In dieser Serie testen wir Dinge, die besonders schlechte Kundenbewertungen bekommen. Denn ob Top oder Flop, das ist manchmal nur eine Frage des Blickwinkels.

Frankfurt ist ja alles Mögliche: die kleinste Großstadt der Welt zum Beispiel, wie Lokalpolitiker gerne einmal mit Stolz verkünden. Oder die Hauptstadt der Kriminalität. Das lässt sich ganz einfach erklären. Es wird auch Jahr für Jahr erklärt, es hört aber nie jemand zu: Wenn jedes Zollvergehen auf dem Frankfurter Flughafen in die Statistik einfließt, ist es nur logisch, dass Frankfurt als Hochburg des Verbrechens gilt. Berlin hat ja noch nicht einmal einen richtigen Flughafen.

Und neuerdings ist Frankfurt noch etwas: Das Magazin Travel and Leisure hat in einer garantiert repräsentativen Umfrage unter Reisenden die 30 unfreundlichsten Städte der Welt gekürt. Darunter ist eine deutsche Stadt: Frankfurt. Sogar auf Platz 14, in der oberen Tabellenhälfte. Das sollte der Eintracht mal passieren.

Wie aber konnte es dazu kommen? Die Leser beschwerten sich hauptsächlich über den Frankfurter Flughafen: weite und komplizierte Wege und ruppiges, wenig hilfsbereites Personal. Und schon hat die Stadt ihr Fett weg.

Nun ist es so, dass der Frankfurter an sich, euphemistisch gesagt, ein zwiegespaltener Mensch ist, weswegen er auf den Unhöflichkeitsspitzenplatz im Großen und Ganzen wahrscheinlich sogar stolz wäre. Denn es stimmt: Auf den ersten, möglicherweise auf den zweiten Blick sind wir Frankfurter unhöfliche Menschen. Der Frankfurter ist auf der einen Seite kommunikativ, auf der anderen Seite aber auch misstrauisch. Denn da könnte ja jeder kommen. Kann ja auch. In Frankfurt leben Menschen aus 170 Nationen, und sie leben im Großen und Ganzen friedlich. Man kommt klar miteinander.

Keine Bücher!

Als Bewohner einer Handels-, Messe- und Bankenstadt sind die Frankfurter es gewohnt, dass Transit stattfindet. Aber man darf nicht vergessen: Nur tagsüber ist Frankfurt eine Millionenstadt, am Abend leben hier gerade einmal etwas mehr als 700.000 Menschen, und auch diese Schallgrenze wurde erst vor Kurzem durchbrochen. Der Frankfurter akzeptiert das Fremde, ohne großes Gewese darum zu machen, aber auch ohne es in demonstrativer Willkommenskultur zu umarmen. Da ist er sozial selbstbewusst, aber auch ein wenig scheu.

Das kann sich schnell ändern unter Einfluss des Frankfurter Nationalgetränks, des Apfelweins. Wenn man nicht sofort die unfreundlichste Seite an einem Frankfurter hervorkitzeln will, dann nennt man den Apfelwein entweder genau so oder Äpfelwein, Ebbelwoi oder Äppelwoi. Nie dagegen nennt man ihn bitte Äppler. Ein Äppler ist ein geiler, alter Sack, der den jungen Frauen ungefragt an die Äppel greift. Aber das nur nebenbei.

Das Wesen des Frankfurters in all seiner als Unfreundlichkeit getarnten Offenheit lernt man also am besten in einer Apfelweinwirtschaft kennen. Nehmen wir die Gaststätte Zum Gemalten Haus in Frankfurt-Sachsenhausen. Das ist eine der traditionsreichsten und schönsten ihrer Art. Sie sitzen also im Gemalten Haus; Sie sind alleine unterwegs, kennen niemanden, setzen sich an einen der freien Tische und holen ein Buch hervor, in das Sie sich vertiefen. Jetzt könnte es passieren, dass Sie einen leichten Schlag auf den Hinterkopf erhalten und ein Kellner Sie anraunzt: "Des is aber kei Bibliothek hier." Unverschämtheit, könnten Sie jetzt denken, wenn Sie nicht in Frankfurt wären.

Deckel aufs Glas. Herrje!

Was der Kellner Ihnen sagen will, ist aber: Dies ist ein Ort der Kommunikation. Hier würfelt man nicht, hier spielt man keine Karten, hier schwätzt man. Verschanze Dich nicht hinter Lektüre, sondern suche das Gespräch. Mit Deinem Nebenmann, Deiner Nebenfrau oder dem Nachbartisch. Einfach so, über irgendwas.

Und bitte keinesfalls davon abhalten lassen, dass die Reaktion zunächst reserviert ist. Denn, wie gesagt: Der Frankfurter lässt sein Gegenüber erst mal kommen. So etwa nach dem dritten oder vierten Schoppen macht er dann mit. Das muss nicht unbedingt ein herzliches Gespräch werden; dafür sorgt schon der auf Außenstehende etwas harsch wirkende Dialekt, aber interessant wird es in jedem Fall. Dazwischen knallen die Kellner ungefragt ein frisches Glas Apfelwein auf den Tisch, wortlos. Haben Sie nicht bestellt? Haben Sie wohl, Sie haben es nur nicht gemerkt. Wenn Sie in Frankfurt aufhören wollen zu trinken, müssen Sie ihren Deckel aufs Glas legen, sonst geht es weiter und weiter und weiter.