26.04.1991,
DIE ZEIT, Helmut Schödel
Es ist Frühling, keine schlechte Jahreszeit für ein Buch über Wien. Im Prater blüh’n wieder die Bäume. „... ich liebe Wien“, schreibt Wolfgang Koeppen in einem Text über Karl Kraus, „die Lipizzaner am Mittag im Stall, wenn sie sich ausruhen von der Vorstellung und dem Beifall, liebe den Moder der Kapuzinergruft, weil die alten Oger nun tot sind, den Tafelspitz beim Sacher, der nicht immer gut ist, die Torte beim Dehmel, die man als Kind gegessen haben muß, um die Enttäuschung zu schlecken, die unheimlichen Witwen im Prater, die miteinander tanzen, unter Schleiern verschlungen, Bacchantinnen und Klageweiber, die süße, faule Nacht am Naschmarkt, wo jedermann versteckt ist, die Lust, die Pest, die Türken .