Als ich meiner Mutter erzähle, dass ich zwei Wochen auf einer Bio-Farm in Oregon arbeiten will, lacht sie laut. "Was, du?" Es stimmt, als Teenager habe ich Gartenarbeit gehasst. Dass ich ab und zu den Rasen hinter unserem Haus mähen musste, war für mich schon schlimm genug. Auch meine Freunde sind erstaunt über meine Ankündigung. Niemand hat mich bisher als großen Naturfreund gesehen.

Die Idee ist auch eher eine Notlösung. Ich will eine längere Reise entlang der amerikanischen Westküste machen und dabei ein paar Wochen bei einem guten Freund verbringen, der seit Kurzem in Oregon lebt. Die Flüge habe ich schon gebucht, da stellt sich heraus, dass der Freund nur wenig Zeit und außerdem gar keine eigene Wohnung haben wird. Also brauche ich schnell eine Ausweichmöglichkeit, und zwar eine, die möglichst wenig kostet. Eine Freundin schlägt Wwoofen vor, die Abkürzung steht für "World Wide Opportunities on Organic Farms". Das Ganze funktioniert so: Man arbeitet pro Tag ungefähr vier Stunden auf einem Biobauernhof, bekommt dafür aber kein Geld, sondern freie Unterkunft und Verpflegung. Viele Länder haben eine Dachorganisation, die eine Website betreibt, auf der alle teilnehmenden Bauernhöfe aufgeführt sind. So auch die USA.

Allein für Oregon listet die Seite 125 Treffer auf. Stundenlang sitze ich am Laptop und suche die ideale Farm. Sie muss ohne Auto erreichbar sein, bei der Arbeit will ich mich keinesfalls überanstrengen, außerdem steht mir der Sinn nach schöner Landschaft und freundlichen Menschen. Irgendwann stoße ich auf einen kleinen Hof mit dem Namen "Whiskey Creek Organics". Er liegt knapp 20 Kilometer von der Pazifikküste entfernt auf einer Flussinsel. Die Selbstbeschreibung klingt nach entspannten Alt-Hippies, die inmitten idyllischer Natur eine Art Landkommune betreiben und Gemüse anbauen. Kann man sich einen paradiesischeren Ort vorstellen? Per E-Mail bewerbe ich mich, noch am selben Tag kommt die Antwort: Ich könne gern kommen, man freue sich auf mich.

Vier Wochen später stehe ich vor den Gewächshäusern von Whiskey Creek Organics. Es ist noch idyllischer hier, als ich es mir vorgestellt habe – und doch ganz anders. Vor allem sind die Leute, mit denen ich arbeiten werde, viel jünger als gedacht. Sogar der Farm-Manager Chase ist erst 27. Ein kleiner Mann, der mich mit rotblondem Rauschebart, wasserblauen Augen und knarziger Stimme sofort an einen Hobbit erinnert. Seinen College-Abschluss hat er in Religionswissenschaft gemacht, als Öko-Landwirt ist er Autodidakt. Mithilfe von wissenschaftlichen Fachbüchern und geduldigem Ausprobieren hat er die Farm in den vergangenen fünf Jahren aufgebaut.

Whiskey Creek Organics ist ein kleiner Betrieb. Von März bis Oktober bewirtschaftet Chase die Felder und Gewächshäuser mit einer Handvoll Helfer, über den Winter machen er und seine Freundin Sophie die Arbeit allein. Die Produktion ist nach dem Prinzip solidarischer Landwirtschaft organisiert: Es gibt einen Kreis von derzeit 86 Unterstützern, die zu Beginn des Jahres entweder 315 Dollar für einen halben oder 525 Dollar für einen ganzen Ernteanteil bezahlt haben. Dafür bekommen sie von Juni bis Oktober wöchentlich eine Kiste voll Obst und Gemüse. Solidarisch ist das insofern, als die Unterstützer der Farm eine Abnahmegarantie für ihre Ernte gegeben haben und im Gegenzug frische, regionale Bioprodukte zu einem günstigen Preis erhalten. Überschüsse werden an nahegelegene Bioläden verkauft. Profitabel ist Whiskey Creek Organics bisher nicht, aber der Betrieb trägt sich selbst.

Der Arbeitstakt auf der Farm ist gemächlich, nein, sehr gemächlich. Jeden Morgen gegen acht geht es los, aber erst wird in aller Ruhe der Frühstückskaffee ausgetrunken. Und die Morgenbong geraucht. Cannabis ist legal in Oregon, und meine Kollegen machen großzügig Gebrauch von ihrem Recht. Bei der Arbeit stört das nicht – um Bohnen zu pflücken oder Unkraut zu jäten, braucht man keinen klaren Kopf. Viel wichtiger ist, dass man lustige Geschichten erzählt und die anderen zum Lachen bringt. So gut wie David, mit 20 der jüngste im Team und gebaut wie ein Football-Spieler, kann das hier keiner. Während er barfuß im Dreck herumhüpft, gibt er kuriose Anekdoten aus der Highschool zum Besten, fängt plötzlich an zu singen, steckt kurz darauf in einer völlig ernsthaften Diskussion über den bevorstehenden Präsidentschaftswahlkampf, und höchstens eine halbe Minute später schlägt er Purzelbäume zwischen den Bohnenstauden. Ich frage mich, wie er wäre, wenn er nicht ständig Kiffen und Bier trinken würde. Wahrscheinlich käme pure Energie in Stichflammen aus seinem Körper geschossen.