Von Cartagena de Indias im Nordwesten Kolumbiens fahren die Segler mit Kurs 290 Grad zu dem kolumbianischen Westantillen San Andrés und Providencia. 430 Seemeilen von der Startflagge entfernt, nicht weit vor der Küste Nicaraguas, entdecken die Skipper nach Tagen auf See eine Inselwelt von Palmenstränden, traumhaften Korallenbänken und vor allem auf Providencia ein nahezu unbekannte, romantische Insel jenseits breiter Touristenpfade. Die alle zwei Jahre stattfindende Henry-Morgan-Regatta will das Kaffeeland Kolumbien als "touristische Meereskarawane" von seiner Schokoladenseite zeigen und hat einiges zu bieten.

Ausgangspunkt ist der Hafen von Cartagena. Sie ist die vielleicht schönste Kolonialstadt Lateinamerikas. Kirchen, Klöster und Plätze, Herrenhäuser und Handelshäuser waren nicht nur Robert de Niro Filmkulisse für "Die Mission". Hier drehten auch Werner Herzog und Rainer Werner Fassbinder. In diesen Mauergewölben lagert der magische Stoff zahlreicher Romane von Gabriel García Márquez. Der Literaturnobelpreisträgers hat sein Anwesen gleich neben dem Klarissenkloster, dem heutigen Luxushotel Santa Clara.

Bereits 1985 von der UNESCO zum Kulturerbe der Menschheit erklärt, ist Cartagenas Altstadt auf beeindruckende Weise instand gesetzt. Auf den Fundamenten aus Korallenstein richteten die Restaurateure traditionell mit toter Koralle, Kalkspeiß und Ziegeln wieder her, was sich die salzige und feuchte Luft in Jahrhunderten genommen hatte. Farbenprächtig wuchern heute die Buganvilla- Büsche über die hohen Holzbalkone hinweg.

Eine abendliche Kutschfahrt führt in die Geschichte des 16. bis 18. Jahrhunderts, in die Zeit, als auf dem Zollplatz gegenüber der Jesuitenkirche San Pedro die afrikanischen Sklaven angeliefert wurden, als die Inquisition über Hexen und Abtrünnige richtete und als Cartagena der Verladehafen für das Gold der Inkas war - bevor die spanischen Galeonen den gefährlichen Weg nach Havanna antraten. Denn auf der Route der Spanier lag eine kleine Inselgruppe, Schlupfwinkel des berüchtigten britischen Piraten Sir Henry Morgan...

Nach knapp drei Tagen erreicht die Regatta die Hauptinsel San Andres, das während der 80er Jahre touristisch boomte, in sorglosen Zeiten, als ein Großteil der Drogengelder noch nach Kolumbien zurückfloss. In jenen Jahren entstanden die großen Hotels, der stattliche Flughafen und die Illusion, dass das immer so bleiben würde. Selbst die LTU flog seinerzeit wöchentlich nach San Andrés, verkaufte ihre Reisepakete von Tauchen, Strand und "rumba" noch bis in die 90er auf Hochglanz. Doch der Lack ist heute weitgehend ab, viele Hotels sind heruntergekommen, die Duty-Free-Straßen wochentags wie leer gefegt. Wer nun Karibik pur sucht, steckt hier besser den Kopf in das Wasser, geht also tauchen und nimmt sich zum Tagesabschluss einen Sundowner am romantischen Südzipfel des Insel. Die Meereskarawane segelt weiter nach Norden, etwa zehn Stunden bei schwerer See.

Providencia ist eine 17 Quadratkilometer große Vulkaninsel, umgeben von einem gewaltigen Riff. Grün bewaldet von Mangobäumen, Ceibos und Kokospalmen erhebt sich der höchste Berg etwa 360 Meter über dem Meer. Hier vom Gipfel des "Peak" eröffnet sich einem ein phantastisch türkiser Saum um ganz Providencia und die ihr vorgelagerten kleinen Felseninseln. Die Insel kennt keine größeren Hotels, kein Einkaufszentrum, noch nicht einmal ein Bussystem. Der Flugplatz erlaubt höchstens 18-Sitzern die Landung. Und die einzige Straße führt nahe der Küste einmal um die Insel, verbindet so ein Dutzend kleiner Siedlungen der gut 5000 Einwohner miteinander. Es sei denn im Mai, da kommen die Krebse aus den Bergen zur Eiablage zum Meer herunter. Dann sperren die Soldaten des verschlafenen Marinestützpunktes im Süden auch noch diese Straße, denn Hunderttausende von Krebsen haben dann Vorfahrt. Immerhin sind sie das Nationalgericht der Providencianer.

Hier ankern die Segler der Regatta in der romantischen Bucht vor der Halbinsel Santa Catalina, auf der Sir Henry Morgan einst seine Festung hatte. Von hier aus fing er Ende des 17. Jahrhunderts die Galeonen aus Cartagena ab. Hier soll er die Schätze auch vergraben haben.