Rio de JaneiroGeneralüberholung für eine Millionenmetropole

Rio de Janeiro – das ist Glamour und Glitter, aber auch Armut und Gewalt. Vor der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spiele 2016 sollen die Slums sicher werden. von Antonio Regalado

Yachten schaukeln auf dem Wasser der Botafogo-Bucht, eingerahmt vom Strand und dem berühmten Zuckerhut.

Yachten schaukeln auf dem Wasser der Botafogo-Bucht, eingerahmt vom Strand und dem berühmten Zuckerhut.  |  © David Alan Harvey

Auszug aus National Geographic Deutschland, Ausgabe November 2012, www.nationalgeographic.de

"Wir sind Versuchskaninchen", erklärt Fabio do Amaral. Einst der Auftragsmörder einer Drogengang, predigt er heute als evangelikaler Priester in Santa Marta, einer der vielen Favelas von Rio de Janeiro. Dort ist er Zeuge eines ambitionierten Plans: Bis zu den Olympischen Spielen 2016 sollen die Elendsviertel schöner werden.

Das Experiment begann im November 2008. Damals rückten Sondereinsatzkräfte der Polizei im Slum Santa Marta ein. Aber es war nicht die übliche, meist blutige Blitzaktion gepanzerter Einsatzfahrzeuge, mit denen die Polizei von Rio in den Favelas auf Drogendealer Jagd macht. Diesmal bezog ein Kontingent von 112 sogenannten Befriedungsoffizieren in Santa Marta Stellung. Sie blieben, stellten die Ordnung wieder her und vertrieben die lokale Gang.

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Bruder Fabio war früher Teil des Problems. Er kam 1973 in dem Slum zur Welt, wuchs dort auf, wurde Auftragskiller. Eine Nonne aus dem Viertel brachte ihn zum Glauben, aber es dauerte, bis er völlig bekehrt war. Wenn er nicht gerade predigt, jagt Bruder Fabio Männern mit aufgeschürften Füßen in Flipflops hinterher, die er überreden will, sich in Kursen zum Bauarbeiter schulen zu lassen. Das ist ein großer Schritt für Leute, die man in Rio lange als lixo, als menschlichen Abfall, betrachtet hat. "Ganz da oben gibt es nichts als Kummer", sagt Bruder Fabio und zeigt zu den Hütten hoch auf dem Hügel, wo die Sozialprogramme nicht hingelangen und manche Leute immer noch im Freien auf offenem Feuer kochen.

Den vollständigen Text finden Sie in der aktuellen Ausgabe.

Den vollständigen Text finden Sie in der aktuellen Ausgabe.

Rio brauchte eine Lösung für das explosive Gemisch aus niedrigen Löhnen, schlechtem öffentlichen Nahverkehr, einem schwachen Staat und unfairer Einkommensverteilung. José Mariano Beltrame, Staatssekretär für öffentliche Sicherheit, ist der Hauptautor des Befriedungsplans, der vorsieht, bis zur Fußballweltmeisterschaft 2014 mit einer Truppe von 12.500 Befriedungspolizisten in 165 Gemeinden die Slums zu besetzen und die Gangs zu vertreiben. Beltrame hofft, dass er nach den Olympischen Spielen von 2016 einen funktionierenden zivilen Staat mit einer legalen Ökonomie hinterlassen kann. Viele Bürger glauben, dass er der erste nicht korrupte Sicherheitschef ist. In vielen Slums, die von der Polizei besetzt wurden, haben sich die Lebensumstände verbessert. Aber die Bewohner sind misstrauisch. "Die Leute sagen es nicht offen, aber unsere größte Befürchtung ist, dass es einen Rückfall gibt", sagt Bruder Fabios Priesterkollege Sérgio Souza de Andrade. "Was passiert, wenn die Polizei wieder weg ist?" In Cantagalo etwa, einer wie ein Amphitheater geformten Favela mit weitem Blick über Rio, haben die Drogenhändler ungefähr 35 Jahre lang die Regeln festgelegt. Seit die Polizei im Dezember 2009 einrückte, laufen Gang-Mitglieder nicht mehr offen bewaffnet herum. Aber verschwunden sind sie wohl nicht.

Die Straßenbahn, die normalerweise im historischen Viertel Santa Teresa unterwegs ist, wurde für die Zeit der Sanierungen stillgelegt.

Die Straßenbahn, die normalerweise im historischen Viertel Santa Teresa unterwegs ist, wurde für die Zeit der Sanierungen stillgelegt.  |  © David Alan Harvey

Trotz der raschen Erfolge des Befriedungsplans misstrauen die Armen vielen Bemühungen der Regierung, die Stadt umzugestalten. Zweifel sind auch wegen des bevorstehenden olympischen Spektakels aufgekommen. Die Hälfte der neuen Arenen und Sportstätten werden in Barra da Tijuca angesiedelt, einem an Miami erinnernden Mittelklasse-Refugium voller Einkaufszentren etwa 35 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Der Ort ist bekannt als "Rio, das vergaß, dass es Rio ist".

