Es war eigentlich mehr ein Zufall, dass ich am vergangenen Freitag ausgerechnet in einem italienischen Restaurant in Hamburg landete. Der Mann hinter der Theke sprang auf mich zu und begrüßte mich, als wären wir alte Bekannte, ein Kompliment jagte das andere. Ein wenig verdattert stand ich da und ließ den Redeschwall über mich ergehen, bis Giovanni - wie auch sonst sollte er heißen - zum Kern seiner Probleme kam. Er schäme sich so, jahrelang lebe er nun in Deutschland, aber so etwas habe er noch nie erlebt. Dieser Stefani, habe nicht nur alle Deutschen beleidigt, nein, auch die Italiener, und und und. Als er dann mal Luft holte, nutzte ich die Chance und erklärte ihm, dass mich dieser Streit nicht tangiere, da ich Österreicherin sei und er sich bei mir auch nicht entschuldigen bräuchte. Die Reaktion war fatal. Giovanni hob mahnend den Zeigefinger und änderte blitzschnell seine Meinung. Er verstehe sowieso nicht, warum alle hier so beleidigt wären. Diese Aussage wäre zwar in ihrer Wortwahl ein wenig zu hart gewesen, aber ein klitzekleines bisschen Wahrheit sei doch auch dabei gewesen. Da lächelte ich, nahm meine Pizza und ging. Was soll man dazu sagen?

Seit vergangener Woche herrscht Gewitterstimmung in der Liebe zwischen Deutschland und Italien. Einer Amore, die schon seit mehreren Jahrzehnten besteht, erlebt ihre erste richtige Krise. So lieben die hiesigen die Mentalität der Südländer, weil sie soviel lockerer ist. Das Essen, weil es soviel mehr Vielfalt beweist. Das Land, die Häuser, die Möbel, weil sie das Gefühl von Urlaub widerspiegeln. Ganz eine andere Hingebung herrscht von italienischer Seite. Die wohlbekannte Ordnung wird geschätzt und gerne nachgeahmt. Die Arbeitsmöglichkeiten sind hier zu Lande einfach immer noch besser als Zuhause, wer richtig Geld verdienen will, der wandert für ein paar Jahre nach Deutschland aus. Die Frauen, die einfach viel lockerer sind. Und jetzt passierte das, was in einer jahrelangen Liebe vorkommen kann. Die italienische Seite hat betrogen. Fies und gemein zugeschlagen in aller Öffentlichkeit. Verletzt und gedemütigt zieht Deutschland sich nun zurück. Die Liebe ist angeschlagen. "Die Leute sind verärgert und enttäuscht", sagt Italo Somarriello, Direktor des Staatlichen italienischen Fremdenverkehrsamtes in Frankfurt a. Main. Er war gerade im Urlaub in seiner Heimat, als der damalige Staatssekretär Stefano Stefani seine folgenschweren Aussagen machte. "Es war unglaublich, die deutschen Touristen, die italienischen Dienstleister und ich, wir konnten das nicht fassen", so Somarriello, " Diese Meldung hat nichts mit der Mentalität der Italiener zu tun. Die Deutschen sind und waren hier immer herzlich willkommen."

Doch so einfach ist das nicht. Die Betrogenen sind einfach hin und her gerissen, zwischen enttäuschter Liebe und Sehnsucht. Auf dem Internetauftritt www.italien.de ist im Forum der Stimmungswandel wunderbar zu beobachten. Erzählten sich die Nutzer in vergangenen Monaten von ihren Erlebnissen im Süden, gaben Tipps und boten ihre Häuschen an, wird sich seit vergangener Woche ein wilder Schlagabtausch geliefert. Die einen beschimpfen Italien, die anderen versuchen den Ausrutscher zu erklären, viele kündigen ihre Reiseplan-Änderung an und manche verstehen die ganze Aufregung nicht.

Nun haben der Kanzler und sein Generalsekretär ihren Italien-Urlaub abgesagt. Für die Leute, die ihre Ferien bereits ordentlich gebucht haben, geht das nicht so einfach. Eine Stornierung bedeutet viel Geld zu verlieren und das haben wir momentan sowieso alle nicht. Vor allem wäre es auch falsch, dies zu machen. Italien weiß, dass es in diesem Streit der Schuldige ist und es wird versuchen, die Gunst der Enttäuschten wieder zu gewinnen. Die Leute werden noch freundlicher sein, das Essen noch besser, vielleicht gibt es sogar ein paar Vergünstigungen - das ist doch genau das, was wir alle wollen, oder?

Jetzt gibt es aber noch die Fraktion, die sich in diesem Jahr gar nicht vorstellen kann nach Italien zu reisen und lieber in Deutschland bleiben will - aus Trotz. Sollen die ruhig mal merken, dass man sich nicht alles gefallen lässt. Wird der Kummer und die Sehnsucht doch zu groß, dann empfehlen wir einen Ausflug nach Bochum. Die Zeche Hannover in Bochum eröffnete am vergangenen Samstag eine neue Ausstellung. Passendes Thema: Neapel - Bochum - Rimini Arbeiten in Deutschland, Urlaub in Italien in den 50er und 60er Jahren. Mit über 350 Exponaten schildert die Schau den Alltag italienischer Arbeiter im Ruhrgebiet, zeigt Erinnerungsstücke der ersten Urlaubsreisen aus dem Wirtschaftswunderland nach Italien und fragt nach den gegenseitigen Vorstellungen und Erfahrungen zwischen Wunsch, Klischee und Wirklichkeit.

Reisenanzeigen, Filmplakate, Schallplatten und Zahlen zeugen von der Italiensehnsucht der Deutschen, die es mit wachsendem Wohlstand und mehr Urlaubstagen gen Süden zog.
www.zeche-hannover.de

12. Juli bis 26. Oktober 2003
Westfälisches Industriemuseum Zeche Hannover,
Günnigfelder Straße 251, Bochum-Hordel
Öffnungszeiten: Sonntag 11 bis 18 Uhr, Dienstag, 17 bis 20 Uhr
Führungen Dienstag bis Sonntag nach Anmeldung
Informationen unter Tel. 0231 6961-233