Welches ist wohl das Teuerste? Die gut sechs Kilometer lange Meadow-Lane führt am Südwest-Strand von Southampton entlang und ist gesäumt mit Villen, die bis zu 15 Zimmer und 8 Bäder groß sind. Doch die meisten dieser Anwesen werden nur als Feriendomizile genutzt. Ist es also die Villa mit der Hausnummer 576, wo damals die Komödie Alles, was das Herz begehrt mit Diane Keaton und Jack Nicholson gedreht wurde? Sie wurde letztes Jahr für 41 Millionen Dollar verkauft. Oder sind es die Häuser der Finanzmoguln und Wirtschaftskapitänen, zum Beispiel das von Leon Black, das 43 Millionen gekostet haben soll, oder das von Gerald J. Ford für 48 Millionen, zu dem ein  550 Quadratmeter großes Gästehaus gehört? Viel spricht dafür, dass es am Ende doch der Glaspalast von Modezar Calvin Klein sein könnte, 75 Millionen Dollar haben Grundstück und Neubau gekostet. Billionaires Lane, Straße der Milliardäre – so hat die Zeitschrift Forbes die Meadow Lane getauft. Hier reicht es nicht, wenn man ein bisschen reich ist, hier muss man richtig reich sein.

In diesem Jahr feiert die Gemeinde Southampton Jubiläum, den 375. Jahrestag ihrer Stadtgründung: Southampton ist die Herzkammer der Hamptons, die älteste englische Siedlung des Staates New York und das kommerzielle Zentrum. Der Ortskern zählt zwar nur 3.000 Einwohner, der Landkreis Southampton kommt jedoch auf 50.000. Weil am östlichen Ende von Long Island so viele Städtenamen mit  -hampton enden, so wie Bridgehampton und Easthampton, trägt die ganze Gegend den Kosenamen Hamptons. Allerdings erinnern die vielen Ortsnamen indianischen Ursprungs, wie etwa Sagaponek, Amagannsett und Montauk daran, dass man sich in den USA und nicht etwa in Britannien befindet.

Ein Blick auf die Landkarte offenbart den Reiz der Hamptons: Im Süden und Osten grenzen sie an den offenen Atlantik, im Inneren reiht sich eine Bay an die andere, hier folgt Bucht auf Bucht. Und wasserumspült ist auch die Meadow Lane, die wie ein Appendix von Southampton aussieht. Hier begann der Bauboom erst vor 50 Jahren, zuvor war die an manchen Stellen nur 300 Meter breite Landzunge zwischen Ozean und Shinnecock-Bay weitgehend Niemandsland. Dabei ist Southampton eigentlich der Ort des alten Geldes in den Hamptons. Seit Ende des 19. Jahrhunderts, als die Eisenbahn das Ende von Long Island mit New York verband, blüht das Städtchen, das bald als amerikanisches Gegenstück zum vornehmen französischen Deauville galt. Die riesigen Grundstücke sind mit drei, manchmal sogar vier Metern hohen Ligusterhecken gesäumt. Heerscharen von Gärtnern, allesamt mexikanischer Herkunft, trimmen die Büsche pausenlos, auch deshalb spottet man hier: "Die Wahrheit der Hamptons liegt hinter den Hecken."

© Spencer Platt / Staff / Getty Images

Die in München geborene Michaela Keszler lebt seit 20 Jahren in Southampton, sie ist Immobilienmaklerin bei Douglas-Eliman, dem Marktführer unter den Agenturen in den Hamptons. Im Gespräch korrigiert Michaela Keszler zunächst den Eindruck, hier gebe es nur Wochenenddomizile für wohlhabende New Yorker. Die Gruppe derer, die das ganze Jahr hier leben, sei nach 9/11 sprunghaft angewachsen, sagt sie. Nach den Terroranschlägen von 2001 hätten etliche New Yorker Familien beschlossen, den Hauptwohnsitz an den sicheren Ostzipfel von Long Island zu verlegen und nur noch einen Zweitwohnsitz in New York City zu unterhalten. Die Schulen in den Hamptons seien hervorragend, unterstreicht die 53-jährige Mutter von drei Kindern, und nicht nur der Sommer, auch Herbst und Winter seien zauberhafte Jahreszeiten hier draußen.

Seit einiger Zeit investieren hier auch viele Europäer in Immobilien, sagt Michaela Keszler, Deutsche, Franzosen, Italiener. Auch etliche Südamerikaner seien unter ihrer Kundschaft, wenig Russen, fast keine Araber, dafür aber zahlreiche Chinesen und Inder. Es sei falsch, dass jeder nur auf die Prachtvillen schaue, die nicht unter zweistelligen Millionenbeträgen zu haben seien, sagt sie. Wer bereit sei, auf den Meerblick zu verzichten, bekomme auch für kleineres Geld schöne Objekte. Michaela Keszler bestreitet, dass die Hamptons durch den Immobilienboom ihre Seele verloren hätten, wie manche der Alteingesessenen behaupten. "Man muss sich doch nur die einmaligen Strände anschauen", sagt sie, "die sind von der Bauwut völlig verschont geblieben."

Leere Strände, leerer Pool © Matthew Eisman / Freier Fotograf / Getty Images

In der Tat, die Strände der Hamptons sind besonders schön – nicht zuletzt, weil sie fast nirgendwo überlaufen sind. Beispielhaft ist die Road D: einer der wenigen Zugänge zum Strand entlang der Meadow Lane. Selbst an heißen Sommerwochenenden im Hauptferienmonat August muss man hier nur ein paar Hundert Meter nach links oder rechts gehen, um einen Traumstand fast für sich alleine zu haben. Der Grund hierfür: es gibt viel zu wenige Parkplätze – und das ist Absicht! Genau 48 Autos passen auf die Stellplätze von Road D, kein einziges mehr. In Europa würde eine Blechschlange wild entlang der Meadow Lane parken, in  den USA traut sich das niemand, weil kompromisslos abgeschleppt wird. Und so verlaufen sich die Insassen von gerade mal vier Dutzend Fahrzeugen und die Handvoll Glücklichen, die hier ihr Haus haben, am endlosen Strand.