Jordi Borja, ein spanischer Akademiker, der Mega-Events erforscht und die Stadtverwaltung beraten hat, sagt: "Man sollte die Spiele zum Anlass nehmen, in der Innenstadt Dinge zu verbessern, nicht in den Vororten. Man sollte die Ungleichheit abbauen, Städtebau im Interesse der Armen betreiben." Doch auch in den verarmten Gegenden der Stadt gibt es sinnvolle Investitionen. In Cantagalo verbinden nun zwei Aufzüge in bunten Stahlröhren die Straße mit den höher gelegenen Teilen des Slums.

Die Ränge im Sambadrom sind bis zum letzten Platz besetzt, wenn beim Karneval die geschmückten Wagen vorüberziehen. Der Umzug endet erst am frühen Morgen.

Die Ränge im Sambadrom sind bis zum letzten Platz besetzt, wenn beim Karneval die geschmückten Wagen vorüberziehen. Der Umzug endet erst am frühen Morgen.  |  © David Alan Harvey

Rio: eine Stadt, in der die Menschen zukünftig in Frieden miteinander leben werden? Vielleicht birgt der Karneval die Antwort. Dort wird die Welt auf den Kopf gestellt. Für die großen Paraden putzen sich die Armen als Könige heraus, während die High Society, die Reichen mit den Apartments am Strand, ihre Kleidung in Fetzen reißt. Doch Karneval ist nur einmal im Jahr. Und das große Bemühen, Rio bis zu den Olympischen Spielen zu sanieren, wird irgendwann ein Ende nehmen. Dann liegt die Zukunft der Favelas in den Händen von Leuten wie Bruder Fabio und seiner Botschaft der persönlichen Erlösung.

Ein Themen-Special "Brasilien" sowie ein Video über Rio de Janeiro im Kampf gegen die Drogengangs finden Sie unter nationalgeographic.de/rio

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Leserkommentare
  1. Vermutlich war der Autor noch nie selbst in einer Favela.
    Die Favelas sind keine Slums. Es sind Stadtteile mit selbstgebauten Häusern.
    Gebaut stabil aus Steinen und Beton, ohne Genehmigung, auf Staatsland.
    Strom wurde früher von den Favela-Bewohnern geklaut, jetzt haben die Favelas offizielle Stromzuführungen bekommen,
    mit Stromzählern, jetzt muss der Strom bezahlt werden.
    Die Favelas haben inzwischen Wasseranschüsse und Abwassserabführung.
    In den selbstgebauten Favela-Häusern gibt es Fernseher, Waschmaschinen, elektrische Küchengeräte. Gekocht wird meistens mit Gas.
    Die Arbeitslosigkeit in Brasielien ist mit dem Wirtschaftsaufschwung der letzten 10 Jahre stark gesunken, liegt aktuell bei 6 - 7%. Die meisten Favela-Bewohner haben eine Arbeit, von der sie leben können.
    Die Favelas als Slums zu bezeichnen, ist für die bewohner eine Beleidigung.
    So kann nur jemand aus dem Norden, aus den USA oder Europa reden, der Länder wir Brasilien immer noch als Dritte-Welt_Länder sieht und die dortige Entwicklung in den letzten zehn Jahren nicht mitbekommen hat.

  2. Leider berichten die Zeitungen NICHT, welche Vorteile und Verbesserungen die Menschen erlangen konnten. Nur wer Nachteile hat...Ich habe selbst in der Nähe von Complexo do Alemao gelebt und damals durfte man nicht hinauf. Heute kann man den Ort besuchen. Es gibt Sozialprogramme, Seilbahn, Turismus und Freiheit! Es gibt keine Schießereien mehr. Natürlich sind einige noch ängstlich und misstrauisch, aber wenn wir an die DDR denken, das dauert noch an...Übrigens Rio liegt jetzt in dem untersten Drittel, wenn es um die Kriminalität geht! Es hat sich doch gelohnt und es muss weitergehen! Das Projekt wird von anderen Städten kopiert und die UPPs wurden von der UNO sehr gelobt! Noch eins: neue Studien haben gezeigt dass die Anwohner der Favelas gar nicht so arm sind. Besuchen Sie sie und sehen Sie es selbst!

    • Heydu
    • 03. November 2012 15:22 Uhr
    3. ?????

    Voriges Jahr bin ich dort gewesen, um Verwandte zu besuchen. Die Stadt ist eine einzige Baustelle aber ich habe mich sicher und wohl gefühlt. Ich war in der Peripherie und konnte sehen dass die Infrastruktur immer besser wird. Die Straßen wurden erneuert, ein riesen großen Park wurde gebaut, viele slum wurde entfernt und die Menschen haben richtige Wohnungen bekommen.Ich glaube, wenn es in den USA stattgefunden hätte, würde man ehe die positiven Nachwirkungen zeigen. Leider merke ich dass über Brasilien immer noch mit sehr vielen Vorurteilen berichtet wird. Bei der WM 2014 werden unzählige Berichte über Slums gezeigt. Bestimmt!

    • Chnusti
    • 03. November 2012 16:22 Uhr

    Ja,ja es wimmelt nur so von diesen Brüdern wie der Fabio in
    Rio.

  3. Muß das nicht "vor die Olympischen Spiels" heißen?

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