Legoland? Pfahlbalancierwettbewerb! © Lars Schneider/NORR

Pelle und Alvar haben inzwischen genug von Matsch und Kleintieren. Sie wollen zum Strand – oder nach Legoland. Zeit für ein kleines Wattrennen mit Balancierwettbewerb auf den freigespülten Holzpfählen, die hier irgendwann mal das Ufer festigen sollten. Dann wird es auch noch mal ein bisschen spannend, als sich die Kinder mutig bis zu den Knien in ein Schlickloch sinken lassen – sicher an unseren Händen natürlich und mit dem pädagogischen Hinweis, dass man sich vor den tückischen schwarzen Treibsandflächen in Acht nehmen soll. Schließlich hat auch Anna noch eine Geschichte parat: "Das sind die schnellsten Schnecken der Welt", sagt sie und zeigt den ungläubigen Jungs eine Handvoll winzig kleiner Wattschnecken. "Die können auf den Wellen surfen und sind dabei fast so schnell wie ihr gerade bei eurem Wettrennen."

Seeluft macht hungrig. Wir lassen das Watt hinter uns und sitzen bald darauf bei Otto & Ani’s Fisk, einem schlichten Fischimbiss mit eigener Räucherei und einfachen frischen Gerichten. Durch die Fenster blickt man auf den schmucklosen Hafen.

Havneby ist in seiner öden Einfachheit und Unaufgeregtheit so ziemlich das Gegenteil von List auf Sylt, das genau gegenüber liegt – einem kitschigen Tourismuszentrum, bekannt für Deutschlands nördlichste Fischbude: Gosch. Alle zwei Stunden verkehrt die Fähre zwischen den beiden Orten, die viele Sylt-Besucher für einen Tagesausflug oder als Alternative zum Autozug nutzen.

Die verschwundene Hallig

Am nächsten Morgen gehen wir selbst an Bord. Hier begrüßt uns Flemming, der uns auf einer Tour zu den Seehundbänken im deutsch-dänischen Grenzgebiet begleitet. Wir passieren den weiten Sønderstrand an Rømøs Südseite und fahren durch das Lister Tief, einen bis zu vierzig Meter tiefen Gezeitenstrom, der die Wattenmeerbucht zwischen Sylt und Rømø mit Wasser versorgt. "Die Landschaft verändert sich kontinuierlich", erzählt der Däne und zeigt auf einen Punkt in den grünen Wogen. "Da drüben lag mal die dänische Hallig Jordsand. Anfang des Jahrtausends verschwand sie in den Wellen der Nordsee."

Rückkehr ins deutsch-dänische Grenzgebiet © Lars Schneider/NORR

In List angekommen, steigen wir um auf den Fischkutter Rosa Paluka. Das hölzerne Schiff tuckert durch die Schaumkronen. Gischt spritzt auf das Deck. Alvar, Henry und Pelle, die mit zusammengekniffenen Augen ihre Köpfe über der Reling in den Wind stecken, haben ihren Spaß. Irgendwann wird ein kleiner Trawler ausgeworfen. Kurz darauf ziehen Flemming und sein deutscher Kollege eine Ladung Seesterne, Krebse und andere Kleintiere vom Meeresboden an Bord. Zu jedem Fang wird eine kleine Anekdote erzählt, bevor er von Kinderhänden wieder ins Wasser geworfen wird.

Wir erreichen unser Ziel. Auf den Sandbänken vor uns liegen Hunderte von Robben. In sicherem Abstand dreht der Kapitän bei und stellt den Motor ab. "Wir wollen die Tiere so wenig wie möglich stören", sagt Flemming. "Seehunde bringen jetzt im Sommer bei Niedrigwasser ihre Jungen auf die Welt. Und die müssen schnell erwachsen werden. Innerhalb eines Monats lernen sie, selbständig Fische und Krebstiere zu fangen. Wenn das Hochwasser zurückkehrt, müssen sie ihren Müttern ins tiefe Meer folgen können."

Wir erfahren auch, dass man in Dänemark einen anderen Umgang mit Heulern, also verlassenen Jungen, und kranken Robben pflegt als in den Nachbarländern. Hier überlässt man sie in der Regel der Natur, während es in Deutschland und den Niederlanden noch immer Aufzuchtstationen gibt. "Seit die Robben in den siebziger Jahren unter Naturschutz gestellt wurden, hat sich ihr Bestand deutlich erholt. Das Aussetzen von Tieren ist daher eigentlich nicht mehr notwendig und kann dem Bestand sogar schaden", erklärt Flemming.

Irgendwo hier, träume ich auf dem Rückweg, beginnt also Skandinavien. Ich hatte fast ein bisschen vergessen, wie nah und vertraut es sein kann, wenn man aus Deutschland kommt. Von meiner neuen Heimat Stockholm aus ist man fast genauso schnell am Polarkreis wie auf Rømø, und je länger ich hier oben lebe, desto mehr wird mein Bild des Nordens geprägt von Schärenküsten und tiefen Wäldern, Fjäll- und Fjordlandschaften. Wie schön, dass auch die südlichste Ecke von Skandinavien jetzt wieder in mein Bewusstsein zurückkehrt und ich diese Gegend zusammen mit meiner eigenen Familie erleben darf.

Wir sind wieder auf Rømø. Nach einem wilden Versteckspiel in den Dünen am Sønderstrand sitzen wir im Sand und blicken aufs Meer. Die Sylt-Fähre zieht in der Ferne vorbei, und am Strand trabt eine Gruppe Reiter entlang. Anna sucht im Sand nach einem Pelikanfuß, einer ganz besonders schönen Meeresschnecke, die es an der Nordsee nicht allzu häufig gibt. Wenn man als Absolvent des Freiwilligen Ökologischen Jahres den ersten Pelikanfuß findet, bedeute das, dass man wirklich an seiner Einsatzstelle angekommen ist, sagt sie. "Den Zweiten schenkst du deinem Liebsten, dann hält die Liebe ewig. Den Dritten wirfst du aus Dankbarkeit zurück in die Nordsee." Bald endet ihr Jahr auf Rømø. Zwei Pelikanfüße hat sie bereits gefunden.

Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Sommer 2015