll Bücher. Stefan M. Kreutzers Dschihad für den deutschen Kaiser, Herbert Landolin Müllers Islam, ğihād ("Heiliger Krieg") und Deutsches Reich oder Gerhard Höpps Muslime in der Mark. Als Kriegsgefangene und Internierte in Wünsdorf und Zossen. Und man steckt dann mittendrin in der Geschichte einer umgreifenden, aber wohl nicht übertrieben gut geplanten und aus heutiger Sicht ziemlich verwegen anmutenden Unternehmung, die weniger über das Leben der Muslime in Deutschland vor 100 Jahren erzählt, als über die Regierung unter Kaiser Wilhelm II. im Ersten Weltkrieg.

Den Vorschlag, im brandenburgischen Wünsdorf eine Moschee zu bauen, unterbreitete vermutlich der Diplomat Max Freiherr von Oppenheim, der in seiner Denkschrift zur Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde den Plan entworfen hatte, die muslimische Welt gegen die Kriegsgegner des Deutschen Reichs aufzubringen, diese also zu schwächen, indem man ihre Kolonien von innen destabilisiert. 1914 gab es etwa 300 Millionen Muslime, von denen knapp die Hälfte unter britischer, französischer und russischer Herrschaft lebte.

Oppenheims Konzept ging als "Deutscher Dschihad" in die Geschichte ein, das Schlagwort ist allerdings mit ein wenig Vorsicht zu genießen. Der Dschihad, gemeinhin als Heiliger Krieg übersetzt, wurde im Rahmen einer Waffenbrüderschaft mit dem Osmanischen Reich von den Deutschen zwar wohl forciert, ausgerufen aber wurde er vom Sultan in Konstantinopel. Oppenheim benutzte den Begriff des Dschihads zudem nicht im Sinn eines religiösen Kriegs gegen alle Nichtmuslime, sondern eher im Sinn einer antiimperialistischen Verteidigungsstrategie.

Im Halbmondlager in Wünsdorf

Es ist eine interessante Vorstellung, dass Wilhelm II. ein vorbildlicher Antiimperialist gewesen sein könnte. Aber wenn es der Sache dient, findet man womöglich jede Schublade bequem. Um zu demonstrieren, wie ernst es den Deutschen mit ihrer Freundschaft zu den Muslimen war, wurde gar das Gerücht gestreut, der Kaiser sei konvertiert und nenne sich nun Hadschi Wilhelm Mohammed.

Schon vor dem Ausbruch des Kriegs hatte der Kaiser, der Konstantinopel und Jerusalem bereist hatte, von Oppenheims Strategie in eigene Worte gegossen: "Unsere Consuln in Türkei und Indien, Agenten etc. müssen die ganze mohammedanische Welt gegen dieses verhasste, verlogene, gewissenlose Krämervolk" – gemeint waren die Briten – "zum wilden Aufstand entflammen."

Den gefangenen muslimischen Soldaten der deutschen Kriegsgegner wurde so besondere Aufmerksamkeit zuteil. Im sogenannten Halbmondlager in Wünsdorf saßen von 1915 an unter anderem muslimische Kriegsgefangene der britischen und französischen Armeen ein. In der Nähe, im "Weinberglager", waren unter anderem muslimische russische Kriegsgefangene untergebracht.