Hoch zu Ross durch die Macchia, vorbei an knorrigen Korkeichen und prähistorischen Kultstätten, der Blick schweift übers glitzernde Meer. Wer Korsika per Pferd erkundet, erlebt die Insel so ursprünglich, wie sie schon vor Tausenden von Jahren war: Ein "Gebirge im Meer", wie Guy de Maupassant sie nannte, als die "unbekannte Schöne", die der Korse Napoleon an ihrem unverwechselbaren Duft zu erkennen versprach.

Und tatsächlich, der schwere, würzige Geruch ätherischer Öle ist überall. Am späten Nachmittag schickt die Sonne ihre Strahlen durch die silbrigen Zweige der Olivenbäume, die Berge mit ihren rund 70 über 2000 Meter hohen Gipfeln versinken in dunstigem Blau. Ein paar Kilometer hinter Arraggiu, einem kleinen Ort vor Porto Vecchio, zäumt Reitlehrer Vincent im "Centre Equestre D`Arraggiu" die Pferde. Das Reitzentrum von Arraggiu im Süden der Insel ist eines von über 30 auf Korsika. "Tagsüber ist es zu heiß, aber jetzt haben wir genau die richtige Temperatur für unsere Tour", erklärt der sonnengebräunte Korse. Die Tour, damit meint er einen mehrstündigen Ausritt mitten durch die wilde Macchia zu einer Kultstätte aus dem 13. Jahrhundert v. Chr.

Im undurchdringlichen Gestrüpp, das den Großteil der Insel wie ein bis zu sechs Meter hoher Teppich überzieht, hielten sich noch im 20. Jahrhundert Banditen monatelang vor Polizei und Gesetz versteckt. Vielen Autoren bot die Macchia Stoff für Geschichten. Und während sich die Pferde den Weg durch Büsche, stachelige Zweige und kleinwüchsige Korkeichen bahnen, kann man sich nur allzu gut vorstellen, dass dieses Stück Natur selbst voll geheimer Geschichten steckt. Ein Waldbrand hatte vor einigen Jahren diesen Hügel von L`Ospédale in eine schwarze Wüste verwandelt. Heute zeugen davon nur noch verbrannte Äste, die sich wie hilfesuchende Hände aus dem Gestrüpp strecken. Längst hat die Macchia wieder Besitz ergriffen von dem Berg und ihn für Eindringlinge undurchdringlich gemacht. Zum Teil mit der Machete haben die Mitarbeiter des Reitstalls den kleinen Trampelpfad zur alten Festung freigelegt, der sich staubig den Hang hinauf windet. "Achtung, hier wird's eng", ruft Vincent der Sechsergruppe zu. Rechts ragt ein kantiger Felsbrocken aus dem Gebüsch und versperrt den ohnehin kaum passierbaren Pfad. Ganz vorsichtig suchen die Pferde Halt, winden sich geübt am Hindernis vorbei - sie sind Steine, Stacheln und Steilhänge gewöhnt.

Braun, silbern, hellgrün, beige - die Farbenpracht dieses dornigen Urwalds ist unendlich, der Geruch betörend. "Auf Korsika wachsen 2000 verschiedene Pflanzen", erklärt Vincent, "allein 78 davon gibt es nirgendwo sonst auf der Welt." Rosmarin, Myrthe, Lavendel und Eukalyptus vermischen sich mit dem Pferdeschweiß zu einem süßlich-herben Potpourri der Wildnis. Die Sarazenen, die Genueser, Napoleon, der Freiheitskämpfer Pasquale Paoli - alle scheinen sie auf einmal ganz nah. Der Duft erweckt die bewegte Geschichte der Insel wieder zum Leben.

Und plötzlich, auf einem Felsvorsprung, erhebt sich die größte bisher freigelegte Festung Korsikas gegen den abendlich geröteten Himmel. Majestätisch thront das Castellu d`Arraggiu zwischen Büschen und Geröllbrocken. Eine vier Meter hohe und zwei Meter breite Umfassungsmauer umgibt die eigentliche Kultstätte, zu deren Innenraum ein mit Steinplatten überdeckter Eingang führt. Nicht nur hier, auch weiter im Hinterland der Insel findet man Überreste einer fast vergessenen Kultur. Zum Beispiel die Mégalithes de Cauria, bis zu vier Meter hohe Steinskulpturen, die mitten in der Natur empor ragen. Das um 1400 v. Chr. begonnene Bauwerk von Arraggiu strahlt eine eigentümlich mystische Atmosphäre aus. Grillen zirpen, erste Fledermäuse flattern im Zickzack durch den Innenhof der Festung. Nach und nach verschwindet das Tal und der Golf von Porto Vecchio in der Schwärze der Nacht, die langsam über die Hügel kriecht.

Der Rückweg ist fast ein bisschen unheimlich. Der Mond hängt jetzt als rotgoldene Scheibe über dem Meer, die Büsche scheinen nach den Reitern zu greifen, und hinter jedem Stein verzerrt sich ein Banditengesicht zu einem angriffslustigen Grinsen. Doch als die Pferde schließlich dampfend auf den Hof traben, würden alle am liebsten umkehren und sofort wieder eintauchen in die mystische Macchia mit ihrem verführerischen Duft, der wortlos so unendlich viele Geschichten erzählt.

Informationen zu Korsika und Ausflügen per Pferd gibt es unter www.maison-de-la-france.de oder unter der Nummer: 0190/57 00 25 (0,61 Euro pro Minute